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Vom Schweigen und auf Postelein

Traum vom 2. Januar 2010 – [August]

Die Stimmung im Erdhügel ist feierlich. Da Vinci wirkt erholt, gut gelaunt und geradezu sanftmütig. Die Kinder spielen ganz versunken und friedlich. Es ist immer noch Feiertag. Ich bin wegen der Kranken hier. Ach ja, überlege ich seufzend und sage: „Jaja, die elende Grippe hat mir auch eine ganze Weile zu schaffen gemacht. Ich höre auch schon die Stimme der Kranken – sie erzählt. Doch wo ist sie denn? Mit den Augen suche ich den Raum ab… Aaah da! Der breite Durchgang zum Nebenzimmer ist von einem riesigen, buschig gewachsenen Ficus Benjamini verdeckt. Dahinter das Lager der Kranken auf dem Fußboden. Es wirkt gar nicht so ungemütlich mit den dicken Federdecken und der frischen Bettwäsche. Ich unterhalte mich ein wenig, wir sprechen über ihre psychischen Probleme.

Die Griechin bittet mich überraschend zu einer Konferenz zu einem psychologischen Thema. Eine der Fachfrauen ist ausgefallen und ich soll nun für sie einspringen. Noch stehe ich abwartend am großen schwarzen Tisch, an dem die anderen Teilnehmer bereits Platz genommen haben, und überlege… Ich bin doch keine Therapeutin? Was verspricht man sich von meiner Teilnahme? Andererseits fällt mir genug ein, das ich beitragen könnte, da ich einige Gespräche mit der Kranken geführt habe, ihre Probleme quasi miterlebt habe, und natürlich aus eigenen Erfahrungen und Betroffenheiten heraus. Sozusagen aus dem Leben gegriffen im Gegensatz zu all den Theoretikern am Tisch, die darüber entscheiden wollen, wie mit der Kranken weiter vorgegangen werden soll. Ich stütze meine Hände in die Taille, spüre das weiße Unterhemd, das zwischen dem Bund meines Ausbildungsrockes und dem schmalen Pulli hervorlugt. Wie schlank und biegsam meine Taille ist – das fühlt sich gut an. Die Griechin schaut zu mir auf, lächelt…. Okay, ich suche mir einen Platz am Tisch.

Dazu umrunde ich ihn zur Hälfte, gehe hinter dem Rücken der Männer vorbei und gelange an eine schmale Ladefläche auf Rädern („Nix drin in der Kiste!“ – so steht real auf dem im Traum nicht vorhandenen Überbau.) Auf der Ladefläche vier Stühle. Drei davon nebeneinander und mit drei Frauen besetzt, die eine dunkle melancholische Ausstrahlung haben, schweigend und unbewegt geradeaus schauen. Ihre Haltung drückt aus, dass nur eines zulässig ist: Schweigen!
Ehe ich auf dem alten Stuhl Platz nehme, wische ich mit der Handkante das Wasser vom bleichgrünen Polster. Da der Stuhl so lange draußen am Straßenrand im Regen stand, ist das Sitzpolster völlig vollgesogen. Ich merke schnell, dass das Wasser so auf die Schnelle nicht zu beseitigen ist und entschließe mich dazu, mich drauf zu setzen und die Nässe zu akzeptieren.

Die Szene changiert etwas. Gleicher Straßenrand, Standpunkt um 180° gedreht. Blick zum Gehsteig, Wahrnehmen der Kreuzung zur linken Seite. Ich stehe auf der Ladefläche eines Transporters, der Glasscheiben geladen hat. Genauer stehe ich unter den zu einem Zelt gestellten Glasscheiben. Nur meine Füße und Knöchel schauen unten aus einem Spalt heraus. Als ich die drei dunklen Zeugen vor mir sehe, die schmale Hosen und spitz zulaufende Schuhe wie die Beatles tragen, wird mir meine Verletzbarkeit mit einem Male ganz unangenehm bewusst. Die Knöchel sind frei, die drei Zeugen könnten mich, und sei es unabsichtlich, dort verletzen. Da ich aber hinter der Scheibe stehe, könnte ich mich unter solchen Umständen noch nicht einmal gescheit wehren.

Ein Blick in den verlassenen Bioladen lässt ebenfalls einen Blick auf einen sehr eingeschränkten Standpunkt zu. Die Verkäuferinnen hinter dem Verkaufstresen stehen auf leeren Pappkartons, die zum Teil mit Postelein bewachsen sind. Vor wenigen Tagen konnte man auf dem Postelein wenigstens noch stehen, aber während dem Wochenende ist es so in die Höhe geschossen, dass die Füße dort kaum noch Platz finden. Ich probiere es… trete sogar in das Postelein hinein… Unmöglich, man möchte das Grünzeug nicht zerstören, aber riskiert man es, um etwas Halt zu finden, fühlt man sich ja auch nicht wohl. Unglaublich, welche Veränderungen hier in so kurzer Zeit stattgefunden haben…

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