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Harvey im Wunderland

Die Erinnerungsreste eines langen Traums vom 28. Juli 2006

Semesterabschluss. Für heute sind noch mal alle verabredet, um Filme zu gucken. Ich war für die Einladungen hierfür verantwortlich. Oh Schreck, mir fällt ein, dass ich zu acht Uhr eingeladen hatte, die Veranstaltung aber schon um fünf Uhr beginnt! Von einem Teil der Leute hatte ich nichts mehr gehört, und die werden wohl erst zur genannten Zeit erscheinen – nur wird dann keiner mehr hier sein! Wie peinlich! Ich traue mich nicht, dies dem Dozenten zu erzählen.
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Erst später, als wir gemeinsam die Teller und Essenreste vom Buffet abräumen, finde ich den Mut. Aber erst nachdem er mich so voller Freundlichkeit und Fürsorge behandelte und sagte, ich solle mir weniger zumuten, nicht so viel auf einmal tragen. Einem so liebevollen Menschen kann ich nur ehrlich begegnen, gebe mir einen Ruck und beichte. Der Dozent lächelt und macht eine Geste, die sagen will: nicht so schlimm, es war doch gut so. Das erleichtert mich.
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Später treffe ich auf zwei der Kommilitonen, die wegen meiner Fehlinformation zu spät kamen, und entschuldige mich dafür, dass sie den Filmenachmittag wegen mir verpasst haben. Ihre Gesichter wirken vital und lebendig, so als würden sie sich viel in der freien Natur aufhalten. Beide lächeln und sagen, es sei wirklich nicht schlimm, es sei doch schön, so wie es ist.
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Diese Sache geht dem Ende zu. Etwas abseits auf dem Boden sitzend, streife ich mir eine schwarze Netzstrumpfhose über. Etwas stört mich dabei. Es dauert einen Moment bis ich begreife, dass ich samt Pumps in die Strumpfhose gestiegen bin. Kopfschüttelnd ziehe ich die Schuhe erst mal aus.
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Eine Limousine fährt mich über einen weiten öffentlichen Platz. Als ich Mary unter den Passanten entdecke, winke ich lächelnd – vielleicht sieht sie es. Da höre ich ihre Gedanken: „Sie ist zu elegant angezogen.“ Dabei lacht sie mir verschmitzt zu. Ich muss grinsen – sie hat Recht. Wozu auch einen Blazer tragen, bei der Wärme?!
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Bald darauf stehe ich auf einer Ebene in etwa 200m Höhe. Die Plattform (sie hat Zimmergröße) befindet sich auf einem Mast und ist mit einem kunterbunt gestreiften Zelt bedacht. Von rechts fährt eine frei schwebende Gondel heran. Die Kabine hat eine gläserne Wand. Darin ein menschengroßer weißer Hase – das ist wohl „mein Freund Harvey“ denke ich grinsend. Ein Wesen in Hasenkostüm mit einem runden Wackelbauch, lustigen Hasenohren und menschlichem Antlitz. Während ich noch überlege, was diese Showeinlage zu bedeuten hat, zieht der Hase eine Pistole aus seinem Kostüm, zielt auf das bunte Zirkusdach und schießt einen dünnen Strahl aus Draht heraus, mit dem er die Plane der Länge nach aufschlitzt. Die Menschen auf der Plattform schauen hinauf, halten den Atem an. Es geschieht erst einmal nichts… mit einem Male fällt das Dach zu beiden Seiten auseinander, die Plattform gerät aus dem Gleichgewicht und kippt langsam zur Seite. Auwei! Von dem herabstürzenden Metall könnte jemand erschlagen werden! Ich greife die Plattform, versuche sie zu halten. Das Einzige was mir letztlich gelingt ist, die Plattform vor dem Aufprall zu bewahren – ich lasse sie langsam zu Boden gleiten; es kommt niemand zu Schaden.

Kurz darauf fährt die Gondel mit dem Hasen wieder ab. Er setzt sich erschöpft auf den Boden der Gondel, wischt sich den Schweiß von der Stirn, stellt ein dunkelgrünes Bäumchen vor sich hin und winkt allen noch einmal zum Abschied zu. Mein Eindruck ist, dass seine Illusionsshow an diesem Ort gar nicht üblich ist – es war eine Art Sondereinsatz oder ähnliches.
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Wasserfall in TonAls ich um eine Ecke gehe, gelange ich an einen treppenförmigen Brunnen. Er führt etwa zehn Meter hoch, und ist aus vielen unterschiedlichen bauchigen Tontöpfen zusammengesetzt, die in einem Mosaik aus sonnengeblichenen Kalkstein eingebaut sind. Das Wasser gluckert in vielen Bächen von den oberen zu den unteren Töpfen. Ich klettere barfuß den Wasserfall hinauf, nutze die Tontöpfe als Stufen – es ist angenehm erfrischend. Oben angekommen fühle ich mich wirklich wie angekommen. Ich habe es geschafft! Eine wohlige Entspannung – so wie sie sich einstellt, wenn man etwas Wichtiges geschafft hat – erfüllt mich. So, und jetzt ziehe ich erst einmal die Netzstrumpfhose wieder aus. Mary geht bereits am Wasserfall vorbei – sie wird gleich bei mir sein.

Rand-Notiz:
Nicht nur an “mein Freund Harvey” habe ich denken müssen, sondern auch an Alice im Wunderland – daraus kombiniert entstand der Traumtitel.