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Der Kopf von Williams Christ

Traum:

Ein einfaches Zimmer. Luftige Atmosphäre des Unverbindlichen. Viele Fenster, jeweils von Holzpfosten unterbrochen, so dass sich kleine helle Nischen ergeben, die ein wenig skandinavisch anmuten. Ein Bett mit festweicher Unterlage. Ein junger Mann und ich liegen darauf. Wir umarmen uns – der Mann aktiv, ich passiv. Äußerlich betrachtet könnte man sagen, wir wälzten uns im Bett. Aber durch meine Passivität erlebe ich es nur mehr als ein Hin- und Herrollen. Wobei der Mann immer stürmischer wird.

Bis zu dem Moment, da er enttäuscht und frustriert sagt: „Von Dir könnte ja jetzt auch einmal etwas kommen!“

Oh! Da dachte ich, ich könne ihm etwas geben, indem ich ihm all dies gestatte! Nicht dass ich dafür Dankbarkeit erwartet hätte. Aber dass dies – was ich durchaus als Geben empfand – so nicht genug sein könnte, und es sogar umgekehrt noch als mangelndes Entgegenkommen erlebt wird, darauf wäre ich nicht gekommen. Außerdem gibt es einen wesentlichen Faktor, der mich eh in der passiven Rolle verbleiben lässt: ich habe einem Partner, dem ich gerne treu bin. Zudem verspüre ich gar nicht das Bedürfnis nach anderweitigen Intimitäten.

„Aber verstehst Du denn nicht? Ich bin doch gebunden!“, erinnere ich den jungen Mann, der als ein Bekannter sehr wohl um mein Privatleben weiß. Natürlich ändert dieser Hinweis nichts an seinem Frust – vielleicht hatte er sich mehr erhofft und versprochen. Als er murrend von mir ablässt, macht es mich traurig. Denn es war doch okay, so wie es war.

[…]

Mit dem Auto unterwegs – Mike am Steuer. Möglich, dass es dunkle Unwetterwolken einerseits und Sonnenschein andererseits sind, die diesen Ort in schemenhaftes Zwielicht tauchen. Teils fühle ich mich unlogisch geblendet – die Sonnenstrahlen brechen grell im Glitzern der Regentropfen – teils scheint es mir zu schemenhaft zum klaren Erkennen; die dunklen Wolken hängen schwer und trübend.

Kurz vor dem Seehauser Abzweig steht der Sohn des ‚christlichen Missionars’ – er ist geistig und körperlich ein wenig behindert – am Straßenrand. Etwas unruhig verlagert er seinen Schwerpunkt von einem auf das andere Bein – hin und her, vor und zurück. Zwischendrin abgewechselt von einem Schritt hierhin und dorthin, den er jeweils gleich wieder zurücknimmt. Irgendetwas scheint ihn an diesem Ort zu halten…

Da haben wir den Punkt auch schon erreicht. Auf der Straße, direkt vor seinen Füßen, liegt eine bemerkenswert große Williams Christ Birne, von der ein Teil zu fehlen scheint. Jedenfalls meine ich helles Fruchtfleisch zu sehen. Und Fruchtsaft ist auf den Asphalt gelaufen. Aber da fahren wir auch schon drüber hinweg. Erschrocken ziehe ich den Kopf ein… hoffentlich haben wir die Birne nicht zu Matsch zerfahren?!! Ich schaue mich um, Mike in den Rückspiegel und da sehen wir den stark beunruhigten Blick des Mannes. Im gleichen Augenblick sagt Mike: „Um Gottes willen, da liegt ein Kopf auf der Straße!!“ Offenbar hatte es einen Unfall gegeben. Da wir es nicht rechtzeitig erkannten, sind wir auch noch drüber hinweggefahren! Ich ahne, dass die Feuchtigkeit auf der Straße kein Birnensaft ist, sondern ausgelaufene Lymphflüssigkeit, die inzwischen zu einer leicht glänzenden Oberfläche trocknete. Und dies scheint auch das Element zu sein, das den jungen Mann an diesen Ort bindet.

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