Home » Traumtagebuch » Eitelkeiten und Behinderungen

Eitelkeiten und Behinderungen

Untertitel:
Gefallsucht führt gerne zu leidvollen Erfahrungen

Traum:
Bei Rieke in Mühlmain. Rieke hat zu einem gemeinsamen Essen eingeladen. Bei unserer Ankunft sind fast alle Plätze in den sehr einfachen hellen Essräumen besetzt. Es sind viele Menschen gekommen, die mir noch fremd sind. Bei der Suche nach einem Platz für Mike, Moina und mich gelangen wir an einen Tisch, an dem noch Stühle frei sind. Drei polnische Einwanderer, vielleicht eine Familie, sitzt daran. Während ich mich setze, fällt mein Blick auf die Salatschälchen. Es ist offensichtlich, dass die Leute mit dem Essen fertig sind. Einige Salatreste schwimmen im Dressing. Sehr unangenehm fällt ins Auge, dass die Polen ihre Zigarettenstummel in die Salatreste warfen. Mir gegenüber sitzt ein schlaksiger dunkelhaariger Vladimir. Ich meine wahrzunehmen, dass die Dynamik zu diesem unappetitlichen Tun ursprünglich von ihm ausging, und verliere mich nun in kreisenden Gedanken über meine Einstellung zu Zigarettenstummeln in Salatdressing. Ob ich so etwas auch tun würde, und ob Thommy, der ja einer jüngeren Generation angehört, es ebenso selbstverständlich wie Vladimir tun würde? Ich denke und überlege… ohne zu einem Ergebnis zu gelangen. Inzwischen haben sich die Polen erhoben und verkünden, sich jetzt verabschieden zu wollen. Damit hat sich für mich dieses Thema von ganz allein erledigt.

Zu einem anderen Zeitpunkt stehe ich im Übergangsbereich Wohn- und Essbereich. Dort bringen Rieke und ihre Haushaltshilfe Felicia das Wohnzimmer in Ordnung. Im Hinterkopf vage die Info, dass ich zum Muttertag gekommen, aber einen Tag zu früh bin. Felicia erzählt munter, ich solle mal in den Geschirrspüler schauen! Aisha habe im Inneren einiges verändert!
So knie ich nieder und stecke meinen Kopf bis zu den Schultern in die Spülmaschine und inspiziere ihn von allen Seiten. Er scheint recht geräumig zu sein, denn mein Kopf lässt sich gut darin bewegen. Im oberen Bereich entdecke ich dann auch die Veränderungen, von denen ich erst einmal nicht so begeistert bin. Aisha hängte die Längsstreben – an denen gewöhnlich Tassen oder Besteck aufgehängt wurde – einfach aus den Halterungen und legte sie diagonal. So lassen sie sich nicht mehr verwenden. Mein Versuche, sie wieder parallel und in die Halter zu legen, schlagen fehl. Ich habe den Eindruck, es fehlen ein paar dafür notwendige Bestandteile.

Ich ziehe meinen Kopf wieder heraus und schaue nun mit etwas mehr Distanz. Ja toll, was ist denn das? Aisha integrierte zusätzliche Geschirrkörbe und Abtropfsiebe an beiden Seitenwänden. Das ist eine großzügige Erweiterung, auf die man erst einmal kommen muss! Fortan können wir mindestens doppelt so viel Geschirr auf einmal reinigen wie zuvor. Da sind die unbrauchbar gemachten Längsstreben unter der Oberseite wirklich ohne Belang. Mit aufkeimender Begeisterung teile ich Rieke und Felicia meine Entdeckung mit.

Zwischenzeitlich hatte ich eine Mail von dem Läufer erhalten. Er schreibt darin, ich habe wohl gerade in der Küche gearbeitet, denn er habe mich durch das Fenster gesehen, als er im Dunkel der frühen Morgenstunden zur Arbeit fuhr. Vor dem inneren Auge sehe ich ihn mit seinem schwarzen Mercedes vorbeifahren. Es wundert mich, dass er mich während der Fahrt hat erkennen können. Überhaupt ist es erstaunlich, dass er zum Fenster geblickt hatte. Schließlich liegt es viele Jahre zurück, dass ich hier wohnte. Mir ist ein wenig, als sei diese Vergangenheit mit dem Heute zusammengerückt. Wobei es wahrscheinlicher ist, dass der Läufer gar nicht wusste, dass ich hier längst ausgezogen bin. Wie auch immer, sein Interesse ist schmeichelhaft.

Zurück in den Wohnräumen, wo die Gäste miteinander plaudern. Darunter auch meine ehemaligen Läufer-Nachbarn. Er sitzt auf der gleichen Couch wie ich – zwischen uns drei klönende Gäste. Ich spüre seinen fragenden Blick, so als wolle er in meinem Gesicht ablesen, ob ich seine Mail bereits erhalten habe. Die Läuferin steht mit zwei weiteren Frauen mitten im Raum. Bis jetzt hat sie mich nicht wiedererkannt. Sie ist extrem schlank geworden. Als ich sie in Gänze betrachten kann, fallen mir vor allem ihre Beine auf, die sich derart zu den Knöcheln hin verjüngen, dass sie sich in nichts auflösen. Sie ist voller Spannkraft und ihre Bewegungen sind geschmeidig und kraftvoll. Es ist offensichtlich, dass sie nicht krank ist, sondern das alles nur das Ergebnis einer lang anhaltenden, strengen Diät ist.

