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Autist

Traum:
Später Abend im Haus des Lichtboten. Es klingelt an der Haustür. Wer kommt denn jetzt so spät? Die Haustür hat zwei Türflügel mit einer großen Glasscheibe. So sehe ich draußen den Sohn (12 Jahre, Autist) im nächtlichen Dunkel stehen. Er hat den Kopf etwas zwischen die Schultern gezogen. Vielleicht sieht es im Dunkel auch nur so aus, weil er Schal und Mütze trägt. Wie auch immer, ich kann nicht erkennen, wer es ist. Das Erkennen des Jungen ist mir auf einer Ebene bewusst, die in keiner Verbindung zur Schlussfolgerung „Ich kenne ihn, also kann ich die Tür öffnen“ treten kann. Also werde ich die Tür nicht öffnen. Schweigend bleibe ich stehen und schaue nach draußen zu dem Jungen. Bald ertönt eine klare Stimme hinter mir im Haus: „Bitte öffne ihm!“ Dieser Stimme kann ich vertrauen.
'Autist' von TraumzeitSo öffne ich die Tür, lasse den Sohn rein und trete hinaus ins Dunkel. Der Vater und die Mutter stehen dort mit ihren Fahrrädern – zum Abfahren bereit. Der Mann ist jener, der vorhin Doris im Rollstuhl schob. Die etwa dreißigjährige Frau wirkt ernst und agil, hat einen blonden Lockenkopf. Da entdecke ich Moinas Rucksack in ihrem Fahrradkorb. Ein Gefühl der Betroffenheit durchfährt mich. Mit einem Male wird mir alles klar! Diese Frau und dieser Mann… sie sind die neuen Eltern des Kindes! Aber keiner von ihnen wäre ein leiblicher Elternteil. Aufgrund von mehreren Prozessen kam es nun dazu, dass zwei Fremde die Elternschaft übernehmen. Bei aller Traurigkeit, die mich damit erfüllt, muss ich doch auch daran denken, dass sie sicher die besseren Eltern sein werden. Ich war nie eine gute Mutter. Meine Gedanken gehen zurück, und ich erinnere mich:
Damals, als mein Sohn noch ein Baby war, da war es noch leicht. Ich nahm ihn in meine Arme, drückte ihn an mich und streichelte ihn. Wir trafen uns in seiner altersgemäßen Sprachlosigkeit und verstanden uns ohne Worte. Doch dann kam die Zeit des Sprechens. Da stieß ich an meine Grenzen. Mein Schweigen für jedes Wort aufs Neue zu sprengen kostete unbeschreibliche Anstrengung. Satz um Satz. Und so sprach ich nur wenig mit meinem Sohn; nur das Notwendigste.
Und nun… der verschlossene Schmerz quillt aus allen Ritzen hervor. Ich kann nicht weinen, weil doch alles meine Schuld ist.

Notiz:
Gestern las ich eine Anekdote von der Mutter eines autistischen Jungen, wo es sich genau anders herum darstellte. Der Sohn öffnete seiner Mutter nicht die Tür.

Dieses Traum-Kind erinnert mich an ein Traumbild zu einem Traum vom 14. Juli vergangenen Jahres.

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