En passant

Traum vom 10. Dezember 2010

Während vieler Wochen schmiss ich den Laden ohne Chefin. Heute wird sie zurückkehren. Und meine Kollegin trifft auch erst jetzt ein. Ich bin ziemlich groggy, leicht überlastet. Im Vorbeigehen nehme ich das bodenlange Abendkleid aus weihnachtsrotem Pannesamt an mich. Es ist figurbetont geschnitten, schulterfrei und am Dekolletee mit einer weißen Plüschfellborte besetzt. Offenbar gefällt es mir; zumindest hinterfrage ich nichts – und eine Erinnerung an meine rätselnden Wachgedanken hinsichtlich weihnachtlich aufgemachter Dessous fehlt völlig. Mit lässigem Schwung werfe ich das Kleidungsstück über meine rechte Schulter, begegne meiner Kollegin – die das Kleid gerne hätte, wohl auch ersten Anspruch darauf anmelden könnte; keine Ahnung – und durchquere den stillen Tanzsaal in Richtung Dunkelheit. Rufe der Kollegin noch beruhigend zu: „Ich will es nur mal anprobieren; wird mir wahrscheinlich gar nicht passen!“

Im Dunkel, am Ende des Saales – sozusagen hinter den Kulissen – führt eine Tür in mein Schlafzimmer. Am Bett entkleide ich mich mit wenigen Handgriffen und streife fast nur mehr unbewusst das rote Weihnachtskleid über. Der geschmeidige Stoff rutscht wie von allein über den Körper. Ohne mich weiter damit zu befassen, lege ich mich ins Bett und ziehe die Federdecke bis über beide Ohren. Bin sowas von müde. Schon in der nächsten Sekunde muss ich eingeschlummert sein, denn ich bekomme nur noch wie durch einen Schleier mit, dass eine männliche Person ins Zimmer und an mein Bett tritt. Er zögert kurz, hebt dann die Decke, wirft einen Blick auf mich, zögert kurz und legt die Decke behutsam wieder zurück und schleicht aus dem Zimmer. Zwar schlafe ich noch nicht, aber richtig wach bin ich auch nicht. Ich kann mich nicht mehr bewegen und schaue durch geschlossene Augen. Spüre hin… das war doch… – er? Wie schlafwandelnd stehe ich auf, trete an meinen Schreibtisch am Fußende. Tatsächlich liegt dort ein Artikel aus einer englischen Zeitung. Dieser Zeitungsausschnitt ist teils gefaltet: ein jüngst von mir online gestellter Blogbeitrag. Mein Besucher hat einen Kommentar dazu hinterlassen. Der Name des Kommentators liegt im Falz des Zeitungsausschnitts, aber ich ahne … – ich entfalte den Ausschnitt und finde meine Ahnung bestätigt: en passant geschrieben. Der Inhalt des Kommentars ließ das bereits vermuten. Ich freue mich. Auch ist es eine echte Überraschung, denn an diesem abgelegenen Ort hatte ich nicht mit ihm gerechnet. Der Inhalt des Kommentars – sinngemäß:

Wenn Du schon p r o b i e r s t … dann mach es doch gleich richtig!

Typisch, und das wird mir eigentlich erst jetzt klar: wieder ist er so freundlich, mein schlummerndes Potenzial aus der Reserve zu locken.
Sah er mich im Schlaf? Wie ich schlief? Sah er mein Gesicht in diesem völlig entspannten Zustand? Mein wahres Gesicht, wie es sich nur im Schlafe zeigt? Ja, vielleicht wünschte ich mir das sogar… Oh, was bin ich müde, so müde. Einfach weiter schlummern, weiter die Wärmeröte auf den Wangen spüren und einschlafen. Dass ich mit dem albernen „sexy“ Weihnachtskleid bekleidet unter der Decke liege, ist mir gar nicht mehr bewusst.