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Große Mutter und Mayafiguren

Traum vom 19. Juli 2008

Sonntag. Im Mühlheimer Loft in Frankfurt. Am Abend, nach einem ereignisreichen Tag, trifft meine Großmutter bei uns ein. Erst jetzt, bei ihrem Auftauchen, erinnere ich mich wieder daran, dass ihr Besuch für heute seit langem geplant war! Wie furchtbar, ich habe sie nicht einmal vom Bahnhof abgeholt. Wie hat sie bloß hierher gefunden? Womöglich hat sie viel Geld für ein Taxi ausgegeben?! Stammelnd, murmelnd bekunde ich ihr gegenüber mein Bedauern. Sie sagt, es sei nicht schlimm. Kurz treffen sich unsere Blicke… tief und zeitlos. Und dennoch kann ich nicht ergründen, was über das hinaus, was sie mit Worten ausdrückt, wirklich in ihr vorgeht. Sie wirkt erschöpft und abgekämpft.

Wir haben noch nicht einmal Essen im Haus. Oje! Nur ein angebissener Hobbitkeks liegt auf dem Tisch. Ich biete ihn meiner Großmutter an. Sie nimmt ihn langsam, beginnt sparsam daran zu knabbern. Mike und ich sollten noch schnell einkaufen gehen, ehe die Läden schließen. Ich könnte Huhn zur warmen Mahlzeit bereiten. Wie lange Großmutter wohl bleiben wird? Bis morgen nach dem Frühstück? Oder ein paar Tage? Es wäre gut, wenn sie länger bliebe, denn dann bekäme ich mehrmals Gelegenheit, es wieder gut zu machen, dass ich ihren Besuch vergessen habe.

Ich wende mich dem Abwasch zu. Es ist halt nicht ganz so aufgeräumt, wie es gewesen wäre, wenn ich an ihren Besuch gedacht hätte. Ja, ich erinnere mich daran, dass sie mich schon einmal besuchte. Nämlich vor anderthalb Jahren, als ich nach Frankfurt zog. Damals hatte ich mich total gefreut und die Vorfreude mit einigen Vorbereitungen für ihr Kommen noch verstärkt. So habe ich sie damals sichtlich erfreut in Empfang genommen! Es muss sehr enttäuschend für sie gewesen sein, dass wir sie gar nicht erwartet haben… Ja, ich will es ganz besonders schön machen, um damit zu zeigen, dass ich mich über ihren Besuch wirklich freue. „Mike, lass uns schnell einkaufen fahren!“

Wir, Mike, Moina und ich, sind mit dem Rad unterwegs zum Einkaufen. Auf diesem Weg ist eine abwärts und um die Ecke führende Treppe zu passieren. Diese Treppe kommt, meinem Empfinden nach, unerwartet und meine Laune sinkt angesichts dieser störenden Unterbrechung. Es ist nämlich gar nicht so leicht, mein Fahrrad mitsamt Moinas angehängtem Shadowrider die Fahrradrinne neben den Stufen entlang zu schieben – zumindest an der Ecke muss ich die Fahrspur mehrmals korrigieren, um den Shadowrider in die Rinne rollen zu lassen. Mike packt am Gepäckträger mit an, so geht es einfacher. Den Rest schiebe ich wieder allein. Fast unten angekommen, löst sich der Lenker mitsamt dem Vorderreifen vom Gestell. Oh nein! Moina ruft ganz aufgeregt: „Schau mal, Papi!“ Ich weigere mich an diesem Punkt störrisch, den Weg fortzusetzen, ehe mein Fahrrad wieder in Ordnung gebracht ist.

Im Laden angekommen. Kurz vor Ladenschluß ist die Feierabendstimmung bereits spürbar. Ein quadratischer Vorraum schließt sich dem Eingangsbereich ein. Mittendrin steht ein dunkelrot gepolsteter Sitzwürfel, auf dem ich bald Platz nehme. Ansonsten ist nichts Erwähnenswertes im Raum zu erkennen. Einen Moment lang nehme ich stark die Präsenz der Chefin wahr, ohne sie körperlich zu sehen. Es ist Hannelore Vonier – Rette sich, wer kann! Dann erscheinen ihre Mitarbeiterinnen. Französisch wirkende Hostessen in Kostüm, die ein Liftboy-Käppi auf ihren dunklen Kurzhaarfrisuren tragen. Alle bringen einige dicke Kataloge mit, ähnlich dem, den ich kürzlich von Boesner mitbrachte. Der Umschlag ist rot, weiß und schwarz. Große dicke Blockbuchstaben in den gleichen Farben. Dieser Katalog ist ein Werbegeschenk und wird an die Kunden verteilt. Sie lassen die Kataloge kreuz und quer über den Boden rutschen. Aus Bescheidenheit wage ich nicht, mir einen Katalog zu nehmen, obwohl er mich interessiert. Eine Hostess bemerkt dies und lässt einen Katalog mit Nachdruck vor meine Füße rutschen. Wow, das ist ja nett. Ich bedanke mich mit einem Lächeln.

Mehrmals glitt mein Blick bereits durch die zu zwei Dritteln geöffnete Tür in die eigentliche Verkaufsabteilung. Es ist ein Lagerraum ohne Fenster. Einfache Kellerregale sind mit eigenartigen Dingen gefüllt. Etwa vier Fächer enthalten kegelähnliche Maya-Figuren. Sie sind aus paprikarotem, sonnengelbem, orangen und braunem Plastik. Obwohl diese eindeutig eine billige Nachahmung und zudem aus Massenproduktion sind, sind sie stark mit Energie aufgeladen. Mit einer Energie, wie ich sie eigentlich nur den Originalen zuschreiben würde. Machtvoll, wie sprechend… Ich überlege, dass Hannelore einen Posten dieser Figuren von einer Studienreise zu fremden Kulturen mitbrachte und sie dann wider Erwarten doch nicht verkaufen konnte. So werden die Figuren hier nun spottbillig verhökert. Ich spüre starke Anziehung und heftigen Widerwillen… Die Ausstrahlung der Figuren spricht mich an. Es ist so, als haben sie eine wichtige Botschaft für mich. Doch das Material, dieses bunte, hohle Plastikzeug, stößt mich ab.

Inzwischen habe ich den Lagerraum betreten und blickte geradeaus zu den Mayafiguren. Schaue dann nach rechts, trete hinter das Türblatt und hocke mich vor einem Angebot am Boden. Dort stehen einige Stapel mit Teppichboden-Puzzleteilen; die Oberfläche ist aus Wollhaar gearbeitet. Das ist ja toll! Moina hat bereits so einen kleinen Teppich aus Moosgummi-Puzzleteilen. Mit diesen Teilen könnte sie ihren Teppich erweitern, was ihr sicher viel Freude bereiten wird. Doch fällt mir gleich ein, dass dieses Teppichpuzzle sehr wahrscheinlich nicht mit ihrem Moosgummipuzzle kompatibel ist. Mein Blick fällt auf das Preisschild: jedes Puzzleteil kostet nur 5 ct. Bei dem Preis könnten wir gleich so viel Teile nehmen, dass sich allein aus diesen Stücken ein Teppich zusammenfügen ließe. „Mike, schau mal, diese Teppichpuzzleteile kosten nur 5 Cent! Das Material ist viel schöner als dieses Moosgummi.“ Von Mike kommt keine Begeisterung, keine Zustimmung. Gut, mir kommen auch Bedenken, denn gerade stieg ein Bild auf, wie wir Moinas Zimmer komplett mit diesen Teppichpuzzelteilen ausgelegt haben, sie Kinder zu Besuch hat, die viel Sand mit den Straßenschuhen hineintragen und der Teppichboden dürfte mit der Zeit der Nutzung eh leicht schmuddelig werden. Irgendwann würde ich dann nicht mehr wollen, dass Moina damit noch spielt. Na, da war das doch keine so tolle Idee.

Ein anderer Raum, ganz ruhig gelegen, mit einem großen Aussichtsfenster. Durch dieses sehe ich, dass sich ein heftiges Gewitter zusammenbraut. Über uns bis jetzt noch ein blauer Schönwetterhimmel mit einigen Schäfchenwolken. Doch eine große schwarzgraue Wolke bläht sich hier zusehends auf. Rundum am Horizont violettblaue Fronten, die rasch näher rücken. Vor der schwarzgrauen Wolke wächst ein ein großer Baum mit üppigem grünem Wipfel; vielleicht eine Buche. Sie ist wie von einem grellen Gelb umrahmt. Anfangs denke ich, das sei eine optische Täuschung – Hell-Dunkel-Adapation. Deshalb schaue ich genauer und muss erkennen, dass der Baum sehr wahrscheinlich von einer bleichgrellen Aura umgeben ist! Das erschreckt mich ein wenig, verheißt so etwas doch wenig Gutes. Ungut. Etwas getrieben sage ich zu Mike, dass wir umgehend nach Hause aufbrechen sollten, damit wir noch vor dem Unwetter ankommen. Mike stimmt erst nach einem Zögern, und dann auch nur widerwillig zu. Unser Aufbruch verzögert sich, das Unwetter kommt unaufhaltsam näher.

Ein Fernseher wurde eingeschaltet. Die Unwetterwarnung hat bald alle Haushalte erreicht. Eine Sondersendung zum erwarteten Ausnahmezustand läuft. Der Sprecher erläutert eingehend die Entstehung derart heftiger Gewitter. Mithilfe von Skizzen kann man sich leicht ein Bild machen. Die Stimmung ist von starker unterschwelliger Unruhe und Gespanntheit geprägt. Die Sendung beeindruckt mich. Nie zuvor erlebte ich eine so verständliche Erklärung. Ja, ich habe das Gefühl, zum ersten Mal im Leben überhaupt zu begreifen, wie Gewitter entsteht! Der Sprecher erklärt gerade, dass derzeit ein extremer Tiefdruckkeil ungewöhnlich schnell zur Erde niederrast. Die hohe Geschwindigkeit der Fallkraft trage noch zur Heftigkeit bei. Weiter erläutert der Sprecher: „Sie können sich vorstellen was geschieht, wenn, so wie es jetzt der Fall ist, Gesteinsbrocken erkalteter Sterne mit dieser Heftigkeit auf die Erde regnen!!“
Gesteinsbrocken? Aus dem All?? Ähm… – ist das nicht ein wenig übertrieben? Bisher war doch von einem Gewitter die Rede?!

Ein Blick nach draußen zeigt: selbst wenn wir jetzt sofort schnellstmöglichst nach Hause radeln, werden wir es vor dem Gewitterausbruch nicht mehr schaffen. „Mike, komm jetzt endlich!“ dränge ich besorgt und ängstlich. Doch was muss ich sehen?! Er macht in aller Seelenruhe ein Mittagsschläfchen auf der blauen Couch. Mit beiden Händen rüttele ich an ihm. Sein Körper rollt widerstandslos hin und her. Aber was ist das? Sein Körper füllt sich ja ganz taub an?! Kurz kommen mir Zweifel, und ich überlege, ob ich vielleicht taube Fingerspitzen habe und deshalb den Körper nicht richtig fühle. Ich rüttele heftiger an Mike, ohne dass er auch nur die leiseste Reaktion zeigt. Nein, so taub kann kein Mensch sein! Ist das hier womöglich eine künstliche Körperhülle von Mike? Eine Nachahmung, eine Gaukelei, ein Traum? Nochmals versuche ich ihn zu wecken, nachdrücklich. Immer stärker der Eindruck, dass dieser Körper nur leblose Staffage ist. Ich lasse den Eindruck etwas nachwirken…

Ja, wenn das so ist… wenn das wie ein Traum ist, dann brauche ich hier nichts mehr zu machen. Dann ist dies ein Paralleluniversum, das ich nach Belieben verlassen kann, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben oder das Gefühl zu haben, mich aus der Verantwortung zu schleichen! Ich ahne eine unerwartete Freiheit…

Beim Aufbruch aus dieser Welt, gleite ich kurz wieder zurück und lande in einer kleinen Szene:
Kristin in einer duftigen, halbtransparenten Bluse aus weißem Stoff; mit lockerem Wickeleffekt in der Taille. Der Blusenstoff zeigt ein Webmuster, das Längsstreifen andeutet, die in Abständen mit kleinen Webknötchen angereichert sind. Das schaut hübsch aus. Ihre eher kleinen prallen Brüste schimmern durch den Stoff. In erster Linie die braunen Brustwarzen. Sie erzählt, dass vorhin Valerians Hand ihre Brust umspannt hatte; ganz sanft und zärtlich. Verträumt ergänzt sie: „Valerian liebt mich…“ Ich glaube auch, er liebt sie wirklich. Seine Annäherung empfinde ich als stimmig.

Notiz:
Ich habe wirklich erst einmal sehr lange und sehr richtig wachwerden müssen, ehe mir bewusst wurde, dass meine Großmutter mich hier in Frankfurt nie besucht hat. Nie besucht habe kann, da sie ja schon über zwanzig Jahre tot ist.

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