Als ich nach einer Weile in den Küchenbereich rübergehe, und mich damit hörbar vom Trubel entferne, begegnet mir der Läufer. Diese Begegnung hat einen Spiegeleffekt, denn ich sehe mich nun selbst vor mir. Ich trage einen wadenlangen Leinenrock mit einem passenden Blusentop – beides aus Leinenstoff in einem Gebrannten Orange. Der Rock sitzt am Bund ziemlich weit, rutscht mir etwas zu weit die Hüften hinab und entblößt einen breiteren Hautstreifen. Ich hatte nicht beabsichtigt, bauchfrei zu tragen! Die Bluse sitzt ebenso locker, geht bis zum Bauchnabel und ist lässig geknöpft, so dass sie ebenfalls Einblick gewährt. Hinzu kommt noch eine querverlaufende Knopfleiste, die ebenfalls Haut und BH durchblicken lässt. So viel Einblick war keineswegs meine Absicht!!! Aber gut, Kleidung ist ja nicht alles. In einer solchen Situation ist auch Haltung angesagt. Mit angenehm aufrechter Körperhaltung reiche ich dem Läufer die Hand und beginne ein freundliches Gespräch. Ich fühle mich souverän. Und je bewusster mir dies wird, umso sicherer werde ich, dass der Läufer mit seinen Blicken nur bis an diese Souveränität gelangt – von der ich mich wie von einer angenehmen leichten Hülle umgeben fühle – und die ihn von tieferen Einblicken abhält. Die Situation hat mit einem Male etwas Leichtes und Natürliches.

Zu einem anderen Zeitpunkt suche ich Arbeitsräume auf, die sich in einem anderen Teil des Hauses (Schulstraße) befinden. Als ich durch die Tür trete, bemerke ich einen Mann im Flur. Er steht dort regungslos, in entspannter Haltung, beide Füße gleich belastet und schaut geradeaus. Auch als ich hinzukomme, rührt er sich nicht. Was hat er hier vor?? Da öffnet sich, links von uns, die Tür. Auf der dortigen Toilette sitzt seine Frau. In jedem Arm hält sie ein Kind an ihre Schultern gelehnt. Auf der Schwelle steht ihr Rollstuhl, dessen Ausrüstung an Stephen Hawking denken lässt. Vermutlich ist die Frau schwerst behindert. Nun wird verständlich, warum der Mann hier steht. Es ist wegen seiner Frau, die auf seine Hilfe angewiesen ist, da sie selbst keine Bewegung ausführen kann.

Als ich nach einer Weile nochmals in den Vorflur komme, liegt die behinderte Frau regungslos am Boden. Ihre völlige Schwachheit lässt sie wie einen schlaffen dünnen Sack wirken. Entweder ist sie aus dem Rollstuhl gerutscht, oder ihr Mann legte sie hier absichtlich ab. Er bedeckte ihren schmächtigen Körper komplett mit einer dunklen Wolldecke. Es ist ein erschütternder Anblick.

Später treffe ich mit der behinderten Frau (sie zeigt hier allerdings keinerlei körperliche oder geistige Behinderungen) in der älteren Küche zusammen. Hier sind wir ungestört und wir unterhalten uns angeregt. Sie ist mir sofort sympathisch. Schmunzelnd bittet sie mich, bestimmte Wörter an ihrer Stelle auszusprechen. Sie erklärt, sie könne den Buchstaben J nicht aussprechen, weil sie eine Einwanderin sei. Mit einem leisen Lachen demonstriert sie ihr Problem. Immer wieder versucht sie vergeblich die Buchstaben J und ĵ sprachlich zu einem Buchstaben zu vereinen. „Bitte! (So ist es, Sie hören es doch!)“, sagt sie. Hmmm… Ja sicher, es sind eher zwei Buchstaben hintereinander, als ein einziger. Und es kommt ziemlich gepresst hervor. Wobei ich denke, dass es sowieso schwierig ist, diese beiden Buchstaben derart zu vereinen, dass beide im gleichen Moment richtig ausgesprochen werden. Das muss gar nichts damit zu tun haben, dass sie eine Einwanderin ist. Ich würde ihr helfen. Aber, so teile ich ihr meine Bedenken mit, es wäre doch ziemlich umständlich, wenn ich jedes Mal an ihrer Stelle dieses einzelne ‚Jĵ’ ausspräche. Vermutlich hätte allein das zur Folge, dass es nur schwer zu verstehen wäre. Hinzu käme noch, dass die Satzmelodie verloren ginge. Es wäre sicherlich viel verständlicher, wenn sie ohne meine Hilfe und dafür mit ihrem kleinen Sprachfehler spräche! Vielleicht kann sie sich das bewusst machen?!

Notiz:
Der Buchstabe J spielte bereits im gestrigen Traum eine Rolle (als Anfangsbuchstabe des Titels eines indischen Buches).
Das J ist aus dem älteren Jota (lat.) hervorgegangen. Es war der kleinste Buchstabe des griechen Alphabets; und zwar ein ‚i’ ohne Punkt. Übertragen wurde es in der Bibel dann mit ‚Geringfügigkeit’ oder ‚kleinster Kleinigkeit’ benutzt. Daher noch im Deutschen der Spruch: ‚Nicht das mindeste Jota wird daran geändert.’

Tags:

Eine Antwort zu Eitelkeiten und Behinderungen

  1. Heute erfuhr ich, dass Riekes Haus gestern ganz überraschend voller Gäste war. Und auch Felicia war da und machte mittendrin sauber.