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†1894 – Trauerfeier

Traum:
Heute wird eine Trauerfeier für einen Verstorbenen nachgeholt, der bereits vor mehr als hundert Jahren starb. Das warme Licht der aufgehenden Sonne liegt in den Gassen, als wir zu der kleinen alten Kirche gehen. Eine Reihe von Verwandten folgen mir und Thommy, meinem dreijährigen Sohn. Wir eilen voran, betreten die heiligen Räume, um das Grabstück aus der Gruft zu holen. Thommy läuft dann los, hockt bereits vor den drei Gräbern unserer Großväter – es waren drei Brüder -, als ich ankomme. Die Grabstücke liegen auf der Schwelle, unter meterhohen Rundbögen aus sandigem Mauerwerk. Jenseits der Schwelle das Schweigen tiefer Dunkelheit. Thommy nimmt das Grabstück ganz rechts. Die Grabstücke haben in etwa die Größe eines Backblechs, bestehen aus einer dicken trockenen Torfschicht, die auf der Oberseite mit Stroh, Getreidehalmen, Holzstücken und ähnlichen Naturmaterialien geschmückt ist. Namen und Jahreszahlen wurden aus den Bestandteilen von Getreidepflanzen geformt. Ich höre von hinten die verhalten leisen Rufe einiger Verwandten: „Schau, dass er das richtige Grab nimmt!“
Ein Blick auf die Jahreszahlen zeigt, dass Thommy intuitiv das richtige Grabstück gegriffen hat. Nämlich das des jüngsten Großvaters, der 1894 starb.

Mit dem Grabstück in den Händen eile ich zur Trauerhalle. Inzwischen sind ein Mann und eine Frau eingetroffen – beide sind Grabschmuckgestalter. Während die Frau etwas erledigen geht, betritt der Mann die Trauerhalle und setzt sich auf eine Bank an der Wand. Inzwischen bemerkte ich, dass sich einige Teile vom Grabstück gelockert haben, teils verrutscht sind. Am traurigsten stimmt mich, dass sich die kleine männliche Engelsfigur völlig gelöst hat. So frage ich den Grabgestalter, ob er vielleicht Uhu-Kleber zur Hand habe, womit ich den Engel wieder fixieren könnte. Er schüttelt den Kopf und sagt bedauernd: „Nein, leider nicht.“ Sein Blick ist voller Mitgefühl und Anteilnahme.

Während ich die Trauerhalle verlasse, durch die hohe alte Holztür hinaustrete, um dort auf meine Verwandten zu warten, rücke ich vorsichtig die verrutschten Teile auf dem Grabstück zurecht. Die Morgensonne wärmt angenehm und das Getreide auf dem Grabstück hat dadurch eine leuchtende Tönung angenommen.

Inzwischen weine ich… es bricht unaufhaltsam aus inneren Tiefen hinauf, immer lauter. Vorsichtig drücke ich die Engelsfigur in die weiche Unterlage. Rechts und links des Engels, sind ein paar Holzstücke zu je einem Zaunteil geformt, das sich nach oben hin strahlenförmig ausbreitet. Auch das bringe ich wieder in Ordnung. Leider bleibt der Engel gelöst. Und ich überlege, ob er Flügel hat. Es ist nicht zu erkennen. Vielleicht wären Flügel auch gar nicht gut. Ich erlebe mein Weinen als viel zu laut. Und ich weiß, dass die Verwandten mich gleich rügen werden. So ein Geheul! Nach so langer Zeit… nein, das ist doch unmöglich. Das Weinen hört dennoch nicht auf. Etwas in mir weint mich. Und ich spüre unerlösten Schmerz in tiefer Ferne.

Später – vielleicht im Anschluss an die Trauerfeier – sammeln sich alle Trauergäste auf einem rund gepflasterten Platz. Ich stehe mit Sammy in einem Pavillon aus dunkelblauem Stoff. Er nimmt mich zum Trost in die Arme, wiegt mich eine Weile. Es tut gut so gehalten zu werden. Bald aber werden uns die Verwandten entdecken und sich daran stoßen, dass ich mich von Sammy so lange und innig in die Arme schließen lasse. Sammy erklärt leise: „Sie mögen uns nicht.“

Davon wusste ich bis zu diesem Augenblick nichts und ich war noch nie auf diese Idee gekommen. Sammy meint: „Lies noch einmal die Mail mit „Bomben“ im Betreff!“
Es muss sehr lange her sein, dass ich eine solche Mail erhielt, denn im Augenblick erinnere ich noch nicht einmal eine solche Betreffzeile. An einen Inhalt schon gar nicht. Ich will nachher danach suchen und sie lesen. Es interessiert mich und ich bin neugierig, ob ich darin entsprechende Anhaltspunkte finde. Ich spüre im Rücken Mike nahen. Es ist gut, dass wenigstens er die Situation mit Sammy und mir richtig einschätzt. Allerdings gibt Sammy mir jetzt einen weichen Kuss auf den Mund. Ich mag Sammy, aber einen solchen Kuss möchte ich dennoch nicht erwidern. So drücke ich ihm einen Kuss auf sein Kinn. Das liegt auch näher, da ich kleiner als Sammy bin.

Notizen:
Zahlendreher im Todesjahr meiner Großmutter ->1984
Wobei ich nicht ganz sicher bin, ob es im Traum nicht doch `96 war. Vielleicht war meine Traumerinnerung unbewusst vom Todesjahr beeinflusst.

Kürzlich beim Traumperlentaucher gelesen:
Tod im Traum

Wer nicht hören will, muss träumen? Gestern vor dem Schlafengehen hatte ich keine Lust mehr, mir Details von Mikes Ahnenforschung anzuhören. Als ich ihm heute diesen Traum erzählte, lachte er, denn er hatte mir von den drei Brüdern erzählen wollen, die er gestern entdeckt hatte. Allerdings sind diese nicht Ende des 19. Jahrhunderts gestorben, sondern zweihundert Jahre früher.

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