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20 Laibe zur Hochzeit

Traum vom 16. Juli 2009

Der letzte Tag im Erdhügel vor den dreiwöchigen Ferien. Zum Abschluss eine kleine Feier. Achmed händigt mir zwei Schlüssel aus. Einer der Schlüssel hat einen schwarzen Kunststoffgriff – vielleicht der Schlüssel für ein Fahrrad- oder Tankschloss. Während ich diese beiden Schlüssel auf mein Schlüsselbund – es trägt ungewöhnlich Schlüssel – aufziehe, werde ich unterbrochen und lege alles auf dem Tisch ab. Dort liegt bereits ein ähnliches Schlüsselbund. Als ich kurz darauf mein Schlüsselbund wieder an mich nehme, steckt Achmed gerade einen Schlüssel an seinen Bund. „Achmed, Du hast den Schlüssel zurückgenommen!“ Achmed, der links neben mir steht, wirkt müde und erschöpft. Sein Dreitagebart verrät, dass er die letzten drei Tage ununterbrochen hier gearbeitet hat. Da ist es auch kein Wunder, dass er den Schlüssel versehentlich wieder an sich nimmt.

Ich wünsche ihm erholsame Ferien. Daraufhin fällt ihm ein: „Wenn der Wunsch besteht, kann am 26. Mai gefeiert werden!“ Will sagen, Achmed gestattet mir, die Räume auch während der Schließungszeiten nutzen zu dürfen – deswegen wohl auch die Schlüsselübergabe. Ah ja, an dem Tag gibt es ja einen feierlichen Anlass. Hatte gar nicht bedacht, dass dieser Tag in die Ferien fällt. Ich stimme zu: „Na klar, ich kümmere mich darum.“ So kann er ganz beruhigt in die Ferien gehen.

Zum Ende der kleinen Feier bekommt jeder ein Geschenk zum Abschied. In einer bäuerlich wirkenden Stube. Ein langer Holztisch mit einfachen Bänken an seinen Seiten. Hier sitzt das Brautpaar. In drei Wochen werden sie heiraten und dies groß feiern. Man merkt ihnen an, dass sie Ackerbauern sind – erdverbunden, gerade heraus, mit kräftigen Arbeitshänden. Sie haben bereits heute ein Hochzeitsgeschenk bekommen, weil ja die Ferien bevorstehen und es hinterher zu spät sein könnte. Dieses Geschenk gehört mit zu den großzügigsten Geschenken anlässlich dieser Feier. Der Schenkende, eine väterlich-herzliche Autorität, hat sich wahrlich nicht lumpen lassen:
Er schenkt dem Brautpaar den gesamten Brotvorrat für die große Feier. Die frisch gebackenen Brotlaiber liegen in zwei Reihen auf dem Tisch. Es dürften um die zwanzig runde Laiber sein – sehr groß und hoch, sicher wiegt ein jedes an die zweieinhalb Kilo. Sie sind beim Backen in der Mitte lecker aufgebrochen, mit Mehl bestäubt. Wunderbar, davon werden alle Gäste satt. Jedoch… die Feier findet in drei Wochen statt. Normalerweise verdirbt das Brot schon vorher.

Das Brautpaar sitzt mit entgeistertem Gesichtsausdruck am Vespertisch. Sie sagen nichts, sind tief betroffen. Welch eine wunderbare Geschenkidee! Welch eine Großzügigkeit! Allerdings… An sich hatten sie sich darauf gefreut, während der nächsten drei Wochen Ferien zu machen, sich von all der Mühsal auf dem Acker und in der Küche zu erholen. Daraus wird nichts werden. Die Brotpflege dürfte sie mächtig auf Trab halten. Vor allem die schwüle Hitze dieser Tage fördert den Verderb ja noch. Wenn das Brot nämlich bis zur Hochzeit frisch bleiben soll, so muss es in feuchte Geschirrtücher – nicht zu feucht, aber auch nicht zu trocken! – gelegt werden, die jeden Tag gewechselt und in den richtigen Feuchtezustand gebracht werden müssen. Kann auch sein, dass zwischendurch mal trockene Tücher oder Plastikbeutel zum Einpacken sein müssen – das will alles wohl überlegt und abgewogen sein. Die Temperatur muss stimmen, die Brote müssen ständig auf ihren Zustand hin kontrolliert werden. Das heißt also nicht nur keine Ferien, sondern bedeutet so richtig Drehzahl! Das Brautpaar tuschelt mit dem Hochzeitsfestbereiter; sie überlegen, wie vorzugehen ist. Die schwere Betroffenheit spüre ich bis ganz tief in mich hinein. Eigentlich wäre die Freude groß und Dankbarkeit erfüllte sie. Doch drei Wochen zu früh…

Der Kfz-Mechaniker kommt. Ein zuvorkommender, freundlicher und hilfsbereiter Mann von etwa vierzig Jahren. Er bittet mich in seine kleine Werkstatt. Auf dem Weg dorthin greift er gleich Werkzeug und Material aus den Regalen im Lager. Darunter befindet sich auch ein langer, kantiger Nagel. Damit eilt er mir voraus und angesichts des Nagels entfleucht es ganz spontan und scherzend meinen Lippen: „Sie müssen mich nun aber nicht…“ Ich lasse den Satz vielsagend offen – vielleicht kennt er aber den Ausdruck „Nageln“ dafür auch gar nicht.

An seiner Körperhaltung bemerke ich, wie er kurz stutzt, dann lacht er herzlich und beginnt mit seiner Arbeit. Ja, so gefällt mir das. Auf dem Werkzeugwagen neben der Grube liegt ein großes Schlüsselbund, ähnlich meinem. Daneben ein Glas Cola – kühl, prickelnd. Doch das Glas ist fast ausgetrunken. „Eigentlich dachte ich…“ murmele ich, woraufhin der Mechaniker antwortet: „Ich habe es getrunken.“ „Ah, okay… das ist nicht schlimm!“ versichere ich. Ein Schlüssel fällt besonders ins Auge: ein Schlüssel mit schwarz ummanteltem Griff.

Gerade erzählte Wilma, wie gelassen sie inzwischen ist. Sie freut sich über das, was sie hat und es macht ihr nichts aus, etwas nicht zu haben oder zu erreichen. So sitzt sie an dem langen Tisch im Seminarraum.

Als Kornath nun verkündet, ihre Träume aus Zeitmangel nicht mehr deuten zu wollen, da bricht sie in heiße Tränen aus. Sie schluchzt laut und lässt sich kaum beruhigen. Das ist schon etwas peinlich, zumal sie ja gerade groß damit tönte, dass sie darüber hinaus sei, bestimmte Erwartungen zu haben. Ich stelle mich vor sie hin, nehme ihren Kopf wiegend in meine Arme, um sie zu trösten und beruhigen. Sage: „Aber Du hast doch heute gar keine Träume mitgebracht; da passt es doch sowieso?!“ Daran hatte sie wohl nicht mehr gedacht. Dennoch beruhigt sie sich nur langsam, realisiert nicht wirklich, dass sie heute gar keinen Traum hatte und deshalb auch keinen erzählen kann. „Es gibt gerade nichts zu analysieren.“

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