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Traumfahrplan – Vom Einleben in einer fremden Stadt

Traum:

In der Bahnhofshalle einer fremden Stadt. Noch fehlt total der Durchblick, wie ich hier weiter vorgehen soll. Zwei einheimische Frauen hocken nebeneinander auf einem Sims und beobachten mich kichernd in meiner Planlosigkeit. Das lässt sich aufklären. Ich erkläre ihnen meine Lage, bitte um Hilfe und sage: „Meine soziale Kompetenz kann ich hier noch nicht ausleben; mir fehlen einige Basisinformationen über diese Stadt. Ich komme aus dem Norden. Von dort, wo man plattdeutsch spricht.“
Sie schauen mich abwartend an. Brauchen sie etwa Beweise dafür? „Allns kloar?“ ist alles was mir einfällt. Das nervt, mir hätte wirklich Geistreicheres einfallen können. Fiel mir aber nicht ein. Sie grinsen und ich erkläre: „Das war Plattdeutsch.“

Einige Meter weiter hat ein Verkäufer seinen Stand. Es ist ein älterer Verkäufer, ein ruhiger und väterlicher Typ von etwas untersetzter Statur. Bei ihm bestelle ich ein Kuchenteilchen. Während er es in eine Tüte packt, hole ich mein Portemonnaie hervor. Oje! Da ist nicht viel drin! Vier 10 Cent-Münzen glänzen golden zwischen all dem Klimpergeld. Eine große Münze reichte ich gerade dem Verkäufer.
„Oh“, meint er „diese Münze dürfen Sie mir gerne geben! Aber es wäre zu ihrem großen Nachteil!“
Er legt die Münze in meine ausgestreckte Hand und ich betrachte sie zum ersten Mal. So ein Geldstück habe ich noch nie gesehen. Ist es vielleicht eine ganz alte römische oder griechische Münze? Sie besteht aus einem kreisrunden Mittelteil und einem umliegenden Ring, die aus unterschiedlichen Metallen gefertigt sind. Beide Teile sind mittels kleiner Lötstege miteinander verbunden. Anstelle einer Prägung zeigt das Mittelteil ein leicht erhabenes Muster. Die Kante des Ringteils sieht aus, als sei sie mit einem Schmiedehammer platt geschlagen worden. Interessant. Nur… womit soll ich zahlen? Ich schütte den Inhalt meines Portemonnaie aus, da ich noch ein paar größere Münzen zu spüren meinte. Was ich dann sehe, enttäuscht alle Hoffnungen: zwei 1 DM- Stücke und ein 2 DM-Stück. Es ist sehr selten, dass diese alte Währung noch als Zahlungsmittel akzeptiert wird. Jedoch klärt sich damit mein Problem. Der Kuchen ist bezahlt.

Kurz darauf hocke ich mit dem Verkäufer in einer dunklen Nische. Er erzählt von der Puppenspielerin, die vor einiger Zeit auch in diese Stadt zog. Mit murrender Stimme brummelt er: „Sie muss sehr geil sein!! Immer wieder fährt sie mit dem Fahrrad den langen Weg zu ihrem neuen Freund. In dieser Zeit ist sie ganz dünn geworden.“
Er schaut mich fragend an und ich antworte gleichgültig: „Ja, mag sein, sie ist sehr geil.“ Mir ist nicht ganz klar, warum er es für wichtig genug hält mir das zu erzählen. Mir fällt aber auf, dass in seinem Murren viel väterliches Wohlwollen mitschwang. Vielleicht war es ihm ein herzliches Anliegen, mir mitzuteilen, welche Bedürfnisse die Puppenspielerin hat?

Ich sitze in einem Bus, der durch die, für mich neue Stadt fährt. Eine Kontrolleurin (mein Alter, mittelblond, sachlich) steigt hinzu: „Fahrkartenkontrolle!!“
Ich habe einige Reisepapiere bei mir, kann jedoch nicht so schnell erkennen, welches davon die Fahrkarte ist. So reiche ich ihr drei Fahrpläne und beide Fahrkarten – alles was ich an Fahrausweisen bei mir habe – und denke mir, dass sie schon raussuchen wird, was hier gültig ist. Gleichzeitig fällt mir ein, dass es doch ziemlich unhöflich ist, die Kontrolleurin die Fahrkarten heraussuchen zu lassen. Um sie nicht allzu sehr zu verärgern, weise ich auf den gelblicheren der drei Fahrpläne und erkläre: „Das ist der Plan mit den Traumabfahrtszeiten (gleichbedeutend mit ‚das ist meine Fahrkarte’)!“ Die einheimischen Frauen im Bus beobachten mich inzwischen und tuscheln miteinander. Ich erkläre, dass ich aus einer Gegend komme, wo unter anderem Plattdeutsch gesprochen wird. Aus unerfindlichen Gründen scheint diese Erklärung amüsant zu sein, denn es gibt ein leises Gelächter. Ich schaue auf die Plätze hinter mir. Dort sehe ich zu meiner Freude Miss Penny sitzen (zumindest ähnelt sie dieser Frau sehr stark). In ihren Augen blitzt der Schalk und sie strahlt mich freundlich an. Sie ist mir so sympathisch, dass sie meine beste Freundin sein/werden könnte. Denn eines unterscheidet Miss Penny von den anderen Frauen: sie ist nicht so mundfaul und verschlossen.

Als der Bus dann hält, habe ich bereits erkannt, dass die Frauen alle zusammen gehören und sich im Bus grüppchenweise verteilt hatten. Ein Großteil der Frauen steigt hier aus. Als die verbliebenen Frauen das sehen, bleibt ihnen vor Überraschung der Mund offen stehen. Sie wundern sich, dass die Frauen bereits an diesem abgelegenen Ort aussteigen. Hatten sie nicht ursprünglich eine gemeinsame Fahrt zu einem anderen Ziel, mitten in der Stadt, geplant?? Sie zeigen sich noch unentschlossen, ob sie den anderen folgen und auch aussteigen sollten.

Einem starken Impuls folgend, schaue ich mich um und blicke in die hintere Hälfte des langen Busses. Der Bus ist fast leer!!! In diesem Ausmaß hatte ich das nicht erwartet. Was mich besonders beeindruckt und überrascht, ist, dass mich die Leere geradezu anspringt, als sei sie etwas Wesenhaftes. Boah, ich habe noch nie erlebt, dass die Leere, die sich zwischen all dem Greifbaren ausdehnt, derart ausdrucksstark sein kann!

Letztlich finde ich mich in einer Bahnhofshalle wieder, die mich an Wiesbaden denken lässt. Miss Penny und ich waren hier zusammen eingetroffen. Sie ist gerade losgegangen, um sich in einem Bahnhofscafé einen Cappuccino zu bestellen. Das möchte ich auch gerne tun. Jedoch fällt mir siedendheiß ein, dass ich es bisher versäumt hatte, einen Strauß mit gelben, orangen und roten Blumen zu besorgen. Ich weiß, dass ich mich nicht an einen Tisch dort setzen kann, solange ich keine Blumen dabei habe, die ich – zuvor in einer schönen Zinnkanne arrangiert – mitten auf dem runden Tisch platzieren kann. Hier ist es total unüblich, ohne diese Blumengeste einen Cappuccino miteinander zu trinken. Ja, es ist nämlich so: auf dem Weg zur Arbeit machen die Frauen das sehr gerne; sie trinken Cappuccino oder Kaffee und erfreuen sich an der Blütenpracht.
Puuuh… ich finde es total schwierig, sich an einem fremden Ort zurechtzufinden!

Notiz:
Ausgelöst wurde dieser Traum vermutlich durch die Unterhaltung während eines Spazierganges am Vortag. Mike klärte ich mich über einige „Spielregeln“ in dieser Stadt auf, die mir als Landei die Kinnlade runterfallen ließen. Auf dem Lande schaut man sich an, wenn man sich begegnet. Ja, manchmal lächelt man sogar und sagt „Hallo“ oder „Guten Tag“ zueinander. Ich hatte hier viele Blicke versucht. Mit einer Erfolgsquote unter 1%. Na okay, das ist vielleicht zu pessimistisch geschätzt. Also sage ich mal lieber 5%. Sogar ein „Hallo“ war mir auf einem Weg im Grünen herausgerutscht, als mir ein einzelner Fußgänger entgegenkam. Es war ziemlich peinlich. Nun erfahre ich, dass ich hier in der Stadt eigentlich niemanden anschauen darf. Schon gar nicht länger! Je nach Nationalität wird das unterschiedlich wahrgenommen und gedeutet. Angeblich würde ich unter Umständen sogar riskieren, nach einem Augen-Blick welche an den Latz zu kriegen. Schreck lass nach… Das verstehe ich alles nicht!! Und es ist total anstrengend nicht hinzuschauen! Wohin soll ich denn gucken? Außerdem bin ich doch neugierig auf die Begegnungen. Wie soll ich diese Angewohnheit nur ablegen? Ja, die Frage ist doch: will ich das überhaupt? Es fehlt noch die Einsicht. Okay, der Ausländeranteil ist hoch und ich will ja auch niemanden ärgern. Aber deswegen bin ich doch jetzt nicht zu einer solchen Anpassung gezwungen. Es regte sich gestern also starker innerer Widerstand. Und ich überlegte… Vielleicht könnte ein T-Shirt mit Aufdruck unangenehme Missverständnisse vermeiden? Beispielsweise mit dem Hinweis:

„Ich bin ein Hippie vom Lande. Ich darf das!“

Puh, ich finde es total anstrengend, sich in einer fremden Stadt zurechtzufinden? Nee, das hat mich einfach erst einmal verwirrt. Und jetzt bin ich vielleicht in einem falschen Film.

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2 Antworten zu Traumfahrplan – Vom Einleben in einer fremden Stadt

  1. Ist das mit dem Grüßen wirklich so schlimm bei euch? Grübelnde Grüße (!), WilderKaiser

  2. REPLY:
    Lieber WilderKaiser,
    vorweg: meinst Du das Grüßen in Worpswede oder in Frankfurt?? ;-)
    Also…
    das ist eine Frage, die sich mir natürlich auch stellt. Und ich antworte mit Nein, so wie gestern beschrieben stellt es sich wohl dar, wenn man durch eine Lupe schaut. Nur ein kleiner Ausschnitt ist sichtbar und dieser nimmt dann übertriebene Dimensionen an. Es ging mir aber darum, mein einseitiges Erleben auch einmal so festzuhalten. Ich muss mich erst einmal daran gewöhnen. Wir wohnen am Rande eines sozialen Brennpunkts mit sehr hohem Ausländeranteil. Und erschreckend fand ich, dass ich bisher so wenig dahinter geblickt habe, warum die Begegnungen hier überwiegend anders verlaufen. Das war mir natürlich auch vorher klar, aber doch eher theoretisch, als dass es mir im Alltagsleben stets präsent gewesen wäre. Mir fehlten einige Basisinformationen. Aber Mike kennt sich in dem Bereich gut aus, so dass mir langsam auch jene Zusammenhänge klarer werden, die nicht an der Oberfläche liegen.
    Dir danke ich für diese Begegnung! ;-)
    Marianne
    (die sich das Verallgemeinern abgewöhnen will)