Home » Traumtagebuch » Die Verwandlung der Geweyhten

Die Verwandlung der Geweyhten

Traum vom 6. August 2009

Nach Wochen oder gar Monaten suche ich endlich mal wieder die Geweyhte auf. Irgendwie hatte ich sie die ganze Zeit vergessen; oder eher: ich hatte die Tatsache beiseite geschoben, dass ich einmal die Woche bei ihr vorbeischauen wollte.

Im Wohnraum liegt sie. In viele Federdecken gebettet, den Kopf leicht erhöht. Au, sie schaut ziemlich ausgemergelt aus. Ihre Nase ragt sehr spitz und bleich aus ihrem Gesicht, ihr zahnloser Mund steht weit offen, wie ein ‘O’, die Augen aufgerissen, wie ins Leere starrend. Sie trägt eine weiße Haube. Man sollte meinen, es geht mit ihr zu Ende!? Ich überlege kurz… klar, sie dürfte inzwischen 97 Jahre alt sein.

Sie erzählt von ihrer Pflegebedürftigkeit, und davon, dass sie nicht mehr gehen könne und deshalb getragen werden müsse. Dann schlägt sie schwungvoll die Bettdecke beiseite, ist mit einem Sprung an der Zimmerwand, wo sie sich mit beiden Händen an der Wand haltend -. und zwar so, als hafteten die Handinnenflächen an der Wand – seitwärts voran bewegt um in den Waschraum zu gelangen. Das geht sehr flott und… unerwartet kraftvoll. Zack, in der nächsten Sekunde hängt sie neben der Waschraumtür an der Sprossenwand und macht mit erstaunlicher Kraft und Ausdauer einen Klimmzug nach dem anderen. „Man muss ja fit bleiben!“ erklärt sie leichthin. Ja… so ist das… natürlich.

Ich finde es sehr sonderbar hier… erst einmal stellt sie mich gar nicht zur Rede, weil ich sie seit Monaten habe hängen lassen. Dann ist sie pflegebedürftig und macht lässig Klimmzüge. Hmm… aber zurück zu meinen Pflichten… Was könnte ich hier jetzt tun? Es müsste doch reichlich liegen gebliebene Arbeit da sein. Allerdings verspüre ich den starken Drang, von hier zu verschwinden. Ich finde es soo langweilig hier. Ich mache mich also auf den Weg, habe das Haus bereits verlassen…. zwinge mich aber zur Geweyhten zurück. Es kostet viel Überwindung.

Als ich zurück komme, sind ein paar Nachbarn und alte Freundinnen der Geweyhten eingetrudelt. Sie sind mir alle vertraut, da ich sie im Laufe der Jahre alle mindestens einmal zu Gesicht bekam. Manchmal erzählte die Geweyhte auch von diesen Frauen, die sich so vorbildlich um sie sorgen / kümmern. Eine dieser Frauen erzählt mir, die Geweyhte habe von einiger Zeit berichtet, dass ich mehrfach nicht erschienen war. Daraufhin habe sie sich nach einem anderen hilfreichen Geist umgesehen und schnell einen gefunden: Gabriele. Gabriele ist zuverlässig und umsichtig.

Einen kleinen Stich versetzt es mir ja schon, dass sie mich nicht einmal angerufen und sich nicht wegen meines Ausbleibens erkundigt hat. Auf der anderen Seite bin ich natürlich erleichtert, denn es fehlte ihr an nichts, weshalb sie mir diese Sache vermutlich weniger nachtragen wird, als es sonst der Fall gewesen wäre. Mir geht ein Licht auf: Klar, Gabriele! Deswegen begrüßte sie mich auch so freundlich, ohne mich zur Rede zu stellen!

Ich denke, ich sollte jetzt gehen. Soweit ich es mitbekommen habe, sollen Erbschaftsangelegenheiten geklärt werden. Mir war auch ein beschriebener Zettel ins Auge gefallen, der mit vier Klebestreifen an die indisch-grüne Küchenwand geheftet ist. Die Schrift war nur sehr schwach zu erkennen und ich überlegte anfangs, es könnte der Zettel mit unseren vorgemerkten Terminen sein. Aber vermutlich ist es anders und es wurden auf dem Zettel erste Zuordnungen des Hab und Guts notiert. Da ich nicht zum engen Kreis der Geweyhten zähle und deshalb nicht stören möchte, mache ich mich unauffällig auf den Weg hinaus.

Da kommt Stephano hinter mir her, hält mich auf. Oh, ein äußerst attraktiver Mann – vermutlich Italiener – athletisch gebaut, gepflegt, wohlduftend. Stephano – Stephano ist natürlich die Geweyhte. Sie ist gestorben oder so, und als Stephano wieder erschienen. Ich nehme diese Veränderung mit einem deutlichen Wohlgefühl wahr. Tolle Verwandlung, hätte ich so nicht gedacht. Netter Typ, sehr charmant, eine gewisse Reife und Nachdenklichkeit ausstrahlend. Wie auch immer, er möchte auf keinen Fall, dass ich gehe.

So sitze ich bald auf einem Sessel. Vor mir auf dem Tisch die Spuren seiner großzügigen Bewirtung. Er springt zu mir, setzt sich rittlings auf meine Schenkel und verteilt kühne Küsse auf Hals, Gesicht und Haaren. Dann eine große Bitte an mich: Ich solle doch noch einmal sagen: „Huch, ich muss ja noch „dies“ tun! Oh, ich muss noch „jenes“ erledigen!!“
Dabei solle ich mich leicht erschrocken und unruhig stellen, so wie ich es immer dann tue, wenn mir siedendheiß etwas einfällt, das ich fast vergessen hätte. Er sagt, es würde ihn voll anturnen, so dass er ganz rasch zwischen meinen Schenkeln kommen könnte. So rasch, dass Mike nichts davon mitbekommt. Letzteres ist natürlich ein Argument, dem ich mich nicht verschließen mag. Gute Idee! Wenn es wirklich so schnell geht, kann ich für mich zwar nicht tief Befriedigendes erwarten, aber eine Art Gefäß für diesen Mann zu sein, bereitet mir natürlich großes Vergnügen. So soll es also sein.

Um seine Stöße etwas abzufangen, stütze ich mich mit der linken Hand hinter meinem Gesäß ab. Fast hätte ich bei dieser Bewegung eine dort abgestellte offene Flasche Bier umgestoßen. Im letzten Moment fange ich sie am Flaschenhals auf. Klaus S. – ursprünglich natürlich Stephano – und ich lachen albern auf, wenden uns dann wieder dem Körperlichen zu. Mike erscheint allerdings viel früher als erwartet. Unser Zusammensein stört ihn aber nicht. Na, das passt zu ihm; vermutlich schaut er großzügig darüber hinweg.

Tags: