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Vigis Abendmahl aus Jüngersicht

Traum:
Wie geplant, erreiche ich zur vereinbarten Zeit den Treffpunkt. Ein weiter Vorraum, von dem viele Gänge in verschiedene Richtungen fortführen. Heute ist Tag der offenen Tür. Virgilio sitzt vor seiner Künstlerwerkstatt und schaut wer hinein geht. Er achtet darauf, dass jeder einen Teelöffel Weihwasser einnimmt, ehe sein Schaffensraum betreten wird.

Noch vor mir eilt ein Besucher derart schnell in die Werkstatt, dass er das von Vigi gereichte Weihwasser übersieht. Offenbar ist dies nicht der erste Besucher, der blindlings am Weihwasser vorbeirauscht, denn Vigi zuckt ermattet mit den Schultern. Die segnende Wirkung des Weihwassers sorgt dafür, dass der Raum nicht durch einen Uneingeweihten entwürdigt wird, denn das hätte zur Folge, dass Vigi eine große Reinigungsaktion bevorstände. Ich selbst bemerke das Weihwasser im allerletzten Moment, kehre auf der Schwelle um, laufe zu Vigi, nehme den Teelöffel mit dem Weihwasser – der Anblick erinnert an die Einnahme einer bitteren Medizin – und lasse es auf die Zunge rinnen. Schnell will ich dem Uneingeweihten folgen, da es die Entwürdigung mindert, wenn sich wenigstens eine eingeweihte Person in dessen Begleitung befindet. Eigentlich müsste ich achtsam innehalten, das Weihwasser langsam auf der Zunge zergehen lassen und den Moment würdigen. So hoffe ich, Vigi sieht mir diese Eile nach! Während ich laufe, versuche ich so gut als möglich, dem Weihwasser nachzuspüren und es möglichst lange auf der Zunge zu behalten.

'Calla auf Matte' von Traumzeit Die Künstlerwerkstatt. An der Wand gegenüber der Tür befindet sich ein Altar, wie in einem großen Gotteshaus. Vor dem Altar liegt eine Bambusmatte am Boden. Darauf ein Meditationskissen aus rotem Stoff, der von zarten Ornamenten in Gold durchwirkt ist. Vor dem Kissen liegen einige Arbeiten Vigis. Tuschezeichnungen auf Reispapier. Mindestens drei der Blätter zeigen ein und das selbe Motiv in Abwandlungen: ein großer runder Kreis. Das zuoberst liegende Bild betrachte ich genauer. Das Glutrot der aufgehenden Sonne verläuft, von unten kommend, mit der Silberscheibe des Vollmondes. Unten links, im sonnenroten Bereich strebt eine Calla Lilie in das Rund. Diese Calla Lilie ist so sorgfältig und naturgetreu nachgestaltet, dass sie regelrecht plastisch und lebendig wirkt. Es ist ein sehr schlichtes und doch eindrucksvolles Bild. Mein Blick verweilt.

Unvermittelt – es kommt völlig überraschend – wird mir das Bild des Abendmahls gezeigt. Es füllt mein ganzes Blickfeld aus. Dieses Gemälde ist Leonardo da Vincis ‚Abendmahl’ nachempfunden, allerdings gestaltete es Vigi neu. Sachverständige Männerstimmen erklären mir eindringlich, das Vigi das Bildmotiv spiegelte. Das heißt:
Jesus bildet die Achse, den Montagepunkt, und bleibt somit an seinem Platz sitzen. Die Jünger ganz links am Tisch (Bartholomäus, Jakobus und Andreas) wechseln also nach rechts, während die anderen drei (Matthäus, Thaddäus und Simon) nach links wechseln. Anfangs denke ich, es sei unmöglich, weil man dabei Jesus total verdrehen würde. Kurz und eilig erklären mir die Männer, dass es anders ist. Mein Eindruck ist, als solle ich diese ganze Angelegenheit so schnell wie möglich begreifen. Also, es wird weiter erklärt, Jesus würde dadurch nicht verdreht, allerdings komet komme es zu einer anderen Veränderung, die sehr interessant sei. Durch die Achsendrehung/Spiegelung bekomme der Betrachter nämlich etwas sehen, was auf dem alten Bild verborgen blieb. Bisher konnte man immer nur sehen, was sich hinter den Rücken der Jünger abspielte. Durch die Drehung folgt ein Perspektivenwechsel nach vorn.

