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Schönheit und Kraft in der Dämmerung

Traum vom 4. Dezember 2010

Von der Schönheit des Gedämpften, von den Kräften in der Dämmerung; von Elefanten, Rittern und stolzen Afrikanerinnen.

In den Privaträumen des Musiklehrers. Der kleine Junge hat den Test sehr gut gemacht. Der Musiklehrer lobt seine Klugheit. Moina bearbeitet jetzt den Fragebogen. Als ich zu ihr gehe, sehe ich mit Schrecken, dass sie die erste Frage auf der ersten Seite mit einer gestrichelten Linie beantwortet hat. Darüber hinaus schnitt sie das Blatt Papier darunter fast komplett durch. Es hängt nur noch an einem winzigen Stück, das wiederum an einem perforierten Seitenstreifen hängt. Ich überlege, diesen Schwachpunkt mit etwas Klebeband zu stärken. Während ich das versuche, frage ich Moina, warum sie die Frage nicht beantwortet hat. Selbstbewusst erklärt sie: „Mami, das war eine dumme Frage, auf die es nur eine Antwort geben kann – darauf muss man wirklich nicht antworten.“

Wir – wer auch immer das sein mag – setzen unseren Weg fort. Dämmerlicht in einem Land wie aus tausendundeiner Nacht. Vielleicht die an einem weiten Palast angrenzenden Gärten und Kieswege. Alles ist in dieses halbdunkel flüsternde Licht getaucht. Von so märchenhafter Schönheit allein das. Mit einem Male werde ich von einer Horde Elefantenkinder überholt. Oh, eine Parade! Wie wunderbar. Alle sind mit einem Tuch bedeckt, das aus miteinander verbundenen Plättchen aus mattem Altgold gefertigt ist. Ohren und Rüssel schauen heraus. Sie traben vergnügt an mir vorbei. Die verschwimmenden Konturen, das Matte der Goldplättchen vor dem Hintergrund der Dämmerung… unfassbare Schönheit. Ich blicke durch den Sucher, weiß, dass ich in jeder Sekunde auslösen könnte. Es wäre egal, denn jeder Ausschnitt trägt die Schönheit in sich. Das Matte der Farben… Überwältigt von diesem Anblick, von der Kraft und dem Licht, von den geschmeidigen Elefantenleibern, gelingt es mir nicht, den Auslöser durchzudrücken. Erst als die Szene vorbei ist, löst sich der Bann.

Ich biege nach links in einen kleinen Weg ein. Ich wähne mich allein, da die Parade über die Hauptwege verlaufen dürfte, und bin überrascht, als mich zwei Schwarzafrikanerinnen überholen. Die kräftigen Frauenkörper sind in bunte Stoffe gewickelt. Die Farben sind gedämpft – wie Wärme in der Nacht. Goldgelb, Dunkelrot, Warmgrün. Sie tragen Turbane aus ähnlichen Stoffstreifen, türmen ihre lange krause Haarpracht. Dazu das leicht erhobene Kinn. Sie strahlen einen wunderbar natürlichen Stolz aus, der mir zutiefst gefällt. Ich gehe weiter, erreiche schließlich eine kleine Anlage, ähnlich wie die ehemalige Kuranlage Wilhelmsbad, halt in orientalischem Stil. Oh, was ist das? Zwei griechisch anmutende Säulengeländer stehen im Kies. Von meinem Standpunkt aus gesehen, bilden sie einen tollen Fluchtwinkel, den ich unbedingt fotografieren will. Dazu die matten, leicht schmuddeligen Farben. Wundervoll. Beim Blick durch den Sucher treten die beiden Schwarzafrikanerinnen ins Bild, sind im Begriff sich vor dem Motiv auf Gartenstühlen niederzulassen. Enttäuscht will ich mein Vorhaben aufgeben. Doch da kommt der Sultan – Inhaber des Gartenlokals – greift die beiden Frauen an ihren Oberarmen und hält sie zurück, damit ich das Foto machen kann. Doch ich drücke nicht ab. Mir ist es furchtbar peinlich, dass wegen mir dieser Aufwand betrieben wird. Mit einem beschämten Nicken strecke ich einen Arm aus und signalisiere den Frauen, sie mögen sich bitte setzen! Ich möchte nicht, dass sich jemand durch mich abhalten lässt.

Immer weiter zieht die Parade. Vielleicht bin ich Teil dieser? Wie auf einem offenen Wagen rolle ich die Eckenheimer Landstraße entlang, komme an der Alten Oper, dem Gebäude der Nationalbibliothek vorbei. Welch ein Anblick… dieses Gebäude im Dämmerdunkel! Wie matt die Farben leuchten! Wieder blicke ich durch den Sucher, erkenne sofort, ich bin zu nah dran. Die Fenster kommen nur halb drauf, und durch das Geholpere des Wagens bekomme ich immer wieder Schräglage. Nein, so wird das nichts. Am Ende erhielte ich doch nichts, das gelungen wäre oder das von mir Gesehene wiedergäbe.

Den Weg weiter… Ein Festplatz – wie Bremer Freimarkt – am orientalischen Meer. Der Horizont leuchtet in goldgelbem Rosa. Der Dunst über dem Meer lässt das Licht weit darüber hinaus leuchten. Vor diesem Hintergrund stehen die Älteren, halten inne. Mit einem Mal spüre ich eine Veränderung im Rücken. Eine Bewegung. Ich drehe mich. Noch eine Parade! Aus den finsteren Tiefen einer Nebengasse. Wie fantastisch, wie wundervoll! In raschem Tempo laufen Ritter heran. Aus dem Dunkel – wie auf dem Coverbild von Niebelschütz’ „Kinder der Finsternis“ – schälen sie sich heraus. Sie tragen Kettenhemden, reich verzierte Helme und Visiere. Mattes Schimmern von Grau und Schwarz in milchsamtenen Licht. Unfassbare Schönheit. Ich nehme die Kamera und drücke einfach den Auslöser. Es ist egal! Gleich werden sie vorbei gezogen sein. Die Aufnahme ist sehr wahrscheinlich gelungen. Die Schönheit findet sich in jedem Detail. Freude in mir: ein Ahnen der Umrisse, und der bereiten Kräfte in Samtgrau und Kohleschwarz. Welch ein Glück das ist. Ich wende mich wieder den Älteren zu. Kurz darauf tickt mir jemand auf die Schulter. Ich drehe mich um und zucke zusammen. Einer der Ritter steht vor mir. Für den Bruchteil einer Sekunde ahne ich, welch großer Moment eine solche Begegnung ist und vergesse es gleich wieder. Groß ist er, sein Gesicht hinter dem Visier verborgen, einen Arm hält er ausgestreckt, seine Hand im Fehdehandschuh hält er mir mit edelmännisch spitzen Fingern mein Kameratäschchen entgegen. Peinlich berührt senke ich den Blick und stammele dankbar: „Die Kühle, wissen Sie, ich merkte nicht, dass es mir entglitt. Klamme Finger. Ja. Vielen Dank!“ Dann sind sie vorüber.