Home » Traumtagebuch » Das Kind mit den blutroten Krallen

Das Kind mit den blutroten Krallen

Traum vom 22. Oktober 2006
Neue Arbeit in Wien – Leopoldstadt. Doch zuvor anderes:

Der letzte Tag. Die Ausbildung ist abgeschlossen, die Zeugnisse gerade verteilt. Ich hocke am Rande des Geschehens auf einer sanft geschwungenen Grünfläche. Neben mir liegt mein Zeugnis – vielseitig, und an den alten Mietvertrag erinnernd. Ein gutes Zeugnis – für meine letzte Arbeit erhielt ich eine Eins. Stimmen fragen, warum ich davor stets schlechtere Arbeiten abgelieferte, wo mir gute Arbeiten doch gar nicht schwer fielen? Ich zucke gleichmütig die Schultern: „Es war mir ansonsten einfach zu anstrengend. Und ich habe diesen Anspruch gar nicht.“

Der Ausbildungsabschluss wird völlig überraschend mit einem gemeinsamen Tanz gefeiert. Orientalische Musik erfüllt den Raum, alle Studienkolleginnen springen auf – ich lasse mich mitreißen – und gleich darauf wiegen wir uns zu den Klängen. Ein herrliches Gefühl, Hüftkreisen mit geschlossenen Augen… Ich trage eine Hüfthose aus handgewebtem weißen Flachs, dazu ein kurzes Top aus gleichem Stoff. Etwas unangenehm der nun aufkommende Gedanke, dass meine ungehemmten Tanzbewegungen vielleicht unangemessen sind. Bauchtanz… welch eine Figur mache ich hier eigentlich?

Körperlos und viele Meter von der Tanzfläche entfernt. Auf dem Podest tanze ich mit den anderen. Meine Hüfthose wird von einer durchgezogenen Kordel gehalten… vielleicht sitzt das zu locker. Die Hose ist weit hinabgerutscht und offenbart mein türkisfarbenes Spitzenhöschen bis zum Beinansatz. An sich ein anmutiger Anblick, doch für die Öffentlichkeit ein wenig zu freizügig. Ich sollte hinlaufen, mir schnell die Hose hochziehen. Doch just in diesem Moment folgt mein tanzendes Ich einer Vierteldrehung der anderen Tänzerinnen. Und damit entzieht sich auch das Spitzenhöschen den direkten Blicken. Aufatmen, entspannen… okay.

In der alten Anna-Küche sitzt Wilma am Küchentisch. In den Händen hält sie die dritte und letzte Ausgabe meines Zeugnisses. „Das brauchste doch eh nie wieder“, meint sie lapidar. Die beiden anderen Zeugnisausgaben liegen bereits zerrissen an der Seite. ‚Ja’, so denke ich bei mir ‚wahrscheinlich hat sie Recht.’ Ich spüre Gelassenheit, aber… irgendwie auch eine gewisse Nüchternheit, die der vorherigen Bewegungsfreude ihre Farbigkeit nimmt.

Bummel mit Moina. Als ich eine frühere Bauchtänzerin in einer angrenzenden Boutique bemerke, trete ich nach kurzem Zögern ein. Die Frau trägt Hose und Top aus Flachsstoff mit Häkelspitze an den Hosensäumen – in Apricotrosé. Bemerkenswert, weil dies meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Da die alte Bauchtanz-Freundin in einer angeregten Unterhaltung vertieft ist, spreche ich sie nicht an. Rechts am Kleiderrondell sehe ich ähnliche Hosenanzüge in Apricotrosé. Vielleicht finde ich weiter drinnen im Laden ein Kleidungsstück für Moina, ermuntert mich eine Stimme. „Ach ja, nur trägt Moina am liebsten ihre Pyjamahosen, die längst zwei Nummern zu klein geworden sind.“, gebe ich zu bedenken. Moina trägt auch zu diesem Zeitpunkt eine solche Hose. Die Tochter der Bauchtänzerin kommt uns nach. Moina schaut dem Tun des Mädchens neugierig zu. Und als ich im nächsten Augenblick ihre lackierten Fingernägel bemerke, kann auch ich den Blick nicht mehr von ihr abwenden… Nicht nur ungewöhnlich, dass eine Zweijährige ihre Fingernägel lackiert hat. Der tiefrote Lack ist matt, auffällig dick aufgetragen und der Gedanke an Blut ist unausweichlich… Nun hockt sie vor einem herabgezogenen Rollo und kratzt mit den Nägeln daran. Wie ein Kätzchen… nein anders, unangenehmer… wie ein wildes Tier, das in ihre Fingerspitzen gekrochen zu sein scheint. Das Kind schaut uns an – das Kratzen seiner Nägel unangenehm eindringlich – es zeigt seine Zähne und ich meine, ein leise knurrendes Zischen zu vernehmen. Vielleicht irre ich mich… Dennoch, mehr und mehr breitet sich Unbehagen in mir aus.

Feierabendstunde im Bahnhofsbereich. Ich eile durch die zugige Unterführung auf den Bahnsteig zu. Die Wände sind vom niedergeschlagenen Dampf der Lokomotiven geschwärzt. Nur noch ein Zug wird abfahren. Am Eck stehen ein paar Schemenhafte. Menschen der sozialen Unterschicht aus den 60ern. Ein dunkler Mann mit Schiebermütze, Wolljacke, die Hände tief in den Taschen vergraben. Stoßweise bilden sich kleine Nebelschwaden vor den Gesichtern der in sich kauernden Menschen. Beiläufig nehme ich das leise Frieren und die leeren Mägen der Menschen wahr. Ich halte ein zusammengeknülltes feuchtes Wäschestück in den Händen. Ein unangenehmer Umstand, jedoch kann ich davon nicht loslassen, weil ich das Teil noch brauche. So sitze ich kurz darauf im Abteil eines alten Zuges – 3. Klasse – auf Holzbänken. Den Blick in der Ferne verlassen – wir alle.

Irgendwann, irgendwo mittendrin: ein Fensterblatt mit Übertopf. Die grünen Blätter fest geschwungen, die Stiele prall und aufrecht. Diese Pflanze hat ausreichend Wasser bekommen. Ein gutes Gefühl, mich momentan darum nicht kümmern zu müssen.

Tags: ,