Vor meinen Augen dreht es sich, karussellartig taumelnd, die Sicht verschwimmt. ES geht so schnell, ich komme gar nicht zu nachdenken. Was ich nun sehe, ist das Geschehen aus Sicht der Jünger. Der Blick geradeaus geht zum Kreuzgang. Aus vielen Bogengängen schreiten ganze Prozessionen von alterslosen Nonnen in das heilige Gewölbe. Sie ähneln einander, als sei eine einzige Person bis ins Unendliche vervielfältigt worden. Soweit das Auge durch all die Bögen hindurch reicht… ein Strom von Nonnen, die sich hinten in der Ferne in einem Punkt auflösen. Ich bin fassunglos, wie vom Donner gerührt. Ein fast tonloses „Oh, mein Gott!“ haucht über die Lippen.

Ich spüre unbeschreibliche Betroffenheit und Ehrfurcht.

Anmerkungen:
Mike las gestern Abend die ersten Seiten aus dem Buch Das Paulus-Evangelium von Wolfgang Hohlbein. Als ich ihm das Telefon an den Schreibtisch brachte, überarbeitete er gerade einen Nonnen-Traum. Beides war meinem Wachbewusstsein entgangen. Wir überlegten gestern, mal wieder ins Museum für Moderne Kunst zu gehen. Bei unserem letzten Besuch hatte ich mir dort eine Postkarte gekauft: Nonnen in Schwarz-Weiß.

Vigi erinnert an den gestrigen Trommelabend. Meine erste Berührung – im wahrsten Sinne des Wortes – mit einer Djembé. Anfangs war ich verkrampft und konzentriert, doch als ich es begriffen hatte, spürte ich eine leise Ahnung dessen, was vielleicht möglich sein könnte. In der Djembé finde ich die Kreisform der Tuschezeichnung aus dem Traum wieder.

Die Calla Lilie:
Da sehe ich einen Zusammenhang mit den Inspirationen, die seitens Books and more und Wilder Kaiser kamen. Einmal der Tipp Georgia O`Keefe in die Google Bildersuche einzugeben, was dann beispielsweise zu solch einem Ergebnis führt. Zum anderen der Linktipp zu Robert Mapplethorn. Offenkundig sehr inspirierend!

Eine erste Recherche im Internet führte zu dem Ergebnis, dass die Calla Lilie ein Symbol für Glaube, Reinheit und weibliche Anmut und Schönheit ist. Ich las von Unsterblichkeit und dass die Calla auch als Totenblume bezeichnet wird.
Ich meine, dass die Calla Lily in diesem Traum auf den Muschi-Traum verweisen möchte. Etwas weitergedacht birgt sich im Symbol der Muschi zumindest ‚der kleine Tod’.
Die Calla Lilie ist dann auch eine festliche Blume, die gerne mit Hochzeit in Verbindung gebracht wird. Der phallisch geformte Blütenstängel gibt einen Hinweis auf Wiedergeburt und Auferstehung. Was sich ebenfalls in der trompetenartigen Blütenform, die auf den jüngsten Tag hinweist, andeuten mag. Da die Calla Lilie auch in der dunklen Zeit blüht, wurde ihr Weiß bereits bei den Römern mit Licht assoziiert.
Ah, fast hätte ich die Jungfräulichkeit vergessen, die hier assoziiert wird. Das passt im Traumzusammenhang insofern, als dass mich der Name Virgilio eh immer an Jungfrau denken ließ.

Ein paar Infos aus dem Net zum Montagepunkt:
Was ist Tensegrity?
Träumen und Pirschen

Links: Leonardo da Vincis Abendmahl (zoomable Version)
The Last Supper in detail

Verwandte Träume:
Da Vinci Code zum Abendmahl
Körperreinigung im Dom
Die Muschi
Frau – Öl auf Leinen

Bildherkunft:
Calla Lily – Stock.xchng/ Falto

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