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Über dem Abgrund trägt die Liebe

Ort des Traumes:
Eine dörfliche Straße – mehr außerhalb gelegen, durch ein still daliegendes Gewerbegebiet mit weißen Gebäuden führend. Diese Straße mündet an eine Querstraße am Rande eines dichten Waldes. Der Streckenabschnitt ist vielleicht dreihundert Meter lang und zurzeit finden hier Straßenbauarbeiten statt. Teils wurde der Asphalt von der Sommerhitze geschmolzen und aufgerissen. Tiefe Furchen, abgerutschte Randstreifen und gezielte Aufgrabungen durch Arbeiter zeichnen diesen Weg.

Ein Weg, den wir neuerdings häufiger nehmen müssen. Dabei ein tatkräftiges Gefühl in mir.
Als wir das zweite Mal hier entlangfuhren, konnte Mike nur noch in letzter Sekunde einem tiefen Riss in der Fahrbahn ausweichen. Hätte er dies nicht sogleich erschrocken und erleichtert kundgetan, wäre es mir wohl entgangen. Aus dem Augenwinkel sah ich kurz die aufgesprungene Straße und den abgründigen Riss.

Heute fahren wir hier ein drittes Mal. Vor uns das Waldstück, in das wir nach rechts einbiegen werden. Ich fühle mich unbesorgt, schaue aus dem Beifahrerfenster. Zwar fährt Mike weit rechts und dort fällt ein tiefer Abgrund steil ab, aber ich sage nichts. Mike dürfte nach der Erfahrung bei unserer letzten Fahrt sicher besonders aufmerksam fahren. Im nächsten Augenblick rutscht das Auto von der Fahrbahn. Kein Halt mehr unter den Reifen an der rechten Seite! Das Fahrgestell schleift krachend den rissigen Asphalt entlang! Der Wagen ist nicht mehr zu halten, rutscht gänzlich über den Abgrund! Im nächsten Augenblick erwarte ich den schrecklichen Fall, das zerschmetternde Aufprallen, das Ende! Der Wagen hält sich in der Waage, stürzt noch nicht hinab! Einen Moment lang die Hoffnung, es doch noch zurück zur Straße zu schaffen! Aber nein, zu lange schon über dem Abgrund – keine Hoffnung. Noch kreiseln wir langsam und schwebend auf Straßenhöhe. Zwischen den kleinen runden Wipfeln der Bäume mit den langen glatten Stämmen, die unendlich weit in den Abgrund wachsen, wo sie sich zu einem unsichtbaren gemeinsamen Punkt verjüngen. So bleiben unerwartete Sekunden zum Nachsinnen… Es ist vorbei, keinerlei Hoffnung mehr, doch noch die Kurve zu kriegen. In wenigen Sekunden werden wir dort unten zerschellen. So schnell, dass unser Verstand es nicht mehr erfassen wird.

‚Das war’s dann wohl’, geht mir durch den Kopf. Ich bin überrascht und… merkwürdig gelassen. Mike sitzt ebenso entspannt im Sitz, denkt vermutlich ähnlich. Akzeptieren; es ist nichts mehr zu tun. Es ist eine letzte Stille eingekehrt. Ich spüre schmerzlich die Liebe, die uns verbindet. Sie durchströmt mich geradezu. Gleich nehme ich seine Hand, spüre die Stärke unserer Liebe, die uns bis zum allerletzten Augenblick geschenkt ist. Verblüfft darüber, dass in einer solchen Situation Raum und Aufmerksamkeit für diese Gefühle ist. Es ist Liebe… offenbar ist es die Liebe, die uns trägt… ich spüre sie… Es manifestiert sich ein Gefühl, als könnten wir dadurch doch noch wieder festen Boden erlangen. Eine Möglichkeit…

…eine Möglichkeit, aber nicht wirklich (?)
Die Haustür fällt leise ins Schloss – ich wache auf.

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