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Flexionen

Traum:

Seit einigen Tagen bin ich darin versunken, grammatische Formen zu bilden. Substantive, Verben und Adjektive – alle mit dem Anfangsbuchstaben B – füllen, wie Schwebstoffe, den weiten Raum. Ein angrenzender, kleiner Raum zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Soeben öffnet sich die Schiebetür: Rieke und ihre Bekannten sitzen dort plaudernd beisammen. Als sie mich bemerken, vereinen sich die Stimmen zu leise murmelnden Vorwürfen: „Du kümmerst dich zu wenig um Rieke!“ Rieke selbst sagt nichts. Mit früheren Klagen nährte sie ihr Umfeld, das nun – aus ihrer vermeintlichen Not heraus – für sie Partei ergreift.

Ich wende mich dem Vorwurf zu. Wende mich an Rieke und mache eine Bemerkung, die den gleichen Effekt hat, als habe ich ihr einen Becher Wasser über den Kopf gegossen. Sie reagiert beleidigt und gekränkt, fühlt sich nun – zu Recht – schlecht von mir behandelt. Meine Frechheit hätte auch letzte Zweifel an den Vorwürfen ausgeräumt… doch es zweifelte eh niemand daran.

„Ich werde mich nicht entschuldigen“, teile ich Rieke in aller Ruhe mit. Empörtes Gemurmel schwillt in dem kleinen Nebenzimmer an. Ein Gefühl der Genugtuung lässt mich auf angenehme Weise meine Grenzen spüren und einhalten.

Pause von der Arbeit mit Wortformen. Ich suche übergangsweise eine frühere Wohnung von mir auf. Die Wohnung ist die Hälfte eines großen Raumes, der durch einen Lamellenvorhang geteilt wird. Während ich meine Sachen ordne, höre ich nebenan meinen früheren Nachbarn, den sympathischen EDV-Lehrer. Er sitzt mit seiner zwölfjährigen Tochter am Klavier, spielt einfache und heitere Lieder, zu denen beide singen. Seine Tochter kann nicht gut singen, der Ton ist meist schräg daneben. Ich bin überrascht, dass dem Vater – der ihr das Klavierspiel und den Gesang beibringen will – kein Missfallen anzumerken ist. Nicht ein Wort, mit dem er sie darauf hinweisen oder belehren würde. Er scheint zufrieden zu sein. Wirklich sehr verwunderlich, wo er doch auch ihr Lehrer ist! Ich horche konzentriert hin… Tatsächlich, Zufriedenheit und Liebe schwingen in seiner warmen Stimme mit.

Ich wende mich wieder meinen Sachen zu. Nur wenig später lässt der Nachbar mit einem Ruck den Vorhang auseinander gehen, und tritt in meine Wohnung. Zum Glück geht es seit geraumer Zeit nicht mehr so chaotisch bei mir her – das Zimmer ist aufgeräumt. Der Nachbar wendet sich den halb geöffneten Kartons zu, die mit Wortformen gefüllt sind. Seine Tochter verlässt das Klavier. Als sie aus dem Raum geht, kommt sie mir direkt entgegen und ich kann ihr Gesicht deutlich sehen. Vermutlich hat sie das Downsyndrom in leichter Ausprägung. Nun kann ich die großzügige Nachsicht des Vaters verstehen. Die Tochter verschwindet langsam, der Vater ist mit den Kartons beschäftigt und mir schwirren lauter B-Begriffe im Kopf herum.

Rand-Notiz:

Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: Bitte, beuge mich!

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:

,Der Werwolf, — sprach der gute Mann,
,des Weswolfs, Genitiv sodann,
,dem Wemwolf, Dativ, wie man’s nennt,
den Wenwolf, –- damit hat’s ein End’.‘

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
Indessen, bat er, füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!

Der Dorfschulmeister aber mußte
gestehn, daß er von ihr nichts wußte.
Zwar Wölfe gäb’s in großer Schar,
doch ‚Wer‘ gäb’s nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind –
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.

Quelle:
Christian Morgenstern: Alle Galgenlieder. Diogenes 1981

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