Home » Traumtagebuch » Angst vor Erkenntnisblitzen

Angst vor Erkenntnisblitzen

Traum:
In einem weiten lichten Zelt auf Elba. Ich trete zwischen den Felsen hervor und springe auf den Bretterboden. Tabea-Doris ist zu mir gekommen, um mich abzuholen. Wir wollen die Veranstaltung im Zelt gemeinsam erleben. Kaum stehe ich unten, da fällt mir ein, dass ich mein Traumbuch vergessen habe. Das ärgert mich ein wenig. Denn während der Veranstaltung wird es eine Gesprächsrunde geben, während der es jedem Teilnehmer frei steht, einen Traum aus seinem Traumtagebuch vorzulesen. Ein Fachmann wird dann seine Gedanken dazu äußern. Zu gerne hätte ich diese Gelegenheit wahrgenommen! Deshalb überlege ich kurz, einen kurzen Traum von mir auf einem Zettel zu notieren. Vielleicht ist es gestattet, seinen Traum von einem Zettel vorzulesen. Natürlich ist es ebenso möglich, dass man nur aus seinem Traumtagebuch vorlesen darf. Dann wäre die Idee mit dem Zettel natürlich Schummelei. Deshalb verwerfe ich diese Idee auch bald.

Bis jetzt ist kaum jemand eingetroffen. Der Veranstalter, ein bekannter Traumdeuter, sitzt am Rande der Zeltmitte in einem Rondell. In seinen Händen hält er einige Tickets. Er wartet auf das Eintreffen der ersten Interessenten. Ebenso erwartet er Leute von Funk und Fernsehen – es soll ein relativ großes Ereignis werden.

Tabea-Doris und ich tragen leichte, bunt gestreifte Hosen. Dazu ein blasslila Sweatshirt mit silbergrauem Aufdruck auf dem Vorderteil. Diese Klamotten stehen mir überhaupt nicht! Ich sehe darin sehr unvorteilhaft aus. Der Traumdeuter aber möchte, dass wir diese einheitliche Kleidung tragen, damit wir später – wenn das Zelt voller Menschen ist – sofort als zu seiner Gruppe zugehörig erkannt werden können.

Zwar liegt der offizielle Beginn der Veranstaltung inzwischen hinter uns, aber das Zelt ist kaum voller geworden. Wahrscheinlich gibt es gar nicht so viele Interessierte. Am liebsten würde ich diese blöde bunte Hose sofort ausziehen, damit ich mich wohler fühle. Bin aber noch unentschlossen, ob ich es wirklich tun sollte. So streife ich die Hose wieder hoch – ganz in der Nähe des Traumdeuters – wobei es am Po einen spürbaren Engpass gibt. Das ärgert mich; ich möchte nicht so gerne, dass der Traumdeuter das mitkriegt. Aber er bemerkt mich gar nicht, sondern spielt mit gedankenverloren abwartendem Blick mit den Tickets.

Tabea-Doris und ich setzen uns auf den Boden. Später werden alle Teilnehmer einen großen Sitzkreis bilden. Bis jetzt bleiben wir allein. Nach einer Weile überlegen wir, das Zelt zu verlassen, obwohl heftige Gewitter erwartet werden!

Wir gelangen direkt auf einen abseits gelegenen Bahnsteig, der an das Gebiet rund um Marianne Marciana Alta erinnert. Tief hängen die dunklen Wolken zwischen den dunkelgrünen Bergen. Kleine Nebelschwaden wabbern über die Gleise. Über unseren Köpfen befindet sich ein gitterartiges Netz aus Stromleitungen und Metallstreben. In Anbetracht des nahenden Gewitters ist zu überlegen, wo man sicherer aufgehoben ist. Vielleicht hier unter dem Metallnetz? Vielleicht gewährt es Schutz vor einem Blitzeinschlag? Ich muss an den Faradayschen Käfig denken. Andererseits könnte das Metall eine ganz besonders starke Anziehung auf Blitze ausüben? Ich weiß es nicht, zucke mit den Schultern und mache mich auf den Weg ins freie Gelände – auf den Weg nach Hause.

Daraufhin sitze ich bei einem Mann im Auto. Er ist Mitte Vierzig, hat dunkles gewelltes Haar – Typ Hilfskommissar. Er sitzt rechts von mir am Steuer. Rechts neben ihm sitzt seine Gefährtin. Durch das rechte Seitenfenster sehe ich ein Fuder Holzenden nahen. Sie rücken in etwas bedrohliche Nähe, könnten zwischen die Reifen geraten. Kurzerhand kommt der Mann seiner alltäglichen Pflicht nach und sorgt für den Weitertransport der Holzstücke. Mit Hilfe zweier Greifzangen führt er das Fuder über eine Metallkonstruktion hinweg, unter der sich das Auto gerade befindet. Er lässt das Holz also von rechts nach links darüber hinwegrollen. Ich ziehe ängstlich den Kopf ein, finde sein Tun etwas leichtsinnig! Schließlich geschieht sein Zugriff nur indirekt – also über einen Umweg, um die Autohülle herum. Der Mann ist in seiner Handlungsfähigkeit eingeschränkt, da er gleichzeitig das Auto lenkt. Letztlich geht alles gut und wir können weiterfahren.

Alsbald liege ich in einem kleinen abgedunkelten Zimmer auf einem Doppelbett. Der dunkelhaarige Mann von zuvor tritt ins Zimmer. Er trägt eine Frau auf seinen Armen herein und legt sie rechts neben mir auf das Bett. Die Frau, Lady Bump – Mitte Vierzig, getreideblond – wirft mir einen mürrischen Blick zu. Nebenbei bemerke ich, dass wir beide das gleich rot-weiße T-Shirt tragen. Da wird sie vielleicht erst recht sauer sein, wenn sie das erst bemerkt, so befürchte ich. Im allerersten Augenblick nahm ich an, wir würden uns innig und zärtlich in die Arme schließen. Aber sie wendet sich sofort von mir ab. Der Mann legt sich neben sie. Vermutlich darf ich gleich ihrem Liebesspiel beiwohnen. Eine Vorstellung, mit der ich widersprüchliche Gefühle habe. Einerseits wäre es vielleicht ein erregender Anblick. Andererseits würde ich nicht gerne nur zuschauen und selbst leer ausgehen. Soweit kommt es aber nicht, denn die Beiden geraten in Streit und die Frau flüchtet aus dem Zimmer.

Auch ich stehe auf und kehre in das Zelt zurück. Inzwischen ist es belebter. Eine Gruppe sich ähnelnder Männer – Animustypen der lässigen Art – stehen in einer Ecke beisammen. Einer von ihnen hat die nackte Lady Bump geschultert. Sie hängt da wie ein schlaffer Sack; wirkt fast bewusstlos. Nur ein paar Mal schafft sie es, ihre Augen zu einem müden Spalt zu öffnen, ehe sie sich gar nicht mehr rührt. Möglich, dass die Männer sie mit der mehrmaligen Gabe von alkoholischen Getränken betäuben. Ihr Freund, der dunkelhaarige Mann, ist in Verdacht geraten, dass er ihr gegenüber handgreiflich wurde. Die Gruppe der Männer will die Frau nun vor ihm schützen, indem sie ihren willenlosen Körper bei sich tragen. Wenn der Dunkelhaarige ihr also nahe kommen will, muss er auch den Männern nahe kommen. Und das wird er sich wohl überlegen.

Der dunkelhaarige Mann zeigt sich von einem solchen Verdacht tief erschüttert. Er wirkt zutiefst verletzt, hilflos und den Tränen nahe. Er wendet sich an mich und fragt verzweifelt, ob auch ich ihm das zutrauen würde. Dabei führt er demonstrativ seine geballte Faust in Richtung Moinas Gesicht. „Glaubst Du allen Ernstes, ich könne so etwas tun?“
Am liebsten würde ich einwenden, dass ich ihn ja gar nicht kenne und mir allein deshalb kein Urteil erlauben kann. Und woher soll ich das Vertrauen zu ihm nehmen? So offen mag ich ihm das aber nicht sagen. Es würde ihn nur noch einmal verletzen und noch mehr das Gefühl der Einsamkeit geben. So bleibt es bei einem schweigenden und nachdenklichen Blick meinerseits.

Wir – Mike, Moina, der Verdächtigte und ein älterer Mann mit graumelierten Haaren – verlassen das Gelände. Während Mike und der Verdächtigte hinter uns hergehen, unterhalte ich mich mit dem Älteren. Er ist der Ehemalige von Lady Bump, und der Verdächtigte ist ihm durch diese Verbindung bekannt. Ich habe meinen rechten Arm um den Ehemaligen gelegt und ihn nah zu mir gezogen, um ihm Trost und Halt zu geben. Rechts des Weges nehme ich einen wild rauschenden Fluss wahr. Das Wasser steht weit höher als die Uferränder, ohne dass es jedoch überlaufen würde. Der Ehemalige erzählt von einer Schwäche des Verdächtigten: „Es ist ihm nie möglich gewesen, Schlussfolgerungen zu ziehen. Wissen Sie, ich bemühe mich stets darum, meine Sichtweise um diesen Aspekt zu ergänzen.“
Hmm… Ich überlege im stillen inwieweit Schlussfolgerungen zu einer objektiveren Sicht führen könnten, und wie groß der Nachteil für einen Menschen ist, der diese Möglichkeit nicht nutzen kann. Jedenfalls scheint es mir erstrebenswert zu sein, möglichst oft Schlussfolgerungen zu ziehen.

Nach einiger Zeit führt uns der grobkörnige Sandweg zu zwei beieinander liegenden Gutshäusern. Der Ehemalige erzählt, dass hier die beiden Brüder von Lady Bump leben. Sein Gesicht wird von einem wohlwollenden Schmunzeln überzogen als er mir verrät: „Die beiden Brüder schwäbeln stark… Aber Sie werden sie ja bald selbst hören.“ Zuerst gelangen wir an ein Wirtschaftsgebäude am linken Wegesrand. Einer der Brüder öffnet gastfreundlich die Tür und lässt uns eintreten. Die Scheune steht voller unterschiedlicher Zweiräder – teils motorisiert, teils kleine Cross-Maschinen, aber auch Kinderfahrräder.

An dieser Stelle werde ich schlagartig geweckt.

Notiz:
Faradayscher Käfig – ich muss an Ann Faraday denken: Deine Träume – Schlüssel zur Selbsterkenntnis.
Mich trifft der Schlag!! Da habe ich das Traum-Ich ertappt! Es fürchtet sich also tatsächlich vor dem Blitz der (Selbst-)Erkenntnis.

Tags: