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Der fliegende Händler

Traum:
Die Küche in der Lindenallee liegt schon lange verlassen. Ein offener Karton – beim Umzug zurückgelassen – steht an der Wand. In der Hocke sitzend, klappe ich die Deckel zur Seite und werfe einen Blick hinein. Wasser!!! Der Karton steht zu zwei Drittel voller Wasser! Bei einer Berührung beginnt er zu schwanken. Ein Teil der Wasseroberfläche ist mit einer glasklaren Schicht belegt. Man sollte meinen, es sei eine dünne Eisschicht. Ich tippe mit den Fingern drauf. Es ist der verbliebene Rest eines Glasschneidebretts. Ein Sprung durchzieht es. Als ich nochmals vorsichtig drauf ticke, fällt es auseinander und die Einzelteile schweben langsam zu Boden. Der statische Zustand des Kartons verändert sich dadurch merklich. Beim leisesten Schwappen des Wassers wird ein solcher Druck auf die Seitenwände ausgeübt, dass der Karton in den Seiten zu reißen droht. Er sackt auch sichtlich zusammen. Ich greife hinein, um die Glasteile herauszufischen. Je mehr ich mich allerdings darum bemühe, die Sache wieder zu stabilisieren, um so weicher/nachgiebiger wird der Karton! Ganz vorsichtig löse ich meine Hände vom Karton, als er in einigermaßen stabilem Zustand ist. Es ist wohl besser, ich lasse ihn unberührt stehen. Sonst bin ich für den Wasserschaden verantwortlich, den ich immer mehr im Bereich des Möglichen sehe.

Ein fliegender Händler kommt in mein (mir unbekanntes) Haus. Wir setzen uns an den Küchentisch. Möglich, dass mein Mann und mein Kind mit am Tisch sitzen. Der Händler breitet seine Mappe aus, beginnt auf einem weißen Blatt zu schreiben. Wir sind verabredet, da er mir eventuell einen alten Pullover abnehmen würde, den ich eigentlich zu den Altkleidern habe geben wollen. Unsere Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen. Der Pullover ist langweilig-beige, aus einer Leinen-Viskose-Faser. Zudem wirkt er so unangenehm kühl, dass ich ihn nie tragen werde.
Der Händler murmelt sich einiges in den Bart. Diesen oder jenen Geldbetrag meine ich herauszuhören, aber ohne wirklich zu verstehen. Und ich bin unsicher, was wir vereinbart hatten… wollte er den Pulli in Kommission nehmen? Eigentlich dachte ich, er habe mir einen festen Betrag zugesagt. So, als habe er meine Überlegungen gehört, antwortet er brabbelnd und mürrisch – aber unverständlich für meine Ohren. Das Mürrische scheint seine Art zu sein, und nicht mir persönlich zu gelten. Falls er den Pullover nur in Kommission nähme, wäre ich enttäuscht – das spüre ich. Wenn ich nur ein Euro dafür bekäme, wäre es immer noch besser als nichts. Der Händler zückt sein Portemonnaie, fischt einen 5€-Schein heraus und reicht ihn mir. Oh wow!! Damit wurde meine kühnste Erwartung erfüllt!! Vielleicht wäre das sogar eine gute Gelegenheit um…

„Ich hätte da noch einige Kinderkleidung zu verkaufen“, biete ich an.

Murrend und ungeduldig winkt er ab: „Neee, das ist nicht eingeplant!!“ Nach kurzem Zögern zeigt er sich entgegenkommend und fragt, ob er mal mit der Verwaltung telefonieren könne. Aber ja, na klar!! Nun ist es so, dass Mike kürzlich ein weiteres Telefon angeschafft hat und noch ausprobiert. Ich weiß also nicht, welches Telefon heute in Betrieb ist. Und… wo sind eigentlich die Hörer?

Der Händler geht ins Schlafzimmer und sein leiser Ausruf lässt vermuten, dass er fündig wurde. Ich schaue in das Schlafzimmer und sehe, dass es gar nicht das Schlafzimmer ist, sondern das Arbeitszimmer. Es irritiert mich etwas… habe ich die Orientierung verloren? Warum hatte ich vergessen, dass wir ein Arbeitszimmer haben?? Aber egal, die Hauptsache ist, das Telefon ist da und er kann telefonieren. Vielleicht kann ich noch ein paar Klamotten verschachern. Er betrachtet den Telefonhörer und in seinem Gesicht zeichnet sich gewollte Verachtung ab: „Dieses Telefon ist mir zu langweilig.“ Oje, damit wäre das Thema wohl beendet.

Ich stehe vor dem Schrank, denn inzwischen habe ich bemerkt, dass ich die ganze Zeit mit nacktem Oberkörper herumlaufe. Dies stört den Händler nicht, weshalb ich mich nicht unwohl fühle. Unentschlossen greife ich hier und da in den Schrank um ein Shirt zu nehmen, ohne mich letztlich entscheiden zu können. Im Rücken spüre ich, dass auch der Händler mit dem Ankleiden beschäftigt ist. Das löst in mir ein sonderbares Gefühle der Gemeinsamkeit und Zuneigung aus.

Der Händler sagt dann, er nähme die Kinderklamotten, wenn ich einen geeigneten Karton für den Transport zur Verfügung stellen kann. Da fällt mir der Karton aus der Küche ein! Wie schön, da passt alles rein! Da murmelt er von irgendwelchen Maßen, die der Karton maximal haben dürfe. Ich nenne also Länge und Breite, damit er sagen kann, ob es passt. Mit einer barschen Geste winkt er ab und murmelt noch einmal, dass es um die Gesamtlänge(!) ginge, nennt auch das maximale Maß, aber wieder zu undeutlich. Sicherlich kann er rechnen…
Mein Karton scheint ihm nicht zu passen. Naja, und dann wäre da halt auch die Sache mit dem Wasser im Karton… Wahrscheinlich ist die Pappe völlig durchweicht, müsste eine Zeitlang trocknen. Es ist etwas ernüchternd, nach all diesem Hin und Her nun festzustellen, dass es doch nichts wird.

Der Händler macht sich auf den Weg und ich gehe ebenfalls raus.
Bergstraße in Worpswede.
Ich sehe noch, wie er nach rechts in die Passage einbiegt; dort wo die Weingeschäfte sind. Kleine Kinder sind rund um mich her, begleiten mich voller Heiterkeit und ihre hellen Stimmen geben allem Leichtigkeit. Die Sonne scheint, ein herrlicher Tag! Doch immer wieder fahren Motorräder vorüber. Die Chromteile glänzen in der Sonne. Wie üblich röhren sie laut. Aber heute empfinde ich es als extrem laut. Immer wieder fahren sie gruppenweise vorüber. Der Lärm wird unerträglich, kreischt und kreist in meinen Ohren, nimmt sich allen Raum. Ich hebe die Hände, um mir die Ohren zuzuhalten. Ist es nicht wirklich sonderbar? Hier auf dem Lande ist der Lärm viel stärker als in der Großstadt. Dort jedenfalls habe ich so etwas noch nicht erlebt!

Auf einem kleinen Dreirad fahre ich den gegangenen Weg zurück. Auf Höhe der Kleinen Kunstschau fährt ein kleines Mädchen an meiner Seite – ebenfalls auf einem Dreirad. Verspielt und ohne Wertung, wie es kleinen Kindern eigen ist, unterhalten wir uns. Ich erzähle ihr von dem Händler, weise verschmitzt mit dem Daumen über meine Schulter zurück zu ihm: „Der da hat [...???... ]“ Wir kichern leise, lachen zwischendurch hell auf und radeln vergnügt des Weges. Es ist wahrhaftig ein herrlicher Tag.

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