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Tai Chi Tsung

Traum:
Im halbdunklen Sprechzimmer einer Arztpraxis. Ich sitze auf einem Behandlungsstuhl. Rechts neben mit steht ein Orthopäde(?) und überwacht die Arbeit seiner Assistentin. Diese hat gerade ein Gerät hervorgeholt und legt es an meiner rechten Schulter an. Es ist ein leicht gebogenes Alu-Rohr mit einem roten Holzgriff. Es endet im Bereich des Herzchakras. Dieses Gerät dient dazu, für eine gewisse Wärmeausstrahlung zu sorgen, um das Gewebe geschmeidiger zu machen. Mit den Fingerspitzen führt die Assistentin eine leichte Massage aus, die sich am Verlauf des Rohrs orientiert. Um die Massage fortzusetzen, legt die Assistentin das Rohr an der linken Schulter an. Es gibt ein paar Fehlversuche beim Anlegen. Das Rohr muss halt richtig gedreht sein, damit es auch auf der linken Seite richtig angelegt werden kann. Anfangs mag dies noch ungeschickt zu handhaben sein.. Ich drücke mein Verständnis aus: „Mit dem Spiegelverkehrten ist es anfangs gar nicht so leicht. Aber das lernt man rasch.“

Diese Brustbehandlung wundert mich. Kam ich nicht ursprünglich wegen der Rückenschmerzen hierher? Aber gut, jetzt wo die Behandlung stattfindet, spüre ich auch die unangenehme Verhärtung im Schlund. Dem Empfinden nach wird es einige Behandlungen brauchen, denn eine Auflösung ist noch nicht zu spüren. Als die Sitzung zu Ende ist – der Arzt hat das Sprechzimmer inzwischen verlassen – packt die Assistentin das Behandlungrohr in die Schachtel zurück, legt es vor mir hin und geht.
Ich nehme die grau-graue Schachtel, betrachte sie. Sie erinnert an solche, die eine Reihe von Tischtennisbällen enthalten. Eine Lasche ist mit weißen chinesischen Schriftzeichen bedruckt – Ping Pong. Naja, ist halt medizinisch-orthopädisch. Ob ich das Behandlungsrohr mit nach Hause nehmen soll, um dann selbst die Behandlung fortzuführen? Vielleicht erscheint dies der Assistentin so selbstverständlich, dass sie gar nicht erst extra darauf hinwies? Bei dem noch bevorstehenden Termin bei der Ärztin werde ich nachfragen.

'tableau' von Traumzeit Dann sitze ich mit dem Rücken zum großen Fenster des Wartezimmers. Vor mir ein niedriges Tischchen, auf dem mein Laptop steht. Die Wartezeit nutze ich für ein paar Arbeiten. Mein Laptop hat anstelle der Tastatur ein Grafiktablett. Darauf liegen einige Buchstaben – plastischer Stil in Goldfarben. Es sind vier oder fünf Zeilen; ein Zitat von Marie-Luise Marjan. Die Worte gefallen mir und ich möchte sie gerne auf meiner Festplatte speichern. Dazu muss ich die Worte kopieren und in ein eigenes Dokument übertragen. Leider verlieren die Worte beim Einfügen und Ordnen ihren Stil. Das, was zuvor so plastisch und stilvoll Augen, Herz und Hirn erfreute, verkümmert zu einer Art Fliegendreck. Oder erinnert an zerbrochene Spinnenbeine, die zu Buchstaben gelegt wurden. Ach jee… Es wird sehr mühevoll sein, jedem einzelnen Buchstaben den Stil zurückzugeben. Zumal offenkundig die Tendenz besteht, während der Stilgebung des einen Buchstabens, den benachbarten Buchstaben gleichzeitig seines Stils zu berauben. Kurz gesagt: Während ich eines aufbaue, zerfällt etwas anderes.

Dann tritt die Ärztin ins Wartezimmer. Inzwischen ist es in der Praxis ziemlich ruhig geworden. Sie schaut mich herablassend an. Dann aber, als ihr Blick auf mein Laptop und meine Arbeit fällt, verändert sich ihr Verhalten und sie lächelt mich freundlich an. Gleichzeitig kommt ihr die Idee, sie könne ja schnell die Gelegenheit nutzen, solange ich mich nicht langweile: Mit fragendem Blick sagt sie: „Ich gehe mal schnell eine rauchen?!“ Hmm, na gut, es wird ja nicht lange dauern.

In einem anderen Zimmer des Gebäudes findet dann ein Gespräch mit der Ärztin und ein paar anderen Frauen statt. Dabei geht es um die Qualifikationen die eine jede mitbringt. Die anderen Frauen können wenigstens etwas berichten, auch wenn nichts dabei ist, von dem ich begeistert wäre. Allerdings kann ich gar nichts angeben. Es ist ernüchternd und freudlos. Mir bleibt nur, etwas zu äußern, das ich nie in Erwägung zog und auch in Zukunft nicht tun werde. Ein tiefer, stummer Seufzer, es kostet Überwindung, aber dann sage ich es endlich: „Ich kann ruckzuck Horoskope erstellen und verteilen.“

Im Stillen denke ich, dass ich das nur für Entgelt machen würde. Kosten für Farbe und Papier entstehen ja auch bei der schnellen Erstellung. Die Frauen schauen mich überrascht und abwartend an. Und ich ergänze gelangweilt: „Da gibt es nicht viel zu tun. Daten in den Computer, der berechnet und wirft dann eine Zeichnung und einen aus Bausteinen erstellten Text heraus – fertig.“ Muss ich etwa noch anfügen, dass diese Horoskope relativ wertlos sind? Ich glaube nicht.
Eine der Frauen spricht es aus: „So ein Programm hat heute fast jeder auf seinem Rechner.“
„So ist es!“, erwidere ich erleichtert.

Einen Raum weiter findet ein Seminar statt. Einer der eingetroffenen Männer – er trägt einen hellen Tai-Chi-Anzug mit schwarzem Stoffbindegürtel – leitet das Projekt. Er breitet ein riesiges Poster auf dem Fußboden aus. Es ist eine sehr realistisch wirkende Fotoaufnahme von Fußabdrücken in afrikanischem, schlammbedecktem Erdboden. Die Fußstapfen entstanden bei einem rituellen Kreistanz der Eingeborenen. Der leitende Mann tritt sogleich vorbildhaft in die Fußstapfen auf dem Bild. Das ist die Ausgangsposition, die korrekt eingenommen werden sollte. Die Fotounterlage bietet viele Fußpaare als korrekte Ausgangsposition an – wir dürfen da wählen. Dann beginnt er einen tänzerischen Kampf mit einem Partner, der dabei nicht berührt wird – jeder Angriff endet dort, wo eine Verletzung der Aura stattfinden könnte.

Die Sache mit dem Plan auf dem Fußboden sagt mir überhaupt nicht zu! Ich mag es nicht, wenn ich nach einem vorgegebenen Plan vorgehen muss! Entweder man hat so viel gelernt und reichlich Erfahrungen sammeln können, dass man auch ohne Plan die korrekte Anfangshaltung findet, oder man lässt es besser gleich sein. Meine Meinung!

Also bin ich wieder raus und stehe an der Bushaltestelle, die dem Seminarhaus gegenüberliegt. Der Bus wartet schon. Nah bei mir steht eine schweigende Frau, die ich nicht erkennen kann. Neben ihr wiederum ein alter Klassenkamerad (der damals zu den schnellsten Schwimmern gehörte). Er sagt spöttisch zu mir: „DU kannst das sowieso nicht!!“
„Ach… … ja??!“Und frage ärgerlich: „Du traust mir wohl gar nichts zu?! Ich kann sehr wohl etwas!!“
In mir wird es traurig… ich traue meinen eigenen Worten nicht. Ist es wirklich wahr, und ich kann etwas? Daran glauben kann ich nicht.

In der Schule – vor Unterrichtsbeginn. Während der langen Wartezeit im Klassenzimmer telefoniere ich mit Valerian. Ein anregendes Gespräch, das mir gut tut und mich wieder aufrichtet. Valerian erzählt dann, er werde schon wieder einen Vortrag von Hajo Banzhaf besuchen. Und ob ich mich erinnere, dass Carl und Hajo befreundet sind. Jaja klar, daran erinnere ich mich. Mit dem freien Ohr höre ich etwas im Flur und vermute das Eintreffen des Lehrers. Ich teile dies Valerian mit und wir verabschieden uns.

Mein Blick fällt auf die Zimmertür. Eine alte Tür, weiß gestrichen. Am Türschloss ist zu erkennen, dass die Tür von außen geöffnet wird. Denn dort, wo das Schloss war, ist die Metallverkleidung entfernt und die weiße Farbe befindet sich in der Auflösung. Rund um das Schlüsseloch hat sich eine kreisförmige Senke gebildet und die Farbe wird flüssig.

Der Lehrer tritt ein; in Begleitung zweier schwarzhäutiger Jungen – Schulanfänger – in rotem Penny-Shirt. Der Lehrer ist vielleicht zwölf Jahre alt und trägt ebenfalls ein rotes Penny-Shirt. Obwohl der Lehrer sichtlich die Gestalt eines Kindes von etwa 12 Jahren hat, gibt es keinerlei Zweifel an seiner Kompetenz. Sein Gesicht strahlt etwas aus, das weit über das übliche Wissen hinausgeht. Vor allem seine Unterlippe fällt mir auf, sie ist sehr weich, sinnlich gewölbt und feucht wie ein Blütenblatt voller Tau. Seine Gesichtshaut strahlt angenehme Wärme aus. Still und friedlich ist es in seinen wachen und offenen Augen.

Die beiden Kinder aber… es sind wohl Sorgenkinder. Sie ähneln einander übrigens wie Zwillinge. In ihren großen dunklen Augen, die in ihren schwarzen Gesichtern geradezu leuchten, ist ungeheures Leid zu lesen. Welch eine Vergangenheit sie wohl in sich tragen…
Der Lehrer schaut uns Schüler alle an – wertfrei und absichtslos. Dennoch habe ich den Eindruck, er sucht jemanden, der wirklich in der Lage ist, effektiv etwas zur Heilung dieser Kinder beizutragen. Es bricht einem auch fast das Herz, wenn man diesen Kindern in die Augen schaut. Es ist so schmerzlich, das mir Tränen in die Augen steigen.

Der Lehrer hat mich nun wahrgenommen. Sein Blick kehrt mehrmals zu mir zurück. Ein weicher, liebevoller Blick, mit dem er alles betrachtet. Aber warum demonstriere ich auch Mitgefühl? Ist das nicht alles nur gespielt? Ich glaube nicht, dass ich mitfühlend und empathisch bin. Nur die Tränen… sie kommen gegen mein Wollen. Und der Schmerz… woher stammt dieser? Spüre ich ihn absichtlich? Der junge Lehrer schaut mich nochmals an. Er schaut mir in die Augen – still. Und ich lese etwas in seinen Augen, ich wage es kaum zu glauben… Glaubt er…? Glaubt er… an mich?“

Er strahlt weich strömende Liebe aus, die alles wie warmes Licht umfängt. Der direkte Blickkontakt hebt alle Distanz auf… durchdrungen von LiebeWärmeFrieden… – absichtslose Präsenz

Verbindungen:
Chiu Tsung
Mission Gemini

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2 Antworten zu Tai Chi Tsung

  1. Ist das erlernbar, sich so deutlich und plastisch an seine Träume erinnern zu können? Und vor allem erinnerst du dich an mehrere Szenen, während ich Mühe habe, mehr als drei beim Aufwachen detailliert im Gedächtnis zu behalten. Staunende Grüße, WilderKaiser

  2. REPLY:
    Ja, ich denke schon, dass es erlernbar ist. Wobei es sicherlich von Vorteil ist, wenn man etwas ‚oneirophil’ ist, so wie ich es bin. ;-)

    Da vor allem luzide Träumer oft lange Romane aus dem Schlaf mitbringen, denke ich, dass es einfach eine Frage der Wachheit ist, wie viele Details man erinnern kann. Bin ich im Traum wach, kann ich auch innehalten und zwischendrin kurz zurückerinnern, was ich bis zu dem Zeitpunkt alles erlebte und dann den Traum fortsetzen. Ich bin allerdings zu faul, um absichtlich luzide zu träumen – ich schlafe so gerne. Manchmal werde ich zum Ende des Traumes hin präluzide. Dieses Dösen im Traum reicht dann aus, noch im Schlaf den Traum zu erinnern, wodurch auch mehr Einzelheiten erinnert werden können. Allerdings schlafe ich auch gerne während dieses Erinnerns wieder ganz ein.
    Das Traumerinnern am Morgen ist mir zur Gewohnheit geworden, und ich denke an und für sich gar nicht mehr darüber nach. Also, es ist keine Anstrengung für mich (naja, vielleicht ein bißchen).

    Ich stimme Dir im übrigen zu: Je mehr Szenen zu erinnern sind, umso anstrengender wird es. Zumal Träume auch diese unlogischen Sprünge oder übereinander gelagerte Szenen mit sich bringen. Wahrscheinlich ist es mit dem Traumerinnern ähnlich wie beim Laufen; wenn man an seine Grenzen kommt, beginnt das Gedächtnis arg zu keuchen. Jedenfalls knirscht es beim Erinnern langer Träumen in meinen Gehirnwindungen. ;-)

    Mich wundert ein wenig, dass diese Frage von Dir kommt. Deine Träume wirken auf mich gut erinnert! Vielleicht warst Du aus dem Grund auch dafür prädestiniert, irgendwann mal in einem meiner Träume aufzutauchen.
    Verträumten Gruß :-)