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Sich klein machen und den Kopf einziehen

Aus meiner Traumsprechstunde

Der Traum:

In einem kleinen unmöblierten Zimmer findet eine Veranstaltung für einige Frauen statt. In der Mitte des Zimmers steht eine zierliche kleine Frau, die sich leicht zu bewegen beginnt, so als sei dies eine Tanzfläche. Sie und ich haben eine Gemeinsamkeit: zu kurze Beine. Ich verspüre das Bedürfnis, sie zu trösten und aufzumuntern, lege meine Hände auf ihre Schultern, hebe die ausgestreckten Arme an, indem ich den Kopf zwischen die Schultern ziehe, so dass die Arme auf Augenhöhe kommen. Mit einem Nicken gebe ich der kleinen Frau zu verstehen, dass sie es mir gleichtun soll. Etwas zögernd kommt sie meinem Vorschlag nach. „Schau, das ist wie Scheuklappen. Nun sind wir für uns, niemand da, der längere Beine hätte – alles ist gut!“

Doch die kleine Frau bleibt traurig und bedrückt. Ich fühle mich dann aufgefordert, ein paar Schritte auf Distanz zu gehen, und mir die Frau noch einmal anzusehen. Sie hat das Aussehen eines zehnjährigen Mädchens mit hellblonden Haaren Ich schaue ihr wieder und wieder ins Gesicht… Erstaunlich; sie hat tatsächlich die Größe und Gesichtszüge einer Zehnjährigen, sogar ihre Stimme ist die eines Kindes. Dabei dürfte sie Ende Dreißig sein. Einen gewissen Reiz hat ihr Aussehen schon, aber bei längerer Betrachtung muss ich zugeben, dass es sicherlich nicht von Vorteil für ihr Leben ist. Ich fühle mich erst einmal ratlos.

Auslöser des Traumes

Die Träumerin ist seit Kurzem vermehrt freiberuflich tätig, muss also auf eigenen Beinen stehen.

Zur Erklärung der Traumsymbolik

Durch die berufliche Veränderung in ihrem Leben kommt die Träumerin auf unangenehme Weise mit einem inneren Anteil in Kontakt, der für eine Entwicklungsstörung in der Kindheit steht, die bis zu diesem Tage nicht verarbeitet und aufgelöst werden konnte. Dieser defizitäre Anteil – durch die Frau mit kurzen Beinen gespiegelt – färbt die Sichtweise der Träumerin, die immer wieder das Gefühl hat, ihr stehe nicht ausreichend Potenzial zur Verfügung, um erfolgreich zu sein. Diesen Eindruck kann sie nicht klar begründen.

Mit dieser sich selbst behindernden Sichtweise in Verbindung mit einer gewissen Schüchternheit wagt die Träumerin keine großen Schritte zu machen. So steht sie sich selbst im Weg, und in ihrer Außenwelt spiegelt sich ihre Sichtweise in Form von enttäuschenden Erfahrungen, die sie wiederum darin bestätigen, dass ihre „kurzen Beine“ ein Makel und ein Mangel sind, deren sie sich schämen muss.

So dreht sich die Träumerin mit ihrem Problem im Kreis – wie Traum-Ich und Mädchen-Ich auf der Tanzfläche. Das Traum-Ich zieht den Kopf ein, um die Scheuklappensicht zu erreichen. „Den Kopf einziehen“, „sich kleiner machen, als man ist“ sind vertraute Verhaltensweisen der Träumerin. Damit weicht sie Misserfolgen aus; allerdings auch Erfolgserlebnissen.

Erklärungen aus der Biografie

Die Träumerin erlebte im Alter von zehn Jahren einen Umbruch in ihrem Leben. Gleichzeitig sah sie sich fortwährend Situationen ausgesetzt, denen sie sich nicht gewachsen fühlte und erfuhr von Seiten der Erwachsenen keinen Schutz. Dieser gekränkte Anteil der Träumerin ist in der Entwicklung stehengeblieben. Lieber den Kopf einziehen, als sich den Herausforderungen stellen und Ohnmachserfahrungen auszuhalten. Die Entwicklung der Selbständigkeit wurde behindert, so dass sich die wiederholten Erfahrung der Ablehnung nicht auflösen konnten.

Lösungsansätze

Im Traum nun kommt die Träumerin mit diesem Anteil in Kontakt und sucht nach einer Lösung und Erleichterung. Wichtig für die Träumerin ist zunächst, die Botschaft des Traum-Ich anzunehmen un den entwicklungsgestörten Teil schützend aus dem Vergleich mit anderen herauszunehmen.

Erst wenn jener Anteil durch Selbstannahme und entgegen gebrachter Liebe grundlegende Stabilität gefunden hat, sollte die Konfrontation im Außen wieder gesucht werden, wobei dem sich klein fühlenden Anteil immer die Möglichkeit offen bleiben sollte, Schutz beim Erwachsenen-Ich zu finden. Das Erwachsenen-Ich kann sich um das defizitäre Ich kümmern, es im Notfall an sich nehmen und stärken.

Verschiedene Ebenen der Traumdeutung zulassen

Dieser Traum zeigt am Beispiel der „Scheuklappensicht“, dass sich sowohl positive als auch negative Verhaltensmuster aus ein und demselben Traumbild ableiten lassen.

Das Positive an der Scheuklappenhaltung ist: die Aufmerksamkeit richtet sich auf sich selbst, ohne sich bewertend mit anderen zu vergleichen. So besinnt man sich auf sich selbst und seine Kräfte, hat die Chance sich selbst liebend anzunehmen, stärkt sich für die Herausforderungen des Lebens und kann an diesen wachsen.

Der negative, oder fragwürdige Aspekt der Scheuklappenhaltung ist sicherlich die Neigung, sie sich zu sehr von seinen Mitmenschen abzuschotten, aus Scheu und Schamgefühl, wodurch man sich den Wachstumsmöglichkeiten, wie sie durch den Kontakt mit anderen Menschen möglich sind, verweigert. Der Blick richtet sich hier nur auf den Mangel, man fühlt sich klein und zieht ängstlich den Kopf ein – Entwicklungsstillstand.

Traumsymbole sind also wertfrei – wir können sowohl Destruktives als auch Konstruktives erkennen beziehungsweise hineinsehen; je nach Betrachtungsweise. Sowohl der auffordernde als auch der warnende Charakter dieser Traumsituation können also nebeneinander bestehen, ohne dass sie sich widersprächen.