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Heim-Weh

Traum:
Sonnenaufgang. Es ist noch ganz ruhig in Worpswede. Ich stehe vor der Tür der Hemberg-Apotheke. Es ist so, als wache ich gerade in diesem Augenblick auf! Die Vögel zwitschern – eine große Vogelschar. Alles Grün ist davon erfüllt. Mein Blick gleitet die dunkelgrünen Wipfel der alten Bäume entlang. Goldenes Morgenlicht in allen Lücken und Ritzen! Und dieses herrliche Gezwitscher. Und ich erinnere mich an viele Morgenstunden voller Glücksgefühl. Immer wenn ich ganz früh am Morgen durch das Dorf geradelt und es ebenso wie heute war. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ich das – so wie hier in Worpswede – nie wieder erleben werde. Diese glückseligen Morgenstunden voller Naturgesang und dem goldgewebtem Tau in den Bäumen. In mir ein stilles Jauchzen, das meine Brust fast zerreißen wollte.

Ja doch, in Frankfurt gibt es das auch – die aufsteigende Sonne von fröhlichem Vogelgesang begleitet. Und das Licht strömt warm durch die Fenster. Dennoch… aus unbenennbarem Grund waren die Glücksgefühle in Worpswede umfassender. Ich überlege, während ich über die Straße hinüber zum Fußweg blicke, der von all diesen Bäumen gesäumt ist… oder von Hecken und Häusern. Vielleicht ist es das Überschaubare des Dorfes, der grüne Saum, der begrenzend Halt und Geborgenheit vermittelt, während man seinen Weg verfolgt? Gut… dennoch habe ich immer gewusst, dass der dörfliche Wegessaum auch nur eine kleine Grenze ist – eine gute Grenze, die sich – sobald man nur die Lust dazu verspürte – leicht überwinden ließ, so dass sich der eigene Raum viel weiter ausdehnen ließ. Vielleicht… war es das Wissen darum, beide Möglichkeiten gleichzeitig zu haben… sie gleichzeitig zu spüren: die Grenze und die Grenzenlosigkeit.

Während meiner letzten Gedanken sehe ich Corinna mit dem Rad vorbeifahren. Sie schaut mit einem fröhlichen Lächeln herüber und unser beider Winken gleicht leicht wehenden Mädchenbändern… stille Heiterkeit.
Noch während meiner letzten Gedanken stellte sich Corinna zu mir, auf den Treppenabsatz vor der Eingangstür der Apotheke. Und wir sprechen über einen beliebigen Tag.
Noch während meiner letzten Gedanken eilte Mike voraus. In der Ferne, dort hinter der Apotheke – wo in Wirklichkeit nicht Ferne, sondern der Ortskern liegt – geht Mike auf eine kleine Gruppe junger Männer zu. Ich kenne sie, aus der Grundschulzeit. Sie liebten es, mich zu ärgern – damals. Mike will sich nun darum bemühen, es endgültig zu einer Einigung kommen zu lassen. Es soll endlich Frieden einkehren – für alle.

Notiz:
Als ich aus diesem Traum aufwachte, hörte ich draußen die Vögel zwitschern – wie im Traum.

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