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Schwäche

Traum:
Die Busfahrt nach Bremen ist von nüchterner Stimmung getragen. Ich sitze ganz vorne am Einstiegsbereich. Ein blasser Mann in schlecht sitzendem Anzug – er kommt mir bekannt vor – steht dort. Es gab keinen Sitzplatz mehr. Er sieht sehr müde und erschöpft aus. So stehe ich auf und biete ihm meinen Platz an. Im ersten Moment möchte er das Angebot nicht annehmen, aber ich nicke ihm aufmunternd zu und er nimmt zögernd Platz.

Nun erst, da ich stehe, wird mir die überwältigende Müdigkeit bewusst, die mich schon längst erfasst hatte. Ich fühle mich völlig kraftlos und unendlich erschöpft. Zum Glück erreichen wir den Vorplatz des Hauptbahnhofs und halten. Mit letzter Kraft schaffe ich es, die Stufen hinunter aus dem Bus zu steigen. Mit Moina an der Hand mache ich mich auf den Weg und überlege, wohin ich gehen soll. So geschwächt, werde ich nicht mehr weit kommen.

Wir betreten eine kleine Boutique. Sie liegt in schummerigen Halbdunkel. Eine Verkäuferin ist zu hören. Ich schaue mir die Klamotten an. An der Kleiderstange hängen wunderschöne Röcke aus kühlem Crinkle-Stoff; in warmen Herbstfarben. Einer gefällt mir ganz besonders. Leider hat dieser einen schwarzen Gummizugbund mit weißer Aufschrift. Das stört mich und ich hänge den Rock zurück. Dabei entdecke ich einen rotbraunen Spitzen-BH. Toll, den will ich anprobieren. Die Stahltür zum Lagerraum öffnet sich und ich sehe den Rezitator mit mürrischem Blick, der auf der Schwelle stehen bleibt und in den Raum schaut. Nun könnte ich ihm während der Anprobe einfach den Rücken zudrehen. Aber nein, selbst damit fühlte ich mich im Moment zu nackt. Ich setze mich also neben dem Kleiderständer auf den Boden und ziehe, vor seinen Blicken nun geschützt, meinem Pulli aus. Heute trage ich einen mauvefarbenen Spitzen-BH mit einem schwarzen Seidenröschen am Steg. Ich streife ihn ab, probiere den rotbraunen an. Der BH sitzt bestens, sieht gut aus. Jedoch habe ich kein Geld für so etwas übrig und muss ihn wieder ausziehen. Außerdem will ich aus der Boutique raus. Die Verkäuferin sitzt vor mir, als ich meinen Pulli überstreife. Oje, ich trage ja drei BHs übereinander! Sogar den rotbraunen trage ich noch! Wie peinlich, ich will schließlich keinen Diebstahl begehen! Ich entschuldige mich, ziehe alle aus und nehme dann einen labberigen weißen Baumwoll-BH, der sichtlich abgetragen ist und zeige ihn der Verkäuferin: „Es ist ja deutlich zu erkennen, dass dies mein eigener BH ist, oder?“
„Nein“, meint sie „das ist nicht zu erkennen! Aber ich vertraue Ihnen, sie sagen die Wahrheit.“ Wohler hätte ich mich ja gefühlt, wenn sie es auch erkannt hätte! Mir fehlt allerdings die Kraft, mich noch weiter damit zu befassen und mit Moina an der Hand verlasse ich das Lädchen.

Dabei gelangen wir auf einen Gang. Rechts ist eine langgezogene Nische in der Wand. Dort sehe ich einen Stapel mit Formularen liegen – Einkommenssteuererklärungen. Prima, da nehme ich gleich eins mit nach Hause und werde die Erklärung endlich ausfüllen. Marek arbeitet hier als Beamter, tritt hinzu und erklärt, die Einkommenssteuererklärung müsse hier vor Ort und in seiner Gegenwart ausgefüllt werden. Es sei nicht so wie in Norddeutschland, wo es ein kleines Beiheft gäbe und man es mit Hilfe dieser Anleitung allein zu Hause machen könne. Das ist ja blöd! Um wie vieles unkomplizierter es doch in Worpswede war! Ich habe jetzt keine Lust und Kraft zum Ausfüllen dieser Unterlagen.

Moina und ich verlassen das Gebäude und gelangen an eine Parkbucht. Marek hat hier das Taxi abgestellt, öffnet uns die Autotür. Während wir einsteigen, drückt er seine Lippen weich und fest auf meinen Mund, verbleibt so mich begleitend, bis ich mitten auf der Rückbank sitze. Es fühlt sich vertraut an. Ein Begrüßungskuss in alter Freundschaft hätte mich nicht gewundert, aber dieser währte erstaunlich lang. Während er sich hinter das Steuer setzt, frage ich ihn, ob seine Frau – die auf dem Gehweg steht – denn nichts dagegen habe. Nein, so meint er, sie habe inzwischen einen Freund und so habe auch er alle Freiheiten. Mir ist damit trotzdem nicht ganz wohl. Aber es ist mir jetzt auch egal – ich bin einfach nur noch müde.

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