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Illusion einer Zugfahrt

Traum:
Im Dunkel des Morgens. Gemeinsam mit Moina habe ich einen der ersten Züge bestiegen. Gleich vorne im Abteil suche ich einen Platz für uns. Auf der Sitzbank ein lesender Mann, daneben ein Platz frei. Ich fordere Moina auf, doch neben dem Mann Platz zu nehmen, da dieser eine nette Ausstrahlung hat, und Moina da – zumindest den Umständen entsprechend – gut aufgehoben ist. Moina turnt noch vor der Sitzbank herum, als ich nebenbei bemerke, welches Bild das Titelblatt des Journals (vielleicht DER SPIEGEL) zeigt, in dem der Mann liest. „Schau mal, Moina, das Bild kennst Du schon!“ Ich freue mich, denn auf dem Titelblatt ist genau das Bild zu sehen, welches ich seit geraumer Zeit als Desktop-Hintergrund habe (nicht real). Das Bild zeigt eine Karikatur in violett-grauen Farbtönen: einen patriotischen Österreicher, der einen alten quadratischen Spiegel bei sich trägt. Die Spiegeloberfläche zeigt sich vom Alter ziemlich stumpfsilbern beschlagen. Dieses Motiv selbst spielt keine Rolle, aber es freut mich, denn vielleicht fühlt Moina sich wohler, wenn sie hier etwas Vertrautes sieht.

Plötzlich kommt mir die Frage: Wer ist der Mann auf der Sitzbank? Ich habe ihn ja noch gar nicht angesehen! Ich habe das Gefühl, erst jetzt aufzuwachen und schaue ihn nun mit festem Blick an: ein schlanker Mann in meinem Alter, pechschwarze Haare, pechschwarzer Schnauzer, ernster und gedankenversunkener Blick, ähnlich dem Mann von „der Jule“.

‚Oh Mann, ich bin in einem Traum!’, wird mir mit einem Male klar. Es macht mich hellwach und ich erkenne, dass ich die ganze Zeit unbewusst war. Ein Glück, ich merke es gerade noch rechtzeitig. Denn gleichzeitig ist mir klar: Wenn ich in einem Traum bin, dann wird es wohl kaum seinen alltäglichen Weg nehmen und ganz gemütlich so weitergehen. Träume haben ja immer eine unvorhersehbare Überraschung parat. An irgendeinem Punkt kommt immer die Wende! Ich sollte wachsam sein, damit ich mich nicht blindlinks vom Traumgeschehen hereinlegen lassen!

Die Zugtür öffnet sich, aus dem Dunkel steigt die Schaffnerin dazu… Ob sie es ist, eine dieser Traumgestalten (hinter denen sich ja doch „nur“ ein nicht existenter Zombie verbirgt)? Noch steht sie im Halbdunkel des Einstiegsbereichs, nimmt sich ihre Schaffnermütze aus einer Nische, setzt sie auf, legt sich den Fahrkartenautomat um und begibt sich auf den Weg in den Fahrgastraum. Dabei streicht sie mit beiden Händen, mit kräftigem Schub den Stoff ihres blaubunten Blümchenkleides an ihrem Körper glatt. Diese Bewegung hat etwas Entschlossenes… Und ich überlege, ob nun der wichtige Punkt des Traumes erreicht ist: das Unerwartete, das alles verändert…?

Inzwischen ist sie an mir vorüber gegangen, ohne dass sie mich bemerkt oder beachtet hätte. Ich drehe mich um, mein Blick folgt ihr. Nichts Nennenswertes geschieht. Nanu? Soll das jetzt etwa alles sein? Irgendwas muss doch jetzt passieren?! In diesem Augenblick rückt etwas ins Bewusstsein, was ich bisher nur am Rande (im Hintergrund der Schaffnerin) wahrgenommen hatte:

Der Zug ist leer!!!

Es sind keine Leute (mehr) drin?! Ich bin verwirrt, verblüfft… ist das nun ein Traumzug oder nicht? Ist die Leere das Traumhafte? Oder ist die Leere der Hinweis, dass dies gar keiner dieser Träume ist? Ich kann nicht erkennen, ob das, was ich sehe, Gaukelei ist oder nicht – und das verwirrt mich. Das letzte Gefühl ist, dass der Zug aus einem Traum ist… beseelt ist… ja, beseelt ist, aber von der eigenen Phantasie. Ohne meine Phantasie gäbe es vielleicht diesen Zug nicht, diesen Traum nicht, mich nicht an diesem Punkt.

Vage beunruhigt – verwirrt, erfreut, traurig zugleich – wache ich auf und fühle mich sprachlos.

Rand-Notizen:
Assoziation zu dem Zug:
Polarexpress

Inhalt: Ein zweifelnder kleiner Junge fährt mit einem außergewöhnlichen Zug bis zum Nordpol – auf dieser Reise entdeckt er auch sich selbst und erfährt, dass das Wunder des Lebens nie aufhört, wenn man nur daran glaubt.

Es ist erstaunlich, welchen Eindruck das Lesen der Blogs so hinterlässt. Bewusst längst vergessen, wird es im Traum wieder zutage befördert:
Das Titelblatt des Journals erinnert mich an das Bild, das ich bei Herold im Beitrag Das Lachen wird Ihnen schon noch vergehen! entdeckte.

Verwandte Träume:
Entgangene Entgleisung

Der Schaffner vom Polarexpress und sein T(r)ick

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