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Thot – liebender Ritter

Traum vom 3. August 2009

Puzzlestück 1 – Die Gegenwart
Ein unerwarteter Anruf vom Sohn der Kirsche. Am anderen Ende der Leitung eine offene, freundliche Stimme. Das ist eine angenehme Überraschung. Da die Kirsche eher konservativ und manchmal halsstarrig ist, hätte ich ihr einen so sympathischen Sohn nicht zugedacht. Er bedankt sich dafür, dass ich so gut für seine Mutter sorge. Und noch viel mehr sagt er, nur kann ich ihn nicht gut verstehen. Die Verbindung ist zu dünn. Ich werfe einen kurzen Blick auf den Telefonhörer: das weiße Kunststoffteil lässt an eine Zitronenpresse oder einen Eierteiler denken. Jedenfalls sollte die Mitte des Hörers wohl genau auf dem Gehörgang positioniert werden. Ich achte darauf, doch meine Haare behindern mein Vorhaben ein wenig. Währenddessen krabbele ich auf allen Vieren auf den Vordersitzen meines Autos herum. Von innen habe ich eine Sichtblende vor die Windschutzscheibe gestellt – während des Parkens natürlich. Zufällig fällt mein Blick durch eine Lücke und ich sehe, dass der Kirschensohn direkt vor meinem Auto steht. Ein attraktiver Mann von eher kleiner Statur, gut gebaut. Seine schulterlangen schwarzen Haare kringeln sich, werden durch einen Gummiring zweifach im Nacken gehalten. Seine Gesichtshaut ist sonnengebräunt, einige tiefe Furchen zeichnen ein interessantes, nachdenkliches Gesicht, das ebenfalls von viel Ernsthaftigkeit erzählt. Der schaut italienisch aus. Seiner Miene ist anzumerken, dass er ziemlich genervt von unserer schlechten Verbindung ist. Immer wieder muss er seine Worte wiederholen. Bis jetzt konnte ich nicht dahinter kommen, was sein Anliegen ist. Frustrierend für beide Seiten. Keinesfalls möchte ich von ihm gesehen werden! Ich komme mir im Augenblick ganz altbacken, matronenhaft und unansehnlich vor. Er beendet das Gespräch, schwenkt nach links ab in Richtung der zwanzig Meter entfernten Haltestelle „Lindenbaum“. Dabei wendet er den Kopf kurz nach links, ich sehe sein ernstes Profil, die schmalen Kerben an den Mundwinkeln. Kurz befürchte ich, nun doch noch von ihm entdeckt zu werden. Ich halte die Luft an… dann ist es vorbei. Schade dennoch, dass wir so auseinandergehen.

Puzzlestück 2 – Die Vergangenheit
Ich verlasse mein parkendes Fahrzeug durch die Beifahrerseite, lande bald in den Räumen eines kleinen Restaurants. Betty Blue arbeitet hier – guter Dinge ist sie. Sie ist mit Aufräum- und Säuberungsarbeiten am Ausschank beschäftigt. Im weiteren Umkreis stehen noch einige gebrauchte Gläser herum. Ohne groß nachzudenken, nehme ich diese im Vorbeigehen mit und stelle sie neben dem Spülbecken wieder ab. Betty schaut erstaunt, denn da stehen sie genau richtig. Ja klar, so überlege ich, als Serviererin habe ich zuletzt vor… vor… 25 Jahren gearbeitet. Dennoch, es gibt Dinge, die vergisst man nicht. Jedenfalls habe ich gerade einen Pluspunkt gesammelt; so fühlt es sich jedenfalls an.

Puzzlestück 3 – Küchenpsychologie
Nach nur wenigen Schritten, ohne spürbaren Übergang, gelange ich in die Küche der Älteren. Vor der Spüle sitzt eine mir freundlich zugewandte Frau, die ein Gespräch mit therapeutischen Hintergrund mit mir führen wird. Ich erinnere nicht, dass wir verabredet wären, dennoch erlebe ich ihre Gegenwart als selbstverständlich; ebenso das vor uns liegende Gespräch. Ich schiebe einen zweiten Stuhl in ihre Nähe und setze mich. Erst jetzt, wo es mich eindeutig stört, bemerke ich ein filigranes, wenngleich doch ziemlich raumgreifendes Standmobile. Seine lose schwingenden Drahtbügel mit kugeligen Enden wippen und kicken mir in Gesicht, Haare und Nacken. Nichts Schlimmes, aber extrem nervig! Einerseits stört es mich, andererseits störte es sicher die Ältere, wollte ich ihr Mobile in seinem Spielraum behindern. Ohne weiter nachzudenken, dabei die Aufmerksamkeit der anderen Frau zugewandt, stelle ich den Stuhl an andere Stelle und setze mich drauf. Super, nahe genug bei der Frau, aber nicht mehr im Aktionsradius des Mobiles. Die Frau nickt mir anerkennend zu, weil sich gleich die erste Veränderung als erfolgreich herausstellt. Sie wirft noch einen Blick auf ihre Notizen, um dann mit dem Gespräch zu beginnen.

Puzzlestück 4 – Mentaltraining
Ein Raum ohne Fenster. Indirekte Beleuchtung, von schräg rechts hinter meinem Rücken kommend. Ich sitze auf einem Stuhl, während die Mentaltrainerin noch ein paar letzte Vorbereitungen an ihrem Schreibtisch trifft. Es liegt allerhand Material herum. Für heute geplant: Hypnosetherapie und Mentaltraining.

Zum Einstieg streckt sie mir Tarotkarten entgegen. Die Karten sind relativ neu oder kaum benutzt. Ich werde aufgefordert, Karten zu ziehen. Doch kaum ziehe ich vorsichtig die erste Karte aus dem übereinander gefächerten Kartendeck, da schlägt sie mir auf die Hand! Offenbar hat sie den Eindruck, ich versuche während des Kartenziehens zu erfassen, welche Karte ich ziehe, um sie gegebenenfalls stecken zu lassen, um eine „bessere“ Karte zu ziehen. Das verstört mich. Beim Ziehen der zweiten Karte haut sie ebenso dazwischen. Etwas ungehalten ob ihres Angriffs, erkläre ich, dass ich etwas Zeit brauche, um intuitiv zu erfassen, welche Karte die „Richtige“ ist. Doch keinesfalls versuche ich zu durchschauen, welche Karte ich gerade ziehe!

Nachdem ich meine langsame Vorgehensweise erklärt habe, lässt sie mir die Zeit. Allerdings ist das Kartenziehen nach dieser dritten Karte bereits beendet, was für mich unerwartet kommt. Ich glaube, ich hatte damit gerechnet, so an die zwölf Karten ziehen zu müssen. Ich weiß nicht… bin ich enttäuscht? Ich verspüre eine unangenehme und auch unerwünschte Erleichterung, wohl weil ich Tiefergehendes erwartet hatte. Eine Legung mit nur drei Karten erscheint mir als relativ anspruchslos.

Inzwischen hat die Therapeutin die Karten auf ihrem Schreibtisch ausgelegt. Nebeneinander. Verblüfft beobachte ich, dass sie die Karten an Platz 1 und 3 gegeneinander austauscht! Deutlich sehe ich die aufgedeckte Karte an Platz 3. Es ist: Thoth – der liebende Ritter.
Die Szene erinnert an den „Ritter der Kelche“ vom Rider-Waite-Tarot, allerdings trägt der Ritter auf dieser Karte einen langen Umhang, der bis fast zum Boden fällt und dem Umhang auf der Karte „5 Kelche“ ähnelt. Der schwarze Umhang auf dieser Karte hat einen unterweltroten Schimmer, so dass er wie von einem tiefroten Leuchten erfüllt scheint. Aufrecht der Ritter auf seinem Pferd. Die Karten erwecken eine Stimmung, als habe man Bilder von Akron, Giger und dem Crowley-Tarot vermischt. Warme Schwingung… angenehm, aber auch von weicher, nachhaltiger Eindringlichkeit. Das nehme ich nur mehr am Rande wahr, denn die Therapeutin erklärt gerade, sie habe die Karten aus einem bestimmten Grund ausgetauscht, da sich sonst folgende Kartenaussage ergeben hätte:
Ich wolle jemanden in einer Geld- oder Erbschaftsangelegenheit um den Gewinn bringen.
„Das passt ja gar nicht zu Dir, Deinem Leben und Deiner gegenwärtigen Situation“ erklärt sie weiter.

Hmmmm… klar, dem möchte ich zustimmen. Solche Geldangelegenheiten haben mich bisher nicht interessiert und für Intrigen bin ich zu bequem. Auch sehe ich weder ein aktuelles noch bevorstehendes Ereignis, das ein solches Interesse oder Verhalten auslösen könnte…
ABER! Kann ich mir wirklich sicher sein? Und: Geht es nicht genau darum, unbewusste Strömungen aufzudecken? Welch einen Sinn ergibt eine Legung mit gezielt ausgetauschten Karten?
Die Therapeutin erklärt zu meiner Beruhigung: „Es liegt sowieso bei mir, wo und in welcher Reihenfolge ich die gezogenen Karten auslege. Ich entscheide, welchen Platz sie bekommen. Daran ist nichts Fragwürdiges; das ist so üblich.“

Hmm, wirklich überzeugt bin ich nicht. Aber sie lenkt nun meine Aufmerksamkeit zu den Karten: „Schau doch mal… Thoth am dritten Platz – die Gegenwart. Das sagt aus: ein Leben mit liebevollen Begegnungen und freundlichen Hilfestellungen. Entspricht das nicht genau Deinen Zielen und auch dem, was Du gegenwärtig lebst?“

Hmmm… okay, dem kann ich natürlich zustimmen, verkehrt ist es ja nicht, aber überzeugt bin ich davon auch nicht.

Offenbar diente das Tarot auch nur zur spielerischen Einleitung, und dem sollen gar keine tiefergehenden Analysen folgen. Einerseits mag ich dem ganzen nach so flüchtiger Betrachtung kein Gewicht und keine Aussagekraft geben, andererseits wird meine Aufmerksamkeit inzwischen eine andere Richtung gelenkt. Die Therapeutin wendet sich jetzt nämlich der Analyse des Vergangenen und Aktuellen zu. Ein kleiner Rückblick auf damals gewählte Ziele. Kleine Bestandsaufnahmen des bis heute Erreichten und meiner gegenwärtigen Einstellungen. Mein Blick fällt auf mindestens drei Ablagen aus Klarsichtkunststoff, die alle mit vielerlei unterschiedlichen Schriftstücken gefüllt sind: Dicht beschriebene Schreibpapiere, gefaltete Blätter mit Skizzen und Notizen… Stichworte, Angedachtes, Ausgearbeitetes, Pläne, nie Umgesetztes, … Dann auch all das, was ich während der letzten Sitzung erarbeitet hatte und was daraus entstanden ist.
Wahnsinn… sie hat alles aufbewahrt!! Es erscheint mir fast unglaublich… Wenn ich mir vorstelle, dass sie für jeden Klienten einen solchen großen Karton bevorratet… Nie und nimmer hätte ich so etwas erwartet.

Ihre Notizen unterbrechend, weist sie kurz mit ihrem Schreibstift in die Richtung meiner schriftlichen Sammlung in den Klarsichtablagen und fragt: „Entspricht das nicht Deiner üblichen Herangehensweise… diese Art… „Loseblattsammlung“…?“

„Ähm… oh… ja… Ich fühle mich peinlich berührt und stimme zu. All die fliegenden Blätter…. Hier eine Idee, dort eine Skizze… viel Theorie, weniger in die Praxis umgesetzt… reichlich Unvollendetes, Ansätze, nicht-Ausgeführtes… Ja, und ich finde sogar, der ganze Anblick vermittelt etwas Luftiges, Fluffiges. So als bausche sich Unwichtiges auf; geringfügig nur – wie schützende Luftpolster in einem Paket – aber doch entstehen diese unnötig raumfüllenden Leer- und Hohlräume. Die ganze Angelegenheit nimmt mehr Raum ein, als sie von der Sache her bräuchte.

Doch das ist für die Therapeutin weniger von Interesse. Ihr geht es darum, dass ich einen Blick auf das Ganze werfe! Auf das, was sich in dieser Form während der Zeit ansammelt. Und das ist dann ja auch wieder erfreulich, zeugt es doch von viel Schaffensdrang. In der Tat; nie hätte ich vermutet, dass ich in einem Jahr so viel produziert und erdacht habe-

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