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Tunnel

Traum:
Mike und ich vereinbarten ein Treffen an zwei nebeneinander liegenden Tennisplätzen, weit draußen im Grünen, vor der Stadt. Von dort wollen wir eine gemeinsame Radtour starten. Als ich dort ankomme, zeigt sich das Wetter schlechter als erwartet. Es könnte sogar leichten Regen geben. Mir kommt die Idee, auf einer anderen Ebene zu warten. Nach nur wenigen Metern erreiche ich den Zugang zu einer Unterführung.

Ich schiebe mein Fahrrad hinein, das Gefälle ist ganz angenehm. Allerdings verengt sich der gewundene Weg zusehends! Inzwischen muss ich schon den Kopf etwas einziehen und halte inne. Mit den Handflächen überprüfe ich den Halt der Pappstücke mit denen der Tunnel rundum verkleidet ist. Es sind quadratische Pappstücke, die sorgfältig und in leicht ver-rückter Anordnung, an die Wände geheftet wurden. Es ist deutlich zu sehen, dass die fortwährende Feuchtigkeit eine Ablösung der Pappteile verursacht. Das ist okay, jedoch bewege ich mich nun vorsichtiger. Immer mehr verjüngt sich der Weg – seine quadratische Form wandelt sich dabei zum Runden. So eng, und dabei ist noch nicht einmal ein Viertel des Weges zurückgelegt! Vielleicht stecke ich hinter der nächsten Windung fest? Etwas mulmig wird mir, als ich überlege, dass es dann problematisch werden könnte, den Weg mit dem Fahrrad rückwärts nehmen zu müssen. Ein Hauch von Platzangst durchrieselt mich kurz. Ich bleibe stehen und überlege.

In diesem Moment holen mich zwei Männer ein. Vermutlich sind es Einheimische und kennen sich hier besser aus. Ich gebe mir einen kleinen Ruck und frage: „Komme ich hier mit dem Fahrrad durch?“

Die Männer halten inne… Eine solche Frage bekamen sie noch nie zu hören. Offenbar ist es unüblich, diesen Tunnel mit einem Fahrrad zu durchgehen? Endlich fällt einem von ihnen die Antwort ein: „80 cm.“ Ah ja, 80 cm ist – so ist allgemein bekannt – genau das Maß, das ein Fahrrad maximal erreicht. Es hängt nun auch Wissen im Raum, das davon erzählt, dass der Tunnel auch für Fahrräder konzipiert ist. Die Anspannung fällt ab und ich gehe den Weg sorgloser.

Irgendwann, nach einer Reihe von Windungen, erreiche ich sein Ende. Einige hundert Meter vorher führt der Weg nur noch geradeaus und ich sehe am Ende das Licht. Als ich aus dem Rohr herauskomme, gelange ich übergangslos in ein altes französisches Hotel. Ich schiebe mein Rad durch hundert Meter lange Hotelgänge, auf dem Linoleumboden entlang. Es ist keine Beleuchtung eingeschaltet, aber das eindringende Licht eines hellen diesigen Tages erhellt die Wege. Ich möchte das Hotel verlassen, aber jeder dieser langen Wege endet an einem Ausgang, vor dem stets ein großer wertvoller Perser-Teppich – in wunderbar warmen tiefblauen und tiefroten Farben – liegt! Immer sehe ich das Licht von außen und sehe mich in der Vorstellung schon dort. Doch jedes Mal scheint der davor liegende Perser unüberwindlich. Mit meinen Fahrradreifen könnte ich dort eine Schmutzspur hinterlassen. Und das möchte ich auf keinen Fall!! Natürlich könnte ich eine der Bediensteten fragen, die sich in zeitlichen und räumlichen Abständen immer wieder manifestieren und bald darauf wieder auflösen. Nur spreche ich kein einziges Wörtchen Französisch. Es hilft nichts, wenn ich weiterkommen will, muss ich über den majestätisch anmutenden Perser. Voller Zaudern und Unsicherheit schiebe ich das Rad. Und dann, es kostet tatsächlich viel innere Überwindung, passiere ich den Perser und komme endlich hinaus. (Ohne den Perser zu beschmutzen, denn es gleicht mehr einem inneren Überwinden, als ich den Perser überwinde.)

Die Tennisplätze sind nach nur kaum mehr als hundert Metern erreicht. Und ich finde mich auf einer niedrigeren Ebene wieder. Während ich zu Anfang mehr oben stehe, befinde ich mich nun mehr auf dem Erdboden. Am Tennisplatz stehen zwei Männer. Es sind Einheimische aus der Stadt. Sie schauen mich musternd an – vielleicht um zu erfahren, welche Pläne ich habe – und meinen dann verschmitzt: „Das Wetter ist heute nicht so gut.“ Ja ja… das sehe ich… Deshalb sage ich zu Mike, der nur kurze Zeit später kommt, die Sache mit dem Wetter sei doch nicht so schlimm. Ich habe nämlich vorsorglich eine Flasche mit Trinkwasser gefüllt und im Gepäckkorb mitgebracht. Das sei ein guter Proviant, so dass uns das Wetter nichts anhaben könne.

Die Nacht ist vorüber. Wir – unbenennbare Bekannte auf der Reise – sitzen im Hotel am Frühstückstisch. Der Boden im Raum ist mit vielen Persern bedeckt und dämpft angenehm die Geräusche. Da tritt die ganzheitliche Weberin mit ihrem Sohn an den Tisch. Sie wirkt ausgeschlafen und sagt vergnügt schmunzelnd: „Wir beide haben Dir in dieser Nacht mehrmals laut zugerufen: ‘Gute Nacht!’ Immer wieder, um Dir den Schlaf zu erleichtern.“

„Oh ja, ich hörte mehrmals lautes Rufen in der Nacht!! Aber ihr ward es nicht. Ich hörte immer wieder Rufe von Verwandten. Vor allem an die Rufe meiner verstorbenen Schwiegermutter erinnere ich mich.“

Als meine Zungenspitze nun über die Vorderzähne gleitet, kriege ich einen Schreck und mir wird schlagartig einiges klar. Ich hatte hier im Hotel einige Begegnungen mit netten Männern und es gab belebende Gespräche. Doch immer wieder wandten sie sich unvermittelt und unerwartet von mir ab und gingen fort. Jetzt verstehe ich das! Denn das geschah jedes Mal, nachdem ich herzlich gelacht hatte! Ich habe nämlich etwas vergessen… Nochmals betaste ich mit der Zungenspitze die ungeschützte goldene Krone meines Vorderzahns. Wie in einem Spiegel sehe ich, dass das Gold von einer Schicht feuchten Kohlestaubs überzogen ist. Beim Lachen war also jedes Mal diese abscheuliche Stelle zu sehen, die jene Männer abschreckte und anwiderte, so dass sie sofort das Weite suchten.

Wortlos, mit aufeinander gepressten Lippen springe ich auf, laufe hinaus und stürze eilig die Treppe hinauf, um mir auf meinem Zimmer die weiße Krone aufzustecken! Doch die Treppe liegt voller Kleinspielzeug, das Moina hier nach dem Spielen zurück ließ. All diese kleinen Dinge aus den Überraschungseiern. Es kann nicht hier liegen bleiben, denn die alte gebrechliche Frau könnte darüber stürzen, wenn sie nachher die Treppe herunter kommt. Das werde ich Moina nachher gleich sagen. Hastig klaube ich die Spielsachen von dem alten Perser, der sich lang über die Stufen erstreckt. Es ist soviel, dass es eine Hand nicht tragen kann. Mike kommt hinzu, ich mache ihn darauf aufmerksam, und es fühlt sich gut an, nun nicht mehr allein damit zu sein.

Später gehe ich wieder runter und gehe über einen langen Gang und trete durch die Kellertür in die ältere Küche. Dort stehen Ex-Verwandte herum, die längst verstorben sind. Mein väterlicher Großvater ist heimgekehrt. Wir alle haben beschlossen: er soll in seinem Zuhause sterben. Er steht gebeugt vor der Spüle und wäscht sich. Sein Oberkörper vertraut hager aber kraftvoll. Er ist einzig mit einer Hose aus grauem stabil gewebten Stoff – von sichtlich guter Qualität – bekleidet. Mit beiden Händen schaufelt er das Wasser ins Gesicht bis hinauf auf den kahlgeschorenen Schädel. Dieser Vorgang braucht jedes Mal erneut Aufmerksamkeit und Konzentration, wenn er den Stand bewahren will, denn er ist stark geschwächt. So sammelt er – das geschöpfte Wasser in den Händen haltend und sich kurz mit den Knöcheln am Beckenrand abstützend – Kraft und gibt sich festen Stand, ehe er mit einer gezielten Bewegung das Wasser zum Gesicht bringt. Bemerkenswert, wie er trotz seines Zustands, jedes Mal erneut so viel Festigkeit erlangen kann! Da fällt mir etwas ein…

Ich eile wohnliche Hausgänge entlang. Im Arm halte ich mein gerade geborenes Baby. Mit einer Hand streiche ich über meinen Bauch… Ja, dort ist noch eine weiche Wölbung spürbar und sicherlich auch sichtbar. Ich spüre ein starkes und leises Glück – jenes Glück und das Gefühl der Erlösung, das sich nach einer Geburt einstellt.

Während ich zu den Verwandten in die Küche gehe, fällt mein Blick auf Moina, die in meinen Armen liegt. Die verstorbenen Verwandten hatten sie wohlmeinend in eine Frischhaltetüte gepackt, um sie frisch zu halten. Das Tütenende ist mit einem Clip verschlossen. Warm liegt Moina in meinen Armen – bewegungslos. Erschüttert rufe ich den Verwandten zu: „So geht das doch nicht!! Sie wird darin ersticken!!!!“ Inzwischen konnte ich die Tüte öffnen und streife sie vorsichtig vom kleinen Körper. Moina gähnt herzhaft, beginnt sich zu räkeln und wird langsam wach. Leben strömt in sie ein – welch ein Glück!! Und während ich sie aufwachen sehe, ihr Aufwachen spüre, durchströmt mich ein Gefühl der Erholung und Entspannung. Fühle mich mehr und mehr ausgeschlafen – ein wenig wie neugeboren.

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