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Wettlauf und Betthupferl

Traum:
Vorbereitungen für einen Wettlauf. Es müssen vierzig Runden gelaufen werden – jede mit einer anderen Hose. Zudem ist Bedingung, bei jeder Laufrunde eine 1 Euro-Münze in der rechten Hosentasche bei sich zu führen. Ich bin dabei, mich darauf vorzubereiten. Damit es während des Wettlaufs nicht unnötig Zeit kostet, jedes Mal die Münze aus der Tasche zu holen, um sie in die nächste Hosentasche zu stecken, präpariere ich alle meine Hosen mit einem 1Euro. Ein paar der Hosen sind ziemlich eng, diese Jeans beispielsweise. Während ich die Münze in die Tasche schiebe, überlege ich, dass ich beim Lauf ins Schwitzen komme, und es dann nicht so einfach sein wird, die Jeans überzustreifen. Es könnte zu lange dauern. Hoffentlich kriege ich sie überhaupt angezogen!

Endlich suche ich die Praxis meines alten Hausarztes auf! Der Termin ist längst fällig. In einem Anmeldezimmer sitzt die Frau des Arztes an einem weißen Tisch, hat ein Anmeldeformular aufgeschlagen und trägt meine Personalien ein. Auf der linken Seite im unteren Bereich sehe ich das Datum 27. Oktober, das mit einem Kreuzchen markiert ist. Die Frau weist darauf hin. Ich bestätige, davon gewusst zu haben. Der Termin ist verstrichen und ich entschuldige mich damit, gerade umgezogen zu sein, und einerseits die Zeit dafür nicht gefunden zu haben, andererseits habe ich es zwischendurch tatsächlich vergessen. Die Frau sagt nichts dazu, und ich werde ins Sprechzimmer vorgelassen.

Mein Arzt – ich kannte ihn bis jetzt nicht – empfängt mich freundlich und bittet mich Platz zu nehmen. Er ist ein väterlicher Typ, mit leichtem Bauchansatz. Er trägt einen dunkelroten Wollpullunder, dessen Farbe ich als angenehm warm und weich erlebe. Während er ein paar einleitende Worte macht, schaut er mich interessiert an. Gleich zu Beginn nehme ich ein Aufmerken seinerseits wahr… Offenbar wirkt mein Verhalten irgendwie auffällig. Sein waches Interesse löst ambivalente Gefühle aus… Einerseits gefällt es mir, Beachtung zu finden. Auf der anderen Seite befürchte ich Kritik und Ablehnung – eben wegen meines womöglich sonderbaren Verhaltens. Zur Untersuchung habe ich meine Hose ausgezogen. Sitze also in einem durchsichtigen himmelblauen Slip auf dem Stuhl. Der Arzt ist aufgestanden, schaut über den Tisch, und sein Blick weilt interessiert bei meiner Scham. Ein Blick dorthin bestätigt, dass der hauchfeine Stoff nichts verbirgt. Welche Gefühle das wohl in dem Arzt auslösen mag? Wohlwollend, einer zärtlichen Geste ähnlich, greift er mir an mein linkes Ohr; scheint es kurz zu befühlen. Ich spüre angenehme Nähe, Wärme und Aufgehobenheit. Und ja, auch ein feines Prickeln und Sehnen breiten sich in mir aus.
Nun habe ich wöchentliche Termine bei dem Arzt, die sich alle ähnlich gestalten: Aufmerksamkeit, Blicke, wenig Worte, Berührungen, Wärme und Nähe.

Eines Tages begegnen wir uns zufällig auf der Straße. Gerade als ich nahe an einem Frankfurter Park auf dem Bürgersteig jogge. Er kommt mir auf der gegenüberliegenden Straßenseite entgegen, und als er mich bemerkt, bleibt er fast stehen und schaut mir nach. Dadurch wird mir bewusst, wie unbeholfen meine langausholenden Schritte sind! Ich sehe es auch in meinem Schatten gespiegelt, der direkt vor mir her läuft. Meine Beine in den dünnen Joggingshorts machen schlackernde Bewegungen, sie greifen weit vor, ohne dass ich jedoch nennenswert vorankäme! Zudem bin ich noch mit der morgendlichen Toilette beschäftigt, und brause mit einer Dusche meine Haare ab. Das Wasser fließt in Strömen über den Kopf, was ein angenehmes Gefühl der Reinigung mit sich bringt. Ich bemerke den langen Duschschlauch, der hin und her schwingt. Dem Gesichtsausdruck des Arztes könnte ich alles mögliche entnehmen: Verwirrung, Erstaunen, Missbilligung, Wohlwollen, Neugier. Da ich ihn aber nicht ansehe, bleibt es bei meinen Projektionen, ohne dass ich erführe, was wirklich in ihm vor sich geht. Es hinterlässt ein unangenehmes Gefühl, als mir all dies bewusst wird, und mir dann klar wird, dass ich nicht den Mut finde, ihm einfach ins Gesicht zu schauen. Laut sage ich zu mir, vielleicht auch zu ihm: „Jaja, ich weiß, das Duschen auf der Straße wäre wirklich nicht nötig, aber ich bin in Eile, und ich bin ja auch schon fertig damit!!“ Währenddessen laufe ich weiter, immer bemüht, weniger tolpatschig und schwerfällig zu wirken, ohne dass mir dies gelänge.

Als ich zu einer weiteren Sitzung erscheine, treffe ich den Arzt vor dem Gebäude an. Er sitzt in einem, am Straßenrand parkenden, alten VW-Bus am Lenkrad. Ein Kumpel neben ihm. Der Arzt greift nach hinten, räumt die Ladefläche etwas frei, damit ich dort Platz nehmen kann. Als ich sitze, dreht er sich um, schaut mich freundlich lächelnd an. Seine Fürsorglichkeit und Wärme lösen wieder diese angenehmen Gefühle und das leise sehnsüchtige Prickeln aus. Ja, ich wünschte, er würde sich zu mir auf die Ladefläche setzen, damit wir uns näher wären! Aber solange sein Kumpel noch da ist, wird er das wohl kaum machen. Wieder greift er sanft an mein linkes Ohr und lächelt liebevoll. Eine junge blonde Frau mit dunkelblauem Kinderwagen kommt hinzu. Sie will ihr Kleines gleich zum Spielplatz oder Kindergarten bringen. Ich unterhalte mich mit ihr. Etwas ungeduldig, weil ich lieber mit dem Arzt alleine wäre.

Dann sind alle fort, bis auf eine unbenennbare Frau, die noch an meiner linken Seite steht. Ich schaue durch die nach wie vor geöffnete Tür in den Laderaum. Dort auf dem indianisch bunten Kopfkissen hat der Arzt auch dieses Mal etwas für mich hinterlegt: eine kleine glänzende röhrenförmige Muschel, ein kleines braun-cremigweiß marmoriertes, glattes Steinchen mit eingeritztem Muster und einen unbenennbaren Gegenstand. Das Arrangement erinnert an ein Betthupferl. Ich freue mich sehr über diese Aufmerksamkeit. Von Dankbarkeit erfüllt, sage ich zu der Frau: „Er legt mir jedes Mal derlei Dinge hin.“ Leise Sehnsucht breitet sich aus… und ich überlege, ob es überhaupt in Ordnung ist, sich nach noch mehr Nähe zu sehnen. Oder anders formuliert: ob es angebracht wäre, darauf zu hoffen, und daraus folgend womöglich entsprechende Signale zu senden. Ich bin mir da überhaupt nicht sicher. Dennoch ist gerade dieses Ungewisse zwischen der Wärme und Nähe das, was mir dieses wohlige Gefühl bereitet.

Rand-Notiz:
Anfangs wunderte ich mich über die Muschel, aber nun hat es endlich geklingelt: in meiner inken Ohrmuschel.

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