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Venezianische Wasserstraßen

Ein Bruchteil eines langen Traums:

Eine sonderbar anmutende Stadt im Schummerlicht – weder Tag noch Nacht, vielmehr scheint eine lichtabsorbierende Glocke über dem Land zu liegen. Mike, Moina und ich erreichen das angestrebte Gewässer. Mit Holzbrettern ummantelte Wasserstufen – verrückt und terrassenartig angelegt – führen in trübes Wasser. Das Wasser ist, wie ein kurzes Aufblicken in die Ferne zeigt, der Rand eines großen Meeres. Der Horizont verschwimmt, wo schlammig trübes Wasser und unverändert grau dämmernder Himmel eins werden.

Zahlreich und an vielen Punkten werden einfache Holzboote ins Wasser gelassen – der Einstieg zu einem Freizeitvergenügen. Mike hat bereits ein Boot für Moina und mich gemietet – 10 Euro Mietpreis. Ich suche einen flachen Einstiegspunkt, um Moina gefahrlos ins Boot setzen zu können. Gleichzeitig darauf achtend, dass die gewählte Wasserstufe barrierefrei auf das Meer hinaus führt. Dies erweist sich als etwas schwierig – immer wieder setze ich an, nur um dann festzustellen, dass irgendein Punkt nicht passt. Und sei es, dass die Strömung zu reißend ist. Irgendwann aber ist es vollbracht.

Erneuter Einstieg an anderer Stelle. Durch Ablenkungen kam mir inzwischen das Boot abhanden. Da wir zehn Euro dafür bezahlten, ist das ein wenig ärgerlich. Aber viele gleichartige Boote dümpeln wartend im Wasser, und ich überlege, mir einfach eines davon zu nehmen. Allerdings hatte ich beobachtet, dass die Bootsfahrer teils kurz in ihr Wasserhaus geeilt waren – vermutlich um noch eine Kleinigkeit für die Fahrt mitzunehmen – da wäre es unfair, mir das Boot auszuleihen. Mike meint, er wolle erneut ein Boot mieten, holt ein sichtlich oft gegriffenes I Ging Buch hervor und schlägt es auf. Zu meinem Erstaunen liegen zwei 10 Euro Scheine drin! Ich sehe es sofort, da diese etwas zerknittert und wellig sind. Wundersam… wo kommen diese beiden Scheine her?

Wiederholt suche ich einen geeigneten Platz zum Einlassen des Bootes. Wasserstand, Fließgeschwindigkeit und die labyrinthartige Anlage der Wasserwege lassen nur wenige Möglichkeiten offen, die erst einmal entdeckt werden müssen. Irgendwann kehren wir dem Meergebiet den Rücken, machen uns auf den Weg in die Innenstadt, um diese zu erkunden.

Es ist eine Wasserstadt, die die Vermutung aufkommen lässt, womöglich in Venedig zu sein – oder sind es Grachten in Holland? Hundert Meter vor einer großen Straßenkreuzung steht ein Hausierer auf dem Gehsteig und bietet Kunstbücher feil. Eines davon erzählt von Vogeler, wie seinem Redeschwall zu entnehmen ist. Mike reagiert prompt, stellt sich zwischen den Hausierer und mich, und holt wie aus dem Nichts ein Buch hervor. Spricht dazu mit schelmisch funkelnden Augen: „Ein Buch von Vogeler, bittesehr!!?!!“ Er hält es mir mit dienernden Gesten und schräg geneigten Kopf vor Augen: das Titelbild zeigt eine Zeichnung von Heinrich Vogeler – ein Selbstportrait im Jugendstil. Ich frage mich, ob sich der venezianische Händler vielleicht wundert, dass Mike ganz selbstverständlich ein Buch von Vogeler anbietet – ausgerechnet Vogeler, der hierzulande weniger ein Begriff sein dürfte als bei uns in Worpswede!

Wir setzen unseren Weg ins Zentrum fort. Eine große Kreuzung; Fußgänger überqueren die Straße. Ich sehe einen Mann in Knickerbocker, mit Gehstock, Gamaschen und Zylinder… seine Waden ganz dünn… der Kopf vorgereckt, mit vorgestrecktem Kinn… stakst er durch das mehr als kniehohe Wasser. Dann eine Frau mit einem Kind an der Hand. Sie trägt ¾-Hosen, dazu rote Gummischuhe mit schwarzen Elastikeinsätzen. Anfangs meine ich, sie trägt Regenhosen – wasserdicht bis unter die Achseln. Bei genauerem Hinsehen erkenne ich eine Stoffhose. An Mike gerichtet drücke ich mein Erstaunen aus: „ Aber damit ist sie ungeschützt – sie wird ja völlig durchnässt?!!“ Ein Blick auf andere Passanten zeigt, dass es hier üblich ist, mit ganz gewöhnlicher Kleidung hinauszugehen. Die Stadt steht ständig unter Wasser – man hat sich daran gewöhnt. Der Wasserstand im Stadtzentrum schwankt stets zwischen Waden- und Oberschenkelhöhe.

Meer Träume

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