Home » Rauhnächte, Traumtagebuch » Die Behinderte und die Schnittmuster

Die Behinderte und die Schnittmuster

Traum:
Während einer längeren Reise mit einem Bus. Es geht in Richtung Zuhause. Im vorderen Einstiegsbereich steht ein älterer Animus-Typ in dunklem Mantel. Ein ruhiger Typ, der gerne und voller innerer Gelassenheit schweigt. Bei ihm einige jüngere Störenfriede, die zu ihrem eigenen Spaß versuchen, ihn aus der Reserve zu locken. Mike macht währenddessen Witzchen, wobei er keinen der Reisenden auslässt, mit geistreichen Bemerkungen zu necken. Die Reiseleiterin steht direkt hinter der transparenten Rückwand des Busfahrers und beobachtet das Ganze. Als die Störenfriede zu aufdringlich werden, schmeißt sie diese hinaus. Mike wird ermahnt, mit seinen Witzeleien aufzuhören. Anfangs lässt er sich nicht beirren, spöttelt weiter und pocht auf seine Freiheit (die ihm das Einnehmen des Narren-Standpunktes gibt – er hat sich schließlich bewusst dafür entschieden)! Ich beobachte das mit gemischten Gefühlen. Einerseits nervt mich das ständige Frotzeln auch, andererseits möchte ich nicht, dass er den Bus verlassen muss. Denn ich würde dann mit ihm aussteigen wollen. Es ist mir allerdings inzwischen ein großes Bedürfnis geworden, endlich heimzukommen. Außerdem bin ich etwas anderer Ansicht, was seine Freiheit anbelangt. Denn stößt die eigene Freiheit nicht spätestens dort auf Grenzen, wo die Freiheit des Gegenübers beginnt und somit womöglich unangenehm überschritten wird?? Mike zeigt sich murrend, sperrt sich gegen eine mögliche Einsicht, kommt aber zu mir her – spöttisch grinsend über unsere kleinbürgerliche Einstellung. Aber nach einem kurzen Wortwechsel mit der Reiseleiterin unterlässt er die Frotzeleien. Die Reise geht weiter, und vielleicht kommen wir nun ohne weitere besorgniserregende Situationen an.

Seit geraumer Zeit half ich einer behinderten Dame älteren Jahrgangs – eine Frau, die mir länger vertraut ist. Die Behinderungen sind vermutlich die Folge einer Kinderlähmung in jungen Jahren. Die Dame zieht diese Tage mit einem Teil ihrer Habe um, weswegen all ihre Bücher auf dem Autodach verstaut werden mussten.

Wir sind nun unterwegs und suchen ein Stoffgeschäft auf. Die Dame sucht ein bestimmtes aktuelles Schnittmuster und lässt sich von der Ladeninhaberin (es ist die Reiseleiterin von zuvor) beraten. Diese zeigt sich freundlich und hilfsbereit, holt ein Nähheft hervor und schlägt es in der Mitte auf. Dort ist der Schnittmusterbogen eingeheftet. Sie holt weitere aktuelle Frauenillustrierten hervor, die ebenfalls dieses Schnittmuster als Beilage enthalten. Bemerkenswert, in jeder Ausgabe dieser Frauenzeitschriften scheint das gleiche aktuelle Schnittmuster enthalten zu sein. Mir wird dabei auch langsam klar, dass die Ladeninhaberin die Schnittmuster erdacht hat! Soweit ich mich erinnern kann, gab es ein solches Schnittmuster immer nur in jeweils einer Zeitschrift; keinesfalls in mehreren gleichzeitig. Beachtlich, dass es der Ladeninhaberin offenbar gelungen ist, den von ihr kreierten Schnittmusterbogen an mehrere Verlage gleichzeitig zu verkaufen! Wie auch immer… Ich überlege, mir das Burda Moden zu kaufen. Mir würde es vielleicht Spaß machen, mal wieder etwas zu nähen: nicht nur ein Teil, sondern gleich mehrere Modelle. Leider kann ich aber nicht erkennen, welche Modelle dieses Heft als Vorlage hat. Zudem interessieren mich die anderen Inhalte des Heftes nicht, so dass eine Investition eigentlich nicht lohnt. Ich gebe dem verlockenden Impuls nicht nach.

Inzwischen hat sich die behinderte Dame einige Stoffe zur Auswahl bringen lassen. Es sind spürbar hochwertige Stoffe, die sicherlich auch nach dem Waschen noch schön sind. Ein Stoff hat ein dunkles Karo in Nachtblau und Schwarz als Muster. Ein anderer Stoff ist locker gewebt, in Goldgelbbraun. Wie fließend und angenehm schwer die Stoffe fallen! Wie stabil gezwirnt die Webfäden sind, und dennoch so angenehm weich! Hier zeigt sich Qualität. Die Dame hält eine Applikation in der Hand: eine stilisierte Blüte (etwa fünfzehn Zentimeter Durchmesser), an deren unterem Ende einige geschwungene Fäden hängen. Farblich passt diese Stoffblüte genau zu dem nachtblau-schwarzen Stoff. Gemeinsam mit der Ladeninhaberin überlegt die Behinderte, ob und was sie nun letztlich gebrauchen kann und möchte.

Bald darauf verlassen wir den Laden und gehen zum Auto der Behinderten, das am Straßenrand parkt. Ganz rechts steht ein Polizist – Typ Freund und Helfer – und schaut der Behinderten zu. Er schaut aus, als würde er sogleich hilfsbereit herbeieilen, falls das notwendig wird. Links von mir stehen Leute aus meinem früheren Bekanntenkreis – abwartend. Auch sie halfen der behinderten Dame beim Packen; jeder erledigte auf seine Weise einige Handgriffe. Die Dame beugt sich zum Seitenspiegel an der Beifahrerseite vor und überprüft die korrekte Ausrichtung. Ihr Auto ist ein Sondermodell – extra auf ihre Behinderung zugeschnitten – und zeigt sich an der Autotür nach innen gewölbt. In dieser Wölbung ist die Spiegelfolie mit Hilfe von Malerklebeband befestigt. Ja, alles passt, alles okay.

Währenddessen hat die Ladeninhaberin dafür gesorgt, dass alle Bücher auf dem Autodach soweit gesichert werden, dass sie während der Fahrt nicht hinabstürzen. Es sind meine Kailash-Tarotbücher. Mit Pins und Klemmen wurden sie stehend auf dem Dach fixiert. Na, meine Güte, da wollen wir mal hoffen, dass es keinen Regen gibt!! Gut, dann kann es ja losgehen.

Ein kurzer Wink der Dame, und alle schauen zu den Arrangements auf dem Autodach im Bereich der Beifahrerseite. Dort hat sie Miniaturen von Möbeln und Gegenständen aufgebaut. Und jedes einzelne Arrangement zeigt symbolisch noch einmal, welche Hilfe – und von wem – ihr zuteil wurde. Auf diese Weise möchte sie ihre Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Beispielsweise ein winziger Poäng-Sessel von Ikea, auf dem ein kleiner Computer aus schwarzem, weichem Nappaleder liegt – diese Gegenstände symbolisieren die Hilfe meines Ex-Mannes. In dieser Weise wurde jeder Helfer bedacht. Diese Anerkennung wird von allen mit großer Freude und Zufriedenheit betrachtet. Enttäuscht und traurig sehe ich, dass sie mich in keiner Weise bedachte. Kein Hinweis auf meine Hilfe. Und dabei hatte ich ihr all die Tage geholfen und hatte sie begleitet, während die anderen „nur“ diese oder jene Stunde halfen. Aber vielleicht war es gerade das? Da ich die ganze Zeit an ihrer Seite war, fand sie keine Zeit, für mich eine ebensolche Überraschung herzurichten?

Naja, diese Sache geht ja jetzt auch zu Ende. Und mit einem Male wird mir klar: es ist an der Zeit, Abschied zu nehmen.

Tags: ,