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Siedepunkt 100 ml

Traum vom 23. Juni 2009

Ich nutze die Gelegenheit, mal eben schnell das Protokoll der letzten EBS im Erdhügel abzugeben. Zwar ist der Erdhügel zur Zeit nicht offiziell geöffnet, aber man kennt mich ja. Vor der Tür zu den Büroräumen sitzt die Griechin. Auf dem Boden, mit Schreibzeug auf den Schenkeln ihrer angewinkelten Beine. Als ich durch die Tür gehen will, sagt sie: „Es findet gerade eine Personalbesprechung statt, da können Sie doch jetzt nicht reingehen! Überhaupt… dürfen Sie gar nicht diesen Eingang benutzen!“ Okay, ich habe da eine Grenze überschritten. Sonderbar… Seit zwei Jahren wähle ich immer diesen direkten Weg. Nie gab es Probleme. Nie ließ man mich verstehen, dass ich unerwünscht wäre. Die Griechin macht eine auffordernde Bewegung, zeigt mit ihrem Schreibstift in eine Richtung – die mir bedeutet, ich müsse zu zwei Dritteln um das Gebäude herum gehen – und fordert mich auf: „Gehen Sie hinten rum!“ Na gut. Den Weg kannte ich auch noch gar nicht. Das ist ziemlich interessant jetzt. Von hinten gelange ich in einige verschachtelt angeordnete Lagerräume. Um in die Büroräume zu gelangen, müssen diese durchquert werden. Das ist gar nicht so einfach, denn diese Lagerräume ähneln einander. Es steht auch nicht viel drin. Ich laufe hin und her. Irgendwann weiß ich nicht einmal mehr, wo ich herein gekommen bin. Dann aber bemerke ich, dass eine der Türen ein kleines Hindernis bietet: eine Sperrholzplatte ist umgefallen und steht schräg im Türrahmen. So ist wenigstens klar, dass ich diese Tür noch nicht durchschritten habe. Endlich ein erster Orientierungspunkt. Es dauert gar nicht lang, da finde ich den Weg durch den Hintereingang hinaus. Es ist später Abend. Ich gehe mitten auf einem Schienenstrang entlang. Nur wenige Meter vorne rechts befindet sich – hinter einer etwa drei Meter hohen Mauer – das Straßenbahndepot. Ich weiß, dass diese Schienen hier selten befahren werden. Da ich aber gerade kürzlich eine erschreckende Begegnung mit der Straßenbahn hatte, ist mir die Gefahr, in der ich mich befinde, ziemlich bewusst. Ich muss mich beeilen; schnell von den Schienen runter. Das ganze Gebiet vor mir liegt im unpersönlichen Schein unzähliger Laternen – wie auf einem großen Werksgelände. Immer wieder blicke ich mich um, ob womöglich eine Straßenbahn von hinten kommt. Das ist alles viel gefährlicher, als man glaubt. In den unterirdischen Lagerräumen ist ein Mann mit Vollbart am Werk. Seine Augen blitzen vor Vergnügen. Immer wieder kommen Menschen durch diese Räume. Und der Vollbärtige verteilt an einige von ihnen Glaskolben mit interessanter Funktion. An sich sind die Glaskolben leer. Doch angenommen, jemand regt sich auf – warum auch immer – dann beginnt eine klare Flüssigkeit im Kolben hochzusteigen. Nimmt nun der Aufgeregte das Angebot des Vollbärtigen an und nimmt den Glaskolben in die Hand, so kann man beobachten, wie die Flüssigkeit steigt. Klar ist: bei 100 ml liegt der Siedepunkt. Steigt die Flüssigkeit nun also aufgrund der Aufregung bis zum Siedepunkt, so löst sie sich an dieser Stelle in Wohlgefallen auf. Eine tolle Sache ist das. Da der Druck auf diese Weise entweichen kann, kommt es zu keinen unangenehmen Ausbrüchen unter den hier Anwesenden. Irgendwann kommt der Vollbärtige auf mich zu und bietet mir ebenfalls einen solchen Glaskolben an. Wie ich sehe, ist dieser bis knapp 30 ml mit Flüssigkeit gefüllt. Ich fühle mich ziemlich entspannt, ärgere mich auch gerade nicht und denke somit, dass das gar nicht nötig ist. Doch er nickt ermunternd, auffordernd. „Aber nee, das muss wirklich nicht sein!“ Da ich nicht wirklich bedürftig bin, mag ich sein Angebot gar nicht annehmen. Schmunzelnd schauen wir uns an … und die Szene löst sich auf. Wieder, oder weiterhin in den unterirdischen Lagerräumen. Eine Begegnung mit einem freundlichen Mann. Er und seine Begleiterin sind die letzten hier unten und im Begriff zu gehen. Die Frau drängt jedenfalls zum Aufbruch. Doch der Mann möchte nicht gehen, ohne mich einmal in die Arme genommen zu haben. So kommt er, obwohl schon fast aus der Tür, noch einmal zu mir zurück. Ich will es ihm leicht machen, damit es schnell geht und er den Ärger der Frau nicht auf sich zieht, und öffne mich ihm, signalisiere mein Einverständnis für seine Annäherung und auch, dass ich seine Nähe wertschätze. Doch er merkt es nicht und nimmt sich die Zeit für eine höfliche Annäherung, um mich nicht zu überrumpeln. Das wäre eigentlich nicht nötig, aber vielleicht macht ihn das in meinen Augen sogar noch sympathischer.

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