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Die Waffen einer Frau

Traum:
In Worpswede. Meine Eltern feiern heute Abend ein Fest mit vielen Gästen (so um die hundert Leute). Ich bin gerade angereist und sitze im Nachbarhaus, schräg gegenüber dem Elternhaus. Durch das Küchenfenster sehe ich drüben die ersten Gäste eintreffen. Ebenso hier in der Küche. Zwar erkenne ich sowohl hier als auch dort nur Schemen, aber einige von ihnen sind alte Bekannte von mir. Ich freue mich auf den Abend, auf das Wiedersehen nach so langer Zeit, und auf kurzweilige und vielleicht auch intensive Gespräche.

Meine Eltern wirken regelrecht gelöst und offen, als wir uns begrüßen. Vermutlich liegt es an dem jüngsten Todesfall in ihrem Bekanntenkreis und sicherlich hängt es auch mit dem langwierigen Ärgernis zusammen, das sich nun überraschend auflösen ließ. Jedenfalls entspanne ich mich deutlich, als ich dies bemerke.
Die Feier geht bis tief in die Nacht.
Mehr und mehr umflort eine Traurigkeit mein Herz, bis es in mir zum Ende ganz schwer wird. In all den Stunden fand ich zu niemandem Zugang, konnte mich keiner Gesprächsrunde anschließen. Auch umgekehrt schien sich niemand für mich zu interessieren. So sprach ich bis jetzt kein Wort.

Am mächsten Morgen, zu früher Stunde, gehe ich auf leisen Sohlen in das Haus der Eltern. Ich will sie nicht wecken. In den Räumen stehen noch die Tischreihen mit Geschirr, Gläsern und Essensresten. Die Stille hängt schal und trübe dazwischen. Ich werde jetzt mein Gepäck zusammen suchen und abreisen. Was bin ich froh darüber, dieses Mal nur mit leichtem Gepäck zu reisen!
Die Schlafzimmertür öffnet sich und meine Eltern kommen heraus. Sie sehen noch verschlafen aus, sind aber guter Laune und wollen alles aufräumen. Die Haare meines Vaters sind vom Schlaf noch ganz verlegen. Sie sind länger als gewöhnlich, und liegen wie von einem Sturmwind aus dem Gesicht gefegt. Ganz weich verhaaren sie in ihrem Windschnitt. Meine Mutter erzählt ganz glücklich, sie habe sich an diesem Abend gar nicht mit Wilma gestritten. Ja, Wilma werde heute sogar noch einmal kommen! In ihrer Freude über Wilma denkt sie nicht daran, dass ich gleich Abschied nehmen werde. Und wieder füllt sich meine Brust mit Traurigkeit. Meine Mutter möchte mir gerne noch Reste vom Essen mitgeben. Ich lehne ab, denn es würde mich doch nur belasten. Zudem müsste ich ständig darauf achten, dass nichts davon ausläuft und den Kofferinhalt verschmutzt.

Später, am Bahnsteig, auf einer Bank sitzend. Links neben mir sitzt der verstorbene August. Meine Eltern sehen sich noch im Bahnhof um. Ich strecke mein linkes Bein aus und streife einen schwarzen Nylonstrumpf über die Fußspitze, ziehe sie langsam und vorsichtig über die Knöchel und schließlich über die Waden. Der hauchfeine Strumpf liegt angenehm straff auf der Haut, fühlt sich wie verpuderter Zimt an. Augusts Fingerspitzen zittern, als sie vorsichtig über meine Wade streifen und dann das Knie erreichen. Die Berührung knistert spürbar, wie eine zersplitternde hauchdünne Schokoschicht auf schmelzendem Vanilleeis. In mir ein gurrendes Schnurren wie von einer großen schwarzen Katze. Ich genieße diese sinnliche Situation und streife den Nylon langsam über die Schenkel. August kann nicht widerstehen, immer wieder streifen seine Finger fast schwerelos über mein Bein. Und während ich das Flackern in seinen Augen bemerke, fällt es mir wie Schuppen von den Augen! Mir geht geradezu ein Licht auf – eine Erkenntnis! Natürlich!! Es ist so verblüffend logisch, dass ich mich wundere, warum ich nicht eher darauf gekommen bin! Ich erinnere seine Vorliebe für Zarah Leander und Marlene Dietrich. Und im Zusammenhang mit dieser Situation löst sich für mich ein großes Rätsel meiner Kindheit! Ich fühle mich wie befreit.

Meine Eltern kommen hinzu und zeigen sich sehr empört, als sie August und mich miteinander sehen. Doch ehe sie maßregelnd eingreifen, mache ich eine Geste: ‚Stopp! Es ist okay so!’
Und als ich spüre, das dieses Okay zutiefst meiner Einstellung entspricht, wächst eine innere Stärke in mir heran, und ich fühle mich sehr wohl. Vor allem weiß ich eines ganz sicher: ein Wort der Strenge zu August, und er könnte sich einige Minuten beherrschen und seine Finger von mir lassen. Mit all meiner Härte und Strenge könnte ich es ihm sogar ganz verbieten, sobald ich es will. Meinen Eltern ist damit quasi die Luft aus den Segeln genommen und sie entspannen sich.
Die Nylonhaut schmiegt sich pfirsichsamt um mein immer noch ausgestrecktes Bein. Ein paar Mal wippe ich mit dem Fuß und betrachte den schwarzen Stiletto. Mir gefällt, wie es zusammenpasst.

Noch immer sitze ich auf der Bank. Jetzt streife ich einen Nylonstrumpf über mein rechtes Bein. Als ich ihn über die Fußspitze streife, sehe ich gleich, dass ich ihn verkehrt herum anziehe. Nervös fege ich Augusts Finger beiseite. Er soll doch nicht so ungeduldig sein! Es ist ein doppellagiger Nylonstrumpf. Das Innenteil ist ein cremeweißer Netzstrumpf mit einem Goldfaden durchwirkt, der dann von dem außen liegenden cremeweißen Nylonstrumpf überspannt wird. Als ich den Strumpf wieder herunterziehe, rufen meine Eltern laut aus: „Es geht nicht!!!“
Daraufhin erscheinen zwei Aufsichtspersonen von der Deutschen Bundesbahn auf der Bildfläche. Einer von ihnen dreht den Riegel an einem kugeligen Kaugummiautomat, der an der Säule neben meinen Eltern hängt. Eine große Handvoll cremeweißer Luftballons und einige Spielzeugteile fallen in den Schacht. Ganz klar, wenn ich mit dem Nylonstrumpf nicht ganz schnell zurechtkomme, dann wird diese Situation eben auf diese Weise geklärt – so ist es Gesetz und in Ordnung. Meine Eltern nehmen sich eine bescheidene Menge aus dem Schacht und auch ich greife halbherzig hinein, nehme einen Luftballon und zwei Kleinteile.
In mir regt sich jedoch starker Widerstand…
„Das ist doch alles Quatsch hier!!!“ Natürlich kriege ich das mit dem Strumpf hin, aber…
„Gebt mir doch genügend Zeit dafür!!!“, rufe ich aus, setze mich wieder zu August auf die Bank und streife in aller Ruhe den doppelten Nylonstrumpf langsam über mein Bein, während sich August mit bebenden Händen herantastet.

Als ich damit fertig bin, stehe ich auf, gehe einige Meter zurück und stelle mich etwas abseits, um ein wenig Ruhe und Abstand zu gewinnen. Im Rücken spüre ich einen Stützpfeiler, was mir ein wenig Schutz vermittelt. Nun wird mir bewusst, welche Kleidung ich trage. Eine taillenkurze Jacke aus schwarzem Drill in Uniform-Stil. Der Minirock aus gleichem Stoff im gleichen Stil – mit einigen aufgenähten Klappentaschen. Meinen Rock habe ich hochgeschoben, um den Sitz der Nylons zu richten. Zwar entblößt mich das etwas, aber ich stehe etwas vornüber gebeugt, damit es dennoch nicht zu sehen ist. Mein Blick fällt dabei auch auf meine Stiefeletten. Sie sind schwarz, elegant und haben hohe Bleistiftabsätze. Es sind Ösen an den Stiefelseiten, an denen lange Riemen befestigt sind, die bis zum Rock führen und dort wiederum in Ösen eingehängt sind. Ich stelle fest, dass ich mich in diesem strengen und doch elegantem Outfit sehr wohl fühle.
Da tritt von rechts eine russische Offizierin heran, schaut aber an mir vorbei. Weit über die anderen Bahngleise hinweg, so als sähe sie mich gar nicht. Hektisch flüstert sie mir etwas auf amerikanisch zu: „Sie bringen sich in Verdacht!!“ Dies ist nicht als Hinweis gemeint, sondern es ist eine eindeutige Aufforderung. Wenn ich mich weiter so wie jetzt verhalte, dann werden die militärischen Beobachter vermuten, ich sei in Waffenbesitz. Dann wird man mich festnehmen und abführen. Bis zu diesem Augenblick bin ich niemandem aufgefallen, aber bereits in der nächsten Minute könnte es anders sein. Ich stelle mich aufrecht, mit festem Kinn und richte meinen ernsten Blick geradeaus. Mit den Händen streife ich den Rockstoff über den Schenkeln glatt. Ja, ich fühle mich wohl.

Notiz:
Beim Aufwachen ein ganz herrliches Gefühl, so als sei mir viel Heilung widerfahren.

Anzumerken wäre noch, dass ich kürzlich in dem Buch “Träume vom Tod – von Helmut Hark” geschmökert habe. Das Auftreten von Verstorbenen im Traum interessierte mich ganz besonders.

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