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Loslassen alter Schuld

T r a u m: Ein Schlafzimmer mit mausgrauem Veloursboden. Ich sitze im Schneidersitz neben einem Bett und spiele mit Moina. Links von mir sind zimmerhohe Spiegelschiebetüren, die ich allerdings als Glasscheiben wahrnehme, die dieses Schlafzimmer vom Nachbarraum abgrenzen.

Aus dem Augenwinkel bemerke ich, dass der Fußboden in dem Nachbarzimmer nach oben gefahren kommt. Dies weiß ich auch zu deuten: Mein Nachbar lässt sich mit dem Fahrstuhl aus den Arbeitsräumen im Keller nach oben fahren. Vielleicht, wenn er Moina und mich hier spielen sieht, wird er mir gegenüber seine kritische Einstellung ändern!? So kümmere ich mich weiter um Moina und beachte ihn nicht weiter. Ich habe das Gefühl, dass er hinter mir beobachtend stehen bleibt und sich schließlich auf den Boden setzt. Offenbar ist er uns wirklich wohlgesonnen, denn ohne jegliches Zutun rutschen wir langsam rückwärts, direkt in seine Arme und werden von diesen aufgenommen. Ein glücklich warmes Gefühl der Geborgenheit durchströmt mich.

Bald darauf suche ich – gemeinsam mit Moina – seine Frau in ihrer Wohnung auf. Ich war lange nicht mehr hier, komme zudem unangemeldet und sicher überraschend. Bei unserer Begegnung spüre ich nur wenig Zurückhaltung. Ich lege mich zu ihr auf die Matratze am Boden, krieche unter ihre Decke und nehme sie vorsichtig in die Arme. Ihr Kopf kommt in meiner Armbeuge zu liegen und ich streichele sanft über ihr Haar. Es ist eine zärtliche Situation, die wir zulassen, ohne uns gänzlich hinzugeben. Nebenbei nehme ich wahr, dass sie eine cremefarbene Strickjacke mit Bindeband trägt; das empfinde ich als angenehm.

Eine kurze Zeit später unterhalten wir uns. Sie fragt, wie alt mein Sohn inzwischen sei, was ich mit einundzwanzig beantworte. Ein paar andere Fragen zu seinem Werdegang beantworte ich ebenfalls. Währenddessen tobt Moina im Raum umher. Sie ist nackt und pinkelte gerade reichlich auf den Fußboden. Und wie es seit kurzem ist, regt Moina sich schrecklich darüber auf – sie wollte hier nicht pinkeln; und schon gar nicht möchte sie sich von diesem Vorgang überrumpeln lassen. Ich beruhige sie und sage, es sei alles okay. Die Nachbarin holte bereits einen himmelblauen Waschlappen zum Aufwischen, aber ich dies nicht gleich bemerkte, wische ich mit Toilettenpapier die Flüssigkeit auf. Sonderbar… wie dick und aufnahmefähig das Frotee des Waschlappens aussieht. Der Waschlappen liegt unter dem Stuhl und ich befühle ihn mit den Augen – er ist feucht. Mein Nachbar hat sich inzwischen dazu gesetzt und schaut mir still lächelnd zu.

All diese Harmonie kommt unerwartet. Es ist angenehm, aber ich bin doch einigermaßen überrascht. Der Nachbar verschwindet dann nochmal, um weiter zu arbeiten. Sie sagt, sie wolle jetzt noch eine Leckerei für uns zubereiten – vermutlich Eis mit Erdbeeren. Diese Gastfreundschaft erstaunt mich ein weiteres Mal. Ein wenig stutze ich… Ob das wirklich so gemeint ist, wie ich es erlebe?

Wieder liegen die Nachbarin und ich auf der Matratze. Unser Gespräch ist flüsternd und vertraulich, und voller Verständnis füreinander. Wir ziehen gerade eine gemeinsame Schlußfolgerung unserer Motivationen, die bereits Jahre zurück liegen: „Wir waren damals sicherlich beide bedürftig.“ Ja, damit ist es vermutlich auf den Punkt gebracht. Und so ausgedrückt kann ich daran nichts Verwerfliches mehr erkennen. Dies zu erkennen, erleichtert mich – befreit mich von einer Schuld.

Ich bin draußen, spüre Weite und Freiheit. Ein Sommertag geht dem Ende zu. Ein unbekannter und vertrauter Mann geht an meiner linken Seite. Wir gehen Gassen aus Kopfsteinpflaster entlang – beschwingt! – wollen den Bus noch erreichen. Ich fühle mich so leicht und unbelastet, beginne zu laufen. Sofort bemerke ich, dass ich schnell voran komme. „Maryana, Du machst Marathonschritte!“, sagt der Mann lachend. Oh ja, es stimmt! Meine Schritte sind weit ausholend. Dennoch bleibt mein Eindruck, dass ich zwar weite Schritte mache, aber gar nicht dementsprechend vorankomme. Ich bin dem Mann einen Schritt voraus, er kann mir gerade noch folgen. Voller Freude und Anerkennung wiederholt der Mann seinen Eindruck: „Du machst große Schritte!!“

Ich nehme ihn an die Hand, laufe nun bewusst mit großen Schritten. Zu dem Mann sage ich, er solle meine Hand halten und sie nicht überraschend loslassen. Wenn ich mich darauf verlassen kann, mag ich noch mehr wagen. Der feste Halt seiner Hand macht mich mutiger, die Schritte werden noch ausholender.

Und dann fliege ich, ohne dass dies meine Absicht gewesen wäre – immer noch seine Hand haltend. „Maryana… Du kannst fliegen…“, sagt der Mann mit verwunderter Stimme. Ich lache befreit: „Ja, ich kann fliegen!!“ Und nun darf ich mir auch endlich erlauben, es zu tun.

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