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Feindliche Flieger

Traum vom 28. Dezember 2010
[Mainz März]

„Na Jüngelchen, da hast du aber feine Schuhe an.“

In einer fremden Wohnung, in der ich schon länger lebe. Wie schlafwandelnd torkele ich aus dem Bett hinüber zum Kinderzimmer, um meine kleine Tochter aufzufordern, sich wieder ins Bett zu legen: „Bitte warte bis um sechs Uhr mit dem Aufstehen!“ Doch ihr Widerstand macht sie um so wacher. Der Tag beginnt also. Auch weil Mike auf ihrer Seite ist und meint: „Lass sie doch aufstehen, ist doch okay.“

Am frühen Vormittag betrete ich das halb offene Ex-Wohnzimmer. Mike zieht Jacke und Schuhe an, während ich beobachte, wie eine mit Bikini bekleidete Spanierin – wohl eine neue Nachbarin – von außen auf unseren Balkon klettert und auf dem Stