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Wut und Schmerz

Traum:
Ein Erwachen, während dem mir meine aktuelle Situation erst so richtig bewusst wird. Ich wohne wieder im Loft. Seit einigen Tagen lebe ich mit Anette zusammen. Irgend etwas muss mich dazu bewogen haben, eine Beziehung mit ihr einzugehen. Ja, ich war sogar damit einverstanden, dass sie zu mir zieht. Je wacher ich werde, je klarer mir wird, welche Konsequenzen das hat, um so alptraumhafter erscheint mir dies alles. Wie konnte ich das nur tun? Das Zusammenleben mit ihr ist problematisch. Ihre Unzufriedenheit nahm seit ihrem Einzug zu. Sie hat viel an meinem Leben auszusetzen – eigentlich passt ihr gar nichts – sagt aber kein Wort dazu. Im Laufe der letzten Tage wurde sie immer aggressiver. Ihr hageres Gesicht zeigte sich immer unbeweglicher, der Mund fest verschlossen, während in ihren Augen scharfe Messer blitzen. Ich spüre ihre Ablehnung – es hat etwas Vernichtendes.

Es ist Wochenende. Moina sitzt bereits am Esstisch, direkt hinter einem Stützpfeiler. Anette knallt mit zornfunkelnden Blicken einige Scheiben Toastbrot auf den Tisch. So als wolle sie damit ausdrücken: Schluss mit lustig – der unnötige Luxus hat hiermit ein Ende! Ihr lauernder Blick erwartet meine Reaktion. Sie weiß genau, dass ich am Samstag gerne Brötchen esse und schon mal schlechte Laune kriege, wenn ich stattdessen mit Toast vorlieb nehmen muss. Allerdings habe ich heute nur wenig Appetit auf Brötchen, so dass ich nicht darum kämpfen mag, und zeige mich mit einem tiefen Seufzer einverstanden: „Okay, essen wir halt Toast.“

Anette ist total genervt! In diesem Loft hocken wir ständig beisammen, es ist kaum Ruhe zu finden. Moina sorgt auch für Trubel. Anette ist depressiv, was sich phasenweise derart verschlimmert, dass ihre Gegenwart nahezu unerträglich wird. Ihr ständiges Nörgeln, ihre Unzufriedenheit, die unterschwellig schwelende Wut und ihr Schweigen erlebe ich als immer bedrückender. Ich bereue meine Entscheidung. Ihr kann ich es nicht anlasten – sie ist so, und das wusste ich bereits vorher. Klar, sie ist extrem ruhebedürftig, sie ist empfänglich für allerfeinste Schwingungen – sensibel und sensitiv – sie kann sich nicht abgrenzen und es wird ihr schnell zu viel. Kein Wunder, dass sie sich nach wenigen Tagen in dieser Situation überfordert und frustriert fühlt. Ja, ich habe einen Fehler gemacht! Es sieht so aus, als platze Anette vor lauter unverarbeiteter Eindrücke. So denke ich zu ihr hin: ‚Magst Du einen Ausflug machen, damit Du mal hier raus kommst?’ Sie nimmt die Idee tatsächlich an. Kurz darauf erscheint eine Freundin – Frau aus dem KiTa-Team – und holt Anette mit dem Auto ab.

Eine Viertelstunde später kehrt die Freundin allein zurück. Sie nickt mir lächelnd zu: „Gut gemacht, richtige Entscheidung.“ Ich atme auf und durch – Erleichterung! Ich denke nochmals über meine Lage nach und während der nächsten Schritte komme ich an einen Tisch, an dem zwei Freundinnen Riekes sitzen. Die beiden stecken tuschelnd ihre Köpfe zusammen, schauen immer wieder abfällig in meine Richtung. Ich bekomme mit, dass sie sich darüber empören, dass ich Anette zu einem Ausflug fortschickte. So als haben Anette und ich nichts Besseres (nämlich Arbeiten!) zu tun. Da reißt mir die Hutschnur, die Wut bricht hervor und ich höre mich schreien: „Ihr könnt nichts, außer den lieben langen Tag zu tratschen und euch abfällig über eure Mitmenschen auszulassen! Und warum? Ihr müsst andere niedermachen, um euch zu erhöhen!“ Die Frauen schauen mit offenen Mündern, sprachlos ob meines respektlosen Gebrülls. Mir schießt für einen Sekundenbruchteil ein Gedanke durch den Kopf: ‚Ich bin genau so? …!’ Egal, ich schreie weiter: „So, und ihr meint jetzt, ich mache es ja auch gerade?! Jawohl, das seht ihr richtig! Und damit es ganz klar ist, ich stehe zu meiner Arroganz!“

Aaah, das tut gut, ich fühle mich regelrecht befreit.

Nur wenige Schritte weiter – mehr im Halbdunkel – sitzt Aisha am Bett eines alten Mütterleins und schaut zufrieden grinsend zu mir her.
Aha, denke ich zynisch, wen haben wir denn da – extra eingeflogen, was! Erneut bricht die Wut hervor, denn sie ist nicht ganz unschuldig daran, dass ich mich in dieser Lage befinde. So als seien meine Zeigefinger Pistolen, ziele ich mit beiden Händen auf sie und brülle: „Und DIR sage ich jetzt eines: Ich gehe, ich mach das nicht mehr mit!!“

Fest entschlossen wende ich mich ab und gehe nach rechts in eine eher dunkle Nische – erinnert an den Fahrstuhl im Media-Markt. Darin befindet sich ein Terminal zur Datenübertragung. Ein Stehpult mit Tastatur und Scrollmouse; oben an der Wand hängt der Monitor. Ich beginne, das Feld zu räumen, aufzuräumen. Genauer gesagt, werde ich jetzt alle Traum-Dateien auf meine persönliche Festplatte zuhause übertragen und dort speichern. Die ältesten Dateien zuerst. Ich klicke mich mühsam durch die Dateiliste. Es geht viel zu langsam und ich suche nach einer Alternative. Dabei bemerke ich, dass es sich bei dem Monitor um einen Touchscreen handelt. Mit dem Zeigefinger berührt, rollt die Ansicht rasch bis nach unten zur ältesten Datei. Ich bin ein wenig überrascht, dass es sich bei den ersten Dateien um Moinas Nachtlieder handelt – als Nachtlieder werden die Träume von Kindern bezeichnet. Erst später folgen meine Träume. Uih uih, so viele Träume… das wird eine Heidenarbeit. Aber egal, das gehe ich jetzt an, ich bin fest entschlossen, das hinter mich zu bringen. Und das fühlt sich gut an.

Als ich wieder aufwache, sitze ich an einem Tisch; in einer kleinen Kabine neben dem Terminal. Ich bin nass vor Tränen, ein nicht enden wollendes Schluchzen schüttelt mich. Es kommt aus tiefstem Grund. Da bemerke ich, dass mich jemand tröstet. Thomas sitzt rechts neben mir, hat einen Arm um meine Schulter gelegt. Seine andere Hand liegt auf meiner anderen Schulter – ich spüre Wärme, fühle mich gehalten. Bei ihm darf ich einfach weinen. Es ist so tröstlich, so angenommen zu werden. Irgendwann fragt er voller Anteilnahme: „Was hast Du?“ Meine Antwort geht im Schluchzen unter, aber ich weiß, es ist die Trauer. Ich habe viel Zuversicht, Hoffnung und Kraft in diesen Lebensabschnitt hineingegeben, habe hier etwas aufgebaut. Es war vergebens, denn ich habe einen Fehler gemacht. Nun muss ich abbrechen und ganz neu beginnen. Es ist der Schmerz um das, was verloren ist. Die Tränen sind nicht mehr zu halten, der Staudamm ist durchbrochen.

Unvermittelt finde ich mich im Badezimmer wieder. Nur Schummerlicht. Moina steht vor der Wanne. Ich will Wasser einlaufen lassen. Da sehe ich, dass die Wanne zu einem Drittel mit Wasser gefüllt ist und… es schwimmt ein Stück Kacke drin herum. Uah, ich mache es nicht gerne, greife dann aber zu, um das glubbschige Teil ins Klo zu befördern. Aber oje oje, auf dem Wannenrand, auf der Klobrille und vielleicht auch auf dem Fußboden liegt noch mehr herum. Na, so schnell wird das wohl doch nichts. Ich beginne mit der Grundreinigung.

Notiz:
Als ich gegen fünf Uhr aufwachte, brannte Licht im Flur. Moina war im Bad… – kurz gesagt: Magen-Darm-Virus.

Beim Traumerinnern dachte sich:
„Es lebten einst in dem Gemäuer
Die Nette und das Ungeheuer
Es brach entzwei das Tor und … – Ach!
Jetzt bin ich wach.“

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