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Feministin wider Willen

Traum:
In einer Bahnhofsstube mit anliegendem Warteraum. Nachdem ich mein Gepäck vor dem Check-In abgestellt habe, gehe ich in die Warteecke. Dort treffe ich ein Ehepaar aus der Schweiz. Den Mann kenne ich bereits: es ist Piko, ein murrender Mann; einst prominenter Fußballspieler, aber inzwischen in die Jahre gekommen. Nun lerne ich seine Frau kennen. Sie ist sehr schlank und ihre nackten Unterschenkel wirken etwas sehnig. Anfangs kann ich nicht eindeutig erkennen, ob sie hellhäutig ist, oder eine leichte Hauttönung hat, da die Haut so glänzt. Erst später erkenne ich die gelbbraune Haut. Sie trägt einen fröhlichen Sommerrock und Flip Flops. Sie sitzt auf einem Tisch und lässt die Beine baumeln. Ihre Haare sind schwarz und gekräuselt. (Assoziation: Josephine Baker) Mir gefällt ihre offene und sympathische Art. Ja, sie wirkt so vertrauenserweckend, dass ich mich traue, ihr eine Frage zu stellen, die mich schon länger beschäftigt.

„Darf ich Sie mal etwas fragen?“

Sie freut sich und meint: „Na klar!“

Hmm, wie soll ich anfangen… „Okay, ich weiß, dass es ein Klischee ist, ein Vorurteil, ja es ist auch eine Verallgemeinerung! Dennoch würde mich interessieren, ob es tatsächlich so ist, dass sich die Schweizer so ungern vom Alten lösen und sehr an Traditionen hängen? Ganz allgemein betrachtet!“

Sie lacht kurz auf, voller Wärme in der Kehle und sagt vergnügt: „Ja, das stimmt!“

„Hmm, okay… das ist interessant“, antworte ich nachdenklich.

Mit einem Male fällt mir mein Gepäck wieder ein, und ich drehe mich zum Wartebereich um. OJE!!! Inzwischen hat sich dort eine lange spiralförmige Warteschlange gebildet! So viele Wartende/Reisende! Mein Gepäck steht irgendwo dazwischen, aber nicht mehr in der Spirale selbst. Darum muss ich mich jetzt kümmern!

Mike und ich reisen dann mit dem Bus ab. Mit dabei sind auch Piko und seine dunkle Schweizerin. Wir alle haben nur einen Stehplatz in dem proppevollen Reisebus bekommen. Nach einiger Zeit gelangen wir in ödes Land. Es ist ein feuriges Land – vielleicht wie Ungarn. Die Gegend ist dunkel verhangen, wie von Rußwolken geschwängert. Alles wirkt wie versengt. So karg und gelb die verbliebenen Grasbüschel. Aus den Augenwinkeln sehe ich einige schwarz verkohlte Baumreste. Vermutlich gab es hier größere Unruhen, ähnlich einem Flächenbrand. Eine unbenennbare Traurigkeit liegt über dem Land. Warten auf Neuordnung.

Hier – in Budapest – ist auch die nächste Haltestelle. Die dunkle Schweizerin steht neben mir im mittleren Ausstiegsbereich. In diesem noch trostlosen Land steigen nur wenige aus. Die Schweizerin wirkt nun sehr ernst und in ihren Augen ist Entschlossenheit zu lesen. Sie erzählt mir dann, dass sie hier aussteigen werde. Sie sei Feministin und wolle sich hier für die Rechte der Frau einsetzen. „Ich werde dafür kämpfen!“ sagt sie mit fester Stimme. Wie sie das so sagt, hat es etwas Mitreißendes und Faszinierendes! Es belebt mich, und die Vorstellung, es ihr gleichzutun, gibt mir das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, das mir wichtig ist. Es bleibt nicht viel Zeit zum Überlegen und ich steige mit der Schweizerin aus dem Bus.

Ja, und dann ist der Zug auch schon abgefahren! Mike ist fort, die Schweizerin hat sich gleich auf den Weg gemacht – keine Ahnung wohin. Und mir wird nun bewusst, dass ich unbedacht handelte. Ich war nie eine Feministin! Ich wollte auch nie eine Feministin sein oder werden – auch heute nicht! Das ist ja ganz furchtbar – was habe ich nur getan! Und wie werden Mike und ich uns wiederfinden? Mich beruhigt, dass er ja mitbekommen hat, dass ich hier in Amsterdam (Budapest trägt den Namen Amsterdam) ausgestiegen bin. So wird er mich hier hoffentlich als erstes suchen?! Weiß er es wirklich? Amsterdam, Budapest, Amsterdam, Budapest? Kann ich sicher sein, wie dieser Ort wirklich heißt? Ich fühle mich verunsichert. Und mit einem Male bricht alles in mir zusammen. Wenn ich jetzt schwach sein dürfte, würde ich verzweifelt und weinend zusammenbrechen – hier, auf der Stelle! Aber mit dieser Schwäche lieferte ich mich jedem und allem aus! Wer weiß, was mit mir geschähe und was man mit mir anrichten würde?! Ich muss stark sein und aufrecht bleiben. Nur so komme ich weiter.

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