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Geliehene Goldkrone und loses Mundwerk

“Ich habe jetzt nicht mehr die Lufthohheit über meine Phonetik und das Gefühl, dass genau dieser morsche Zahn meine beinerne Seele beherbergt hat!“

Dr. Schein in ‘Zahn der Zeit’ 30. Juni 2009

Traum vom 1. Juli 2009
Bei der Zahnärztin. Auf der Schwelle zwischen Wartezimmer und Behandlungsraum. Hier und dort geschäftiges Treiben. Gleich bin ich an der Reihe. Doch zuvor wird noch ein Mann auf einen Eingriff vorbereitet. Die Zahnärztin bietet ihm ihre Goldkrone an, die sie eigens dafür von ihren Vorderzahn abgezogen hat, damit er während der Wartezeit nicht mit einem entkrönten Vorderzahn herumlaufen muss. Doch der Mann schlägt das freundliche Angebot aus. Eigentlich bin ich nun dran. Doch ein paar junge Menschen drängeln sich an mir vorbei in den Behandlungsraum. Die Zahnärztin hat voll den Überblick und weist sie ab: „Nein, da ist noch eine Patientin vor Ihnen dran!“

Ich soll mich nun auf die Liege legen. Auf das zu einem schmalen Streifen zusammen geschobenene gelbe Frotteehandtuch (das wollte ich kürzlich zum Kieser-Training mitnehmen, aber dann war mir nicht nach Gelb). Zwar versuche ich, mittig darauf zu liegen, aber es ist gar nicht so einfach, denn dieser schmale Frotteestreifen gibt keine stabile Lage; ich kippele immer hin und her. Gar nicht lang, da kann ich wieder aufstehen. Die Zahnärztin reicht nun mir ihre Goldkrone, damit ich diese über den zur Behandlung vorbereiteten und deshalb unansehnlichen Zahn stecken kann – das ist ja nur wegen des Aussehens. Soll ich ihr großzügiges Angebot wirklich annehmen? Ich zögere. Die Zahnärztin ermuntert mich: „Aber ja, ja!“ Zusätzlich übergibt sie mir eine Betäubungspille. Diese lege ich neben den Unterkiefer in die „Backentasche“. Gleich werde ich sicherlich noch eine Flüssigkeit zum Herunterspülen bekommen. Die geliehene Goldkrone habe ich über meinen Vorderzahn gestülpt. Zu blöd! Natürlich hatte ich mit dieser Möglichkeit gerechnet und war deshalb achtsam. Trotzdem flutscht mir beim Schlucken der Pille ebenfalls die Goldkrone in den Rachen. Einige betroffene Augenblicke lang bin ich im Glauben, sie verschluckt zu haben. Oje! Mit großen Augen schaue ich die Zahnärztin an… spüre dann doch die Krone an der Zungenspitze und will sie ihr zurückgeben. Doch das möchte die Zahnärztin nicht. Ich soll die Goldkrone ruhig verwenden, bis diese Behandlung abgeschlossen ist. Das schaut einfach hübscher aus! Okay, ich stecke die Krone also wieder drauf. Wirklich hübsch finde ich das Golddings im Mund allerdings nicht. Aber immerhin besser als mit einem angeschliffenen goldenen Stummelzahn an vorderster Front rumzulaufen. Ganz klar, dass diese Krone nicht passt. Sie sitzt total locker. Inzwischen wirkt die Betäubungspille, die Zunge ist taub, so dass sie nicht mehr für die Kontrolle der Goldkrone geeignet ist.

Ein Blick in den Spiegel zeigt sogar viel Schlimmeres, Unerwartetes: Meine Zunge hängt wie ein großer fleischiger Waschlappen aus dem Mund. Ganz breit, fast bis zum Kinn hinunter. O Goddogodd… so kann ich mich unmöglich im Wartezimmer zeigen!! Die Zunge lässt sich nicht reinziehen; ist völlig taub. So stopfe ich sie in den Mund zurück. Besser gesagt, versuche ich, sie in den Mund zu stopfen, aber sie fluppt mir immer wieder raus. Mit allen zehn Fingerspitzen versuche ich den eigensinnigen Fleischlappen im Mundinnern zu verstauen. Unmöglich! Die Goldkrone ist ja auch locker, fordert Aufmerksamkeit, darf nicht im Schlund verschwinden. Ich fühle mich überfordert, alles gerät außer Kontrolle. So, mit komplett heraushängender Zunge, kann ich mich unmöglich unter die Menschen wagen! Eigentlich sollte ich ja ins Wartezimmer gehen und warten, bis sich die Betäubung vollständig ausgedehnt hat – das ist so etwas wie eine Pupillenerweiterung für das Mundwerk. Wenn es mir gelänge, die Zunge hineinzubringen und schnell die Klappe zu schließen, und wenn ich dann einfach nichts mehr sage…. Ja, wenn es gelänge, doch es gelingt eben nicht!

Traumpfade:
„Ich fühle an der Leerstelle den Tod“ schrieb Dr. Schein. Eine solche Leerstelle ist auch eine Lehrstelle. Immer wieder habe ich gestern daran denken müssen. An meine gezogenen Zähne. Doch vor allem das Stück Brust, das mir im letzten Jahr genommen wurde, eben um dem Tod zu entrinnen.
Der im Traum betroffene Vorderzahn ist jener, der mir bei einer Rangelei in der Schule fast ausgeschlagen wurde und aufgrund seiner Blaufärbung schon in jungen Jahren „gekrönt“ wurde.

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