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Von der Furcht Feuer zu fangen

Traum:
Mit einem Zug unterwegs durch die Düsternis des Alten. Gemeinsam mit anderen Fahrgästen sitze ich in einem alten, etwas finster anmutendem Speisewagen, der an eine stillgelegte Bahnhofsstube erinnert. Abgetretene Dielenbretter. Ein Inhaber, der in einer Zeitung liest, die vor ihm auf dem Tresen liegt. Immer wieder hebt er prüfend den Blick und streift mit grummelndem Gesichtsausdruck die Gäste.
Alle Tische sind vorbereitet. Auf jedem Platz steht ein Anrichteteller mit neun unterschiedlichen Stückchen Kuchen aus Rührteig. Auch Moina und ich sitzen jede vor so einem Kuchenteller. Natürlich müssen wir nur für den Kuchen zahlen, den wir gegessen oder angeknabbert haben. Das Angebot stellt keine Verpflichtung dar. Dennoch… der Inhaber scheint ein kluger Geschäftsmann zu sein. Die Teller müssen an ihrem Platz bleiben, auch wenn kein Interesse daran besteht. Moina ist stets versucht, alle Kuchen zu probieren oder mit den Fingern darin rumzubohren. Oder ihr fällt das Stück Kuchen, von dem sie gerade isst, auf ein anderes Stück, das in der Folge zerkrümelt. Wenn es so weiter geht, werde ich alle neun Kuchenstücke auf Moinas Teller bezahlen müssen. Es ist anstrengend, ständig aufpassen zu müssen. Ich habe keinen Appetit und mir wäre am liebsten, auch Moina würde nichts davon essen. Am besten, wir stehen jetzt schon auf und gehen zum Ausstieg, um diese anstrengende und Aufmerksamkeit fordernde Situation hinter uns zu lassen. Kaum mache ich die erste Bewegung, da trifft mich der Blick des Inhabers und er fordert mich auf: „Bitte setzen Sie sich wieder!“
Es klingt wohlmeinend. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, als folge der Inhaber einem alten Gesetz dieser Eisenbahnlinie. Ja, es ist so, als stelle er sich in ihren Dienst und tue mit dieser Aufforderung nur seine Pflicht. Kraftlos und ernüchtert sinke ich auf den Stuhl zurück.

'Feuer fangen' von Traumzeit Beim nächsten Halt steigen wir aus. Die Atmosphäre ist wie von Rußwolken überlagert. Moina geht voran. Ich halte sie fest, während sie die Stufen aus Eisengitter hinunter steigt. Auf den Stufen ein Innehalten und Überlegen… Ob es klug ist, an dieser Stelle auszusteigen? Schließlich weiß ich nicht, ob es hier einen Anschlusszug gibt und wann er fährt. In meiner Hand sind nur wenige 1 DM und 2 DM Münzen. Ich kann es mir nicht erlauben, es einfach darauf ankommen zu lassen und irrend hin und her zu fahren! Womöglich ist dies auch die Endstation und ich komme hier gar nicht weiter! Dann müsste ich wieder zurück. Dieser Ort scheint hinter dem Mond gelegen. Vielleicht fährt nie wieder ein Zug zurück? Point of no return?

Die Fahrt geht weiter. Wir halten irgendwann in einem abseits gelegenen Waldgebiet und alle steigen aus. Wie großzügig, dass wir hier die Kuchenteller mal hinter uns lassen können. Bald sitzen wir auf einer klammen Lichtung im Kreis. Der Speisewagenbetreiber sitzt etwas abseits und beobachtet alle schweigend, mit durchdringend forschendem Blick. Man könnte fast meinen, August sei in anderer Gestalt erschienen, so sehr ähnelt ihm dieser Mann. Einige Frauen und ich haben einen Ast gegriffen und halten diese in Richtung Mitte ausgestreckt. Die Frau links von mir zündet meinen Ast an zwei Stellen an. Anfangs bin ich etwas erschrocken. Es könnte zu Unannehmlichkeiten führen! Das will ich nicht! Warum so etwas riskieren? Doch dann knistert das Feuer nur ganz friedlich und verhalten; geradezu stimmungsvoll. Ebenso ist es mit den anderen Zweigen. Während wir die knisternden Astspitzen zur Mitte halten, entsteht der Eindruck, als solle unser Tun auf einer symbolischen Ebene etwas Heilsames bewirken.

Aber es ist nicht gewiss, dass es so friedlich bleibt!! Das Feuer könnte jederzeit an Kraft gewinnen, so dass wir schließlich doch noch die Kontrolle verlieren! Diese Ungewissheit halte ich nicht mehr aus! Ruckartig ziehe ich meinen Ast zurück und halte ihn mit langausgestrecktem Arm hinter meinen Rücken, damit das Feuer erlischt. Aber es geschieht genau das Gegenteil! Offenbar weht dort ein nicht wahrnehmbarer starker Wind! Die Glut wird schlagartig entfacht! Der Ast wird von lautem Knistern durchdrungen, brennt lichterloh – innerlich, ohne dass Flammen nach außen schlügen!!! Die anderen im Kreis besänftigen mich. Eine Frau legt beruhigend ihre Hand auf meine Schulter. Voller Mitgefühl sagen sie zu mir: „Es ist gut so.“

Später – irgendwann. Die Reise ging längst weiter. Offenbar habe ich inzwischen einen dieser alten Waggons bezogen und lebe nun darin. Im Waggon vor mir lebt ein junger Mann. Das erkenne ich aber erst, als ich eine Dose Getreidekaffee auf eine Ablage abstellen will – da draußen, am Einstieg – und feststelle, dass die stützende Grassode nicht mehr gegeben ist. Denn da trifft gerade die Mutter des jungen Mannes ein: ein bescheidenes altes Mütterlein mit Kopftuch. Neugierig schaut sie mich an, ehe sie zu ihrem Sohn in seinen Waggon steigt.

Notizen:
Gestern blätterte ich den Kalender um. Das Bild für den Juli zeigt ein Lagerfeuer. Darunter der Satz:
„Nutze die Chance Feuer zu fangen, bevor sich alles in Rauch auflöst.“
Mir kam dabei in den Sinn, was es wohl bedeuten würde, wenn ein Traum käme, der dieses Symbol aufgreift. Allerdings zeigten meine bisherigen Erfahrungen, dass nur sehr selten ein Traum ausgelöst wird, wenn es mir als Möglichkeit durch den Kopf gegangen war. Und so vergaß ich die ganze Sache gleich wieder.

Vielleicht gibt es einen Zusammenhang mit der Brandgefahr?
Ferner: Im Traumbuch aus den 70er Jahren wächst ein Mann aus einem brennenden Ast.

Foto: Stock.xchng/ Meaghan Bee – Bearbeitung: me

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