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Alte Bilder und goldenes Herz

Traum vom 6. Februar 2010

In einem kleinen Lottolädchen. Die Inhaberin, eine etwas feiste, gepflegte Raucherin, reicht mir auf meine Nachfrage einige Postkarten zur Auswahl. Es sind Aufnahmen aus ihrer Vergangenheit oder der ihrer Eltern. Es wurden Vergrößerungen angefertigt. Es fällt auf, dass jedes Bild ein anderes Format hat, das zudem nie der Norm entspricht, sich dabei im Rahmen zwischen DIN A5 und A3 bewegt. Ungewöhnlich interessante Fotos, aus denen ich eine Postkarte auswähle, damit zu dem Ständer mit Briefumschlägen an der Kasse gehe, um einen passenden auszusuchen. Ich achte vor allem auf griffige Haptik und eine dezente Struktur des Papiers. Erst als ich den ausgewählten Umschlag aus dem Ständer ziehe, bemerke ich den schwarzen Rand. Ein Umschlag für eine Trauerkarte. Na, ich muss darauf achten, nicht versehentlich eine solche zu verschicken – die damit verbundene Botschaft wäre ja missverständlich. So hoffe ich jedenfalls… überlege, nachdenklich. Doch dann erinnere ich mich wieder an die alten Fotos und ärgere mich ein wenig, nur eines genommen zu haben. Die Motive waren so besonders, dass ich sie noch lange betrachten könnte.

Ich kehre also in das kleine, dem Lottolädchen angrenzende Hinterzimmer zurück, wo die erwachsene Tochter der Lottoladnerin die Fotos ihrer Mutter sichtet und ordnet. Doch als ich wiederkomme, ist sie gerade damit fertig und hat alles beiseite geräumt. Höflich bitte ich darum, noch einmal eine Auswahl vorgelegt zu bekommen. Die Tochter kommt meinem Wunsch bereitwillig nach. Wir betrachten die großformatigen Fotos gemeinsam, sitzen ganz nah beieinander – sie rechts neben mir – stecken die Köpfe zusammen, flüstern uns zu, was uns auffällt, darin vertieft wie zwei kleine Mädchen bei einer gemeinsamen Sache. Sehr interessant dieses Bild: Fast aus der Vogelperspektive. Eine sehr breite Außentreppe, die zu einem großen alten Gebäude hinaufführt, das über den rechten Bildrand hinausgeht. Auf den Treppen eilen Menschen auf oder ab. Vermutlich eine Aufnahme aus den Vierzigern. Die Farben klingen durch das Sepia, das wie ein Licht über den Bildern liegt, besonders nach, wirken harmonisch. Das Vergrößern der Aufnahme brachte dazu einen interessanten Effekt, auf den ich die Tochter an meiner Seite aufmerksam mache: „Schau mal, die Menschen sind wie zu Pinselstrichen verwischt.“ Wie ein Gemälde… „Wunderbar… die Körper haben das Dreidimensionale verloren, womit sich das Körperliche auch in Auflösung befindet.“ Das Bild gefällt mir sehr gut. „Das nehm’ ich!“ Bald folgt ein Motiv, von dem mindestens drei Aufnahmen gemacht wurden. Vermutlich zeigt es etwas, das am gleichen Ort wie die Treppe zu finden war, aber mehr links auf dem großen Platz. Wieder ein Blick von oben auf die Szenerie. Ein Mann in Anzug mit einem Hut, neben sich ein sehr großes Tier – vielleicht ein elefantöser Dinosaurier… nein, wohl eher ein urzeitliches Flusspferd?! Das Tier trinkt Wasser aus dem großen runden Brunnen, in den einige Stufen hineinführen. Vielleicht ist es auch eine riesige Wasserlache. Was aber viel mehr auffällt ist, dass mindestens drei Aufnahmen gemacht wurden, aber das Tier auf keiner dieser Aufnahmen komplett drauf ist. Immer fehlt etwas: ein Stücken vom Fuß, vom Maul oder Schwanz. Das kann ja fast nicht sein, überlege ich. Wenn sich da jemand diese Mühe gemacht hat, dann hat die Person doch sicher nicht nachgelassen, ehe sie ein ganzes Bild hatte?

Die Tochter zeigt mir eine viel kleinere Auswahl an Bildern. In der Erinnerung habe ich noch wesentlich interessantere Motive, ohne dass mir jedoch ein konkretes einfiele. Auf meine Frage, wo die anderen Bilder sind, antwortet sie: „Diese Auswahl ist das gesamte Angebot. Mehr gibt es nicht.“ Ich vermute, sie hat die übrigen Bilder zum Verwahren weggelegt. Verständlich, aber für mich sehr bedauerlich. „Schade!“ Etwas enttäuscht gehe ich wieder hinüber ins Lottolädchen an die Kasse. Dieses Mal steht der Ständer mit den Briefumschlägen zu meiner rechten Seite. Ah, da ist ein hübscher Briefumschlag: anthrazit, mit einem großen, aufgedampften goldenen Herz auf der Rückseite; dort, wo üblicherweise ein Siegel sitzen könnte. Zwei weitere geometrische Figuren, ebenfalls in Gold, sind mehr seitlich aufgebracht. Das Papier fühlt sich fest und edel an. Aber diese Farbe… vielleicht doch für Trauerkarten gedacht? Aber das große Goldherz auf der Rückseite lässt ja eher darauf schließen, dass darin Glückwünsche versendet werden können. So nehme ich dieses Kuvert und gebe der Ladnerin fünfzig Cent dafür. Als ich gehe, kurz vor Erreichen der Ladentür, gibt mir die Ladnerin die fünfzig Cent zurück, die ich ihr vorhin als Pfand gegeben hatte, als ich ins Bilderlager ging.

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Ähnlicher Brunnen: Gebet am Meilenstein

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