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Reise mit dem Mondzug

Traum vom 6. September 2009

Nun bin ich in dem Zug, in dem die intensiv arbeitende Wissenschaftlerin tätig ist – sie ist Mitte Dreißig, zierlich, zurückhaltend und dadurch unauffällig, fast unscheinbar, was für sie ohne Bedeutung, da sich ihre Aufmerksamkeit voll auf ihre Forschungen konzentriert. Der Zug dient nicht dem öffentlichen Personenverkehr, sondern steht nur zu Forschungszwecken zur Verfügung. Deshalb halten sich auch nur wenige Personen – vermutlich ausschließlich Frauen – in den vielen, hell erleuchteten Waggons auf. Die vergangenen Stunden dieser Nacht – während der Fahrt durch den nächtlichen Wald – hatte ich damit verbracht, die Waggons auf und ab zu wandeln, und währenddessen total verinnerlicht Obertonsingen zu üben.

Zwar war mir von Beginn an bewusst, dass die heutige Reise zum Mond gehen könnte – das ist ja eine mir vertraute Angelegenheit mit diesem Zug. Aber mir wird in diesem Augenblick klar, dass ich momentan keine Reise zum Mond machen möchte, da mich dies zu sehr ängstigte. Klar, es ist sicherlich blöd, eine so gute Gelegenheit nicht zu nutzen, aber mir ist es etwas too far out. Allein die Vorstellung, für einen längeren Zeitraum nicht hier raus zu können. Einige alltägliche Gewohnheiten gebe ich auch nur ungern auf, wäre aber dazu gezwungen. Nein, ich müsste mich dann dieser Angelegenheit überlassen, ohne freie Wahl zur Rückkehr.
Also, es ist entschieden: falls ich erfahre, dass die Fahrt zum Mond geht, steige ich vorher schnell aus.

Ich eile, ohne dass mir jemand begegnete, nach hinten in den vordersten Waggon, warte eine entsprechende Meldung ab. Kehre gleich um, wieder nach vorn zum letzten Waggon, in dem die Wissenschaftlerin arbeitet. Ob die Reise zum Mond geht oder irdisch ist, sie hat stets sehr viel zu tun. Endlich steht es aber fest: heute findet keine Mondreise statt!

Ah, das finde ich gut, sehr gut. So kann ich bleiben, was mir gut gefällt, weil ich mich hier unerklärlich heimisch fühle. Mal sehen, wohin die Reise geht! Eine weite Reise ist es mit diesem Zug nämlich immer.

Nun finden auch die ersten Einweisungen statt – endlich! Eine Musikpädagogin führt uns in eine neue Technik ein. In ihrer Hand hält sie ein Teil, das an diese Kopfmassagedinger erinnert, das Material sieht aus wie Spaghetti. Vor ihr liegt ein ungewöhnliches Saiteninstrument, auf dem sie mit diesem filigranen Schlegel spielt. Wie einen Hauch lässt sie es über die Saiten gleiten, die hochempfindlich darauf reagieren: himmlisch helle und klare Klänge schweben empor, wie kleine Nebelinseln aus Licht. Ein so feiner Klang, der mich zutiefst berührt. Wie ich mich freue, mehr über die Erzeugung dieser Klänge zu erfahren – endlich! Langsam dringt in mein Bewusstsein, dass dieser Raum wie von Sonnenschein erfüllt ist. Es ist so schön hier… und so interessant.

Der nächste Schritt: nun sollen wir aktiv werden. Zu diesem Zweck werden Instrumente an die Teilnehmerinnen – wir mögen etwa zu fünft sein – verteilt. Die Musikpädagogin bringt eine sogenannte ‘Große Laute’ ein, die vom Aussehen her an eine leicht überdimensionierte klassische Gitarre erinnert. Dieses Instrument ist aus einfachen Sperrholzplatten gearbeitet – schlicht, ohne Schnörkel oder schmückendem Schnickschnack. Ich bin total begeistert – pure Funktion! Dieses legt sie nun uns zu Füßen. Irgendwie ein feierlicher Moment, so kurz davor, mich endlich darauf einschwingen zu dürfen.

Doch irgendetwas, erst einmal Unbenennbares, verändert sich… Bisher war meine Aufmerksamkeit nach innen, also ins Zuginnere gerichtet. Nun dehnt sie sich langsam nach außen aus. Der Zug fährt durch die Nacht… und ich meine, eine äußere Bedrohung wahrzunehmen. Eigentlich geht diese Gefahr immer mit einer solchen Reise einher. Die Fahrt mit diesem Mondzug ist eine Sache, die schnell mal in der Öffentlichkeit für Aufmerksamkeit sorgt. Es ist nicht alltäglich, dass ein Zug durch das Land fährt, der auch Reisen zum Mond macht. Ich hoffe sehr, dass sämtliche Türen geschlossen sind.

Ich trete in ein ruhiges Abteil, stelle mich an ein Fenster, drücke mein Gesicht an die Scheibe und blicke hinaus in das Dunkelblau der Nacht… Im Dunkel erscheint ein Bild der Bedrohung: ein väterlich wirkender Mann sitzt im Schein einer alten Schreibtischlampe.Sein ernster Blick ist mit voller Konzentration auf das gerichtet, was vor ihm auf dem Tisch liegt. Er hat blonde Haare, eher schütter. Er trägt einen weinroten Westover. Etwas Bauchansatz. Ob er jemals lacht? Ob er jemals etwas mit Humor nimmt? Ich spüre die Furcht in mir anschwellen. Jeden Moment könnte er mich bemerken, mit erhobenen Armen, mit zu Krallen geformten Fingern und stummem Schrei auf mich zuspringen und mich derart vereinnahmen, dass ich mich in Luft auflöse. Diese Gefahr droht ringsum im Außen! Gut zu wissen, dass er da ist. Gut, darauf vorbereitet zu sein. Ich muss unbedingt die anderen Frauen darüber informieren.

Inzwischen kommt es zu einem Zwischenstopp. Wir halten in einem kleinen Bahnhof mit hübscher kleiner Markthalle, die ganz hell ausgestattet ist. An den kleinen Verkaufsständen gibt es Obst und Gemüse zu kaufen. Eine Mitreisende, Sabine, kauft sich dort Zwetschgen. Diese sehen lecker aus – reif, knackig und süß. Ich bekomme Appetit und möchte mir auch welche kaufen. Ich bitte die Verkäuferin um 300g Zwetschgen, sage aber laut: „Ein Pfund Zwetschgen, bitte.“
Die Verkäuferin schaufelt die Zwetschgen in eine Spitztüte aus braunem Papier, überreicht es mir und nennt den zu zahlenden Betrag: „Sieben Euro zwanzig, bitte.“

Wie, 7,20 Euro für 300g Zwetschgen!? Nein, das ist ja echt teuer! Vor Schreck lasse ich die Tüte auf den Tresen gleiten und nehme ein paar Schritte rückwärts Abstand. Es ist mir äußerst peinlich, an dieser Stelle vom Kauf zurückzutreten, aber mit diesem hohen Betrag ist die Grenze weit überschritten. Sehr unangenehm, dieser Rückzieher.

Später ein weiterer Zwischenstopp. Der Zug hält in einer weiten Landschaft, die aus nichts weiter besteht, wie einem Untergrund aus kariertem Schreibpapier, auf dem mit schwarzen Filzstiftlinien die Konturen der Länder und Staaten gezogen sind. Auf diesem Land stehen zwei Frauen und ich. Auf mich macht es den Eindruck, als seien nur diese zwei Frauen zugegen – es könnten, dem Alter nach, Mutter und erwachsene Tochter sein. Ich höre ihrem Gespräch zu. Die ältere der beiden Frauen stellt fest: „Wir haben ja wieder viele Länder durchfahren. Wir haben viel gesehen. Aber es bleiben auch weiße Flecken auf der Landkarte.“

Das stimmt. Ich sehe es ja deutlich an unserem Standpunkt auf der weißen Landkarte und in meiner Vorstellung zeichne ich die Fahrspur unseres Zuges ein. Da bleibt ein Teilstück unbesehen – bereits zum zweiten Mal auf dieser Reise. Die jüngere Frau bemängelt diese Tatsache. Woraufhin die Ältere unternehmungslustig meint: „Na, das ist doch irgendwie auch super. Da haben wir allen Grund, später noch einmal an diesen wunderbaren Ort – Mittelmeerklima, Meer in erreichbarer Nähe – zurückzukehren und alles in Ruhe zu Fuß zu erkunden!“

Ja, da hat sie wirklich recht! Oft ist es ja so, dass man etwas bereits flüchtig hat betrachten können, woraufhin dann das Interesse an einer näheren Erkundung etwas nachließ.

Stille (Vor-)Freude stellt sich bei mir ein. Wie wunderbar ist es doch, immer wieder Neuland entdecken zu dürfen!

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