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Aggressive Caipirinha

Traum:
Ein heiterer Tag mit milder Wärme, wie im Frühjahr oder Frühsommer. Zu Besuch bei Keno – nach längerer Zeit. Nach einem kurzen Aufenthalt und Gespräch in seiner Wohnung, sind wir nun in einen eher innen liegenden Hof getreten, der von einigen mehrstöckigen Häusern gesäumt wird.

So wie Keno da steht… ich freue mich, gehe auf ihn zu und umarme ihn. Nach einer Weile lösen wir uns wieder. Keno muss noch ein paar Arbeiten für die Firma erledigen – es wird nur ein paar Minuten dauern. Da kommt er auch schon um die Ecke. Auf einer Handhebeldraisine – eigentlich eine Europalette auf Rollen – stehend, kommt er um die Ecke gesaust. Er pumpt schnell, und in Windeseile hat er die Runde gefahren. Eigentlich ist es keine Runde, denn die Schienen liegen quadratisch im Hof verlegt. Mir ist dann auch klar: Diese Aktion mit der Draisine soll mir nur symbolisch bildhaft machen, welche Art von Arbeit Keno gerade erledigt. Dieses Bild bringt inhaltlich viel mehr zum Ausdruck, als würde ich einen kleinen Einblick in sein reales Tun bekommen. Dafür reichten die wenigen Traumminuten nicht, die uns hier im Hof zur Verfügung steht.

Nur wenige Minuten später kommt Keno zu Fuß zurück. Er ist im Begriff, sich den Mantel anzuziehen. Ein schwarzer Wollmantel mit griffigen Knöpfen, in die ein Anker eingraviert ist. Ich freue mich so über das Wiedersehen, umarme ihn nochmals schwungvoll. Er lächelt, und – während er weiter zuknöpft – fragt neugierig: „Warum?“
„Ich freue mich so sehr!“, antworte ich.
„Ach so!!“, lacht er und erwidert die Umarmung eine Weile.

Und dann: Aufbruch! Wir wollen uns ja noch mit anderen Frauen treffen.

Einige Frauen, Keno und ich sitzen dann in der 1. Etage eines Barbetriebes, rund um einen quadratischen Tisch herum. Der Raum grenzt dem Empfinden nach einem Museum für Moderne Kunst an. Die Ausstattung ist funktional, klar, in Erdrot und Cremeweiß gehalten. Während sich alle am Tisch angeregt unterhalten, überlege ich, ob ich auch ein Getränk bestellen soll. Vielleicht Apfelsaft oder Wasser? Irgendwie mag ich aber nicht, und lasse es sein.

Inzwischen haben sich einige Jugendliche zu uns gesellt. Sie sitzen auf dem Boden, mit dem Rücken zum Tisch oder anderweitig lässig beisammen. Sie beteiligen sich nicht am Tischgespräch, plaudern aber munter untereinander. Nur am Rande nehme ich eine kleine Auffälligkeit wahr, ohne mir etwas dabei zu denken: Eines der Mädchen unterhält sich nicht. Sie sitzt neben Keno auf der Bank, ihm zugewandt, so dass ich sie eher von hinten sehe. Manchmal sehe ich sie ein bisschen im Profil. Dabei fallen mir ihre Augen auf; und der Anblick ist mir etwas unheimlich. Die Iris hat die Farbe von Bernstein, aber mit einem deutlichen unangenehmen Gelbstich. Irgendwas ist da anders… Ich bin nicht sicher… kreist die Iris spiralförmig? Oder fehlt die Pupille? Oder sind ihre Pupillen derart stark geweitet, dass sie tief nach Innen blicken lassen? Es ist nicht okay, irgendwie. Es mag ja auch an der Caipirinha liegen, die hinter ihrem Rücken auf dem Tisch steht. Ich weiß auch, dass die Caipirinha symbolisch etwas ausdrücken soll. Es ist wichtig, die Wortverwandtschaft zu bemerken: es geht um das Symbol Piranha, was an diesem Ort allerdings problematischer darzustellen wäre, da es nicht gut in diesen Barraum passt.

Ich verfolge alles weiter, und überlege: ich sollte mich auch am Gespräch beteiligen. Aber ich finde einfach keinen Einstieg. Das Treffen geht dem Ende zu, eine der Frauen steht auf. Es ist eine etwa 50jährige in kamelbraunem Wollmantel. Die Frau neben mir sagt abwertend: „Hat die schlechte Zähne!“ Ich schaue der Frau hinterher, sehe sie nur noch von hinten. „Aber sie hat wunderschöne Haare.“, stelle ich fest. Glänzend und nussbraun kringeln sich die Haare bis über die Schulterblätter. Ich meine mich zu erinnern, dass sie – vor allem für eine 50jährige – recht attraktiv ausschaut.

Aufbruch, alle stehen auf. Die Bewegung des Bernsteinmädchens ist kaum wahrnehmbar. Nur Kenos plötzlich schmerzverzerrter Gesichtsausdruck lässt mich aufmerken, und ich schaue genauer hin. Das Mädchen hat ihre Fingernägel tief in seine Handrücken gegraben. Ich sehe tiefe Risse und Blut. Ich bin so verblüfft, dass ich erst einmal gar nicht reagiere… Das Mädchen lässt nicht los, und endlich findet Keno seine Sprache wieder und brüllt aufgebracht: „Jetzt rufe ich aber die Polizei!!!“ Endlich springe ich von meinem Platz auf und bin mit einem Satz an seiner Seite.

Er liegt am Boden, nackt und energieverloren. Das Mädchen ist fort. Keno tastet mit der linken Hand nach der Serviette, um sich noch einmal das Blut von seinen Handrücken zu wischen. Die Serviette ist bereits blutverschmiert, aber es ist nichts anderes zur Hand. Keno fehlt die Kraft, um sich das Blut abzuwischen. Er fällt halb in Ohnmacht. So nehme ich die Serviette und tupfe vorsichtig das Blut von den Wunden. Mitgefühl durchströmt mich. Mit einem Male bemerke ich auch Kenos Zerbrechlichkeit… Da liegt ein zarter Knabenkörper vor mir. Kaum größer als ein dreijähriges Kind. Die Hautoberfläche zeigt wenig Spannung, alles so weich und anrührend. In welch einer Lage er sich hier befindet. Er liegt unter dem Tisch, und jeder eintretende Gast wird unweigerlich auf sein Geschlecht blicken. Ich muss etwas tun. Ich möchte nicht, dass er gegen seinen Wunsch so verletzlich den Blicken ausgesetzt ist. Mein Blick fällt immer noch auf sein Geschlecht, das wie weiche Perlen anmutet. Ich möchte Keno aufnehmen und an einen geschützten Ort bringen, sehe mich aber außerstande, meine Hände vorsichtig genug unter seinen erschlafften Körper zu schieben. Ich müsste ihn auch derart aufnehmen, dass er stabil liegt. So knie ich da, und die Furcht, zu grob und ungeschickt zu sein, macht mich handlungsunfähig. Da ruft jemand: „Der Notarzt wurde angerufen!!“
Wie gut! Dann wird gleich kompetente Hilfe eintreffen. Ich bin erleichtert.

Dann sind alle fort. Die Frauen… Keno…
Am Empfangstresen ein paar weibliche Angestellte.
Ich überlege, ob ich auch gehen oder ob ich hier noch etwas trinken sollte. In dem Augenblick kehren die Frauen zurück. Es wird klar, dass auch Keno inKürze zurückkehren wird. Wir werden das Gespräch wieder aufnehmen. Natürlich habe ich das Gefühl, mich die ganze Zeit nicht am Gespräch beteiligt zu haben – es war ja auch so! Ich spüre zunehmende Verunsicherung… Vermutlich will mich niemand mehr dabei haben, wenn ich eh nichts beitrage.

Unmittelbar:
Genau diese Serviette gab es kürzlich im Zusammenhang mit Chiu Tsung.

Und hier eine weitere Ausformung des Kratzbürstigen.

Was davor war:
Quälender Singsang
Via Regia
Heiße Dämpfe aus Bootsmotor
Alter Wein in neuen Schläuchen
Exotisches Vogelinsekt

Ferner:
Wasserdraisine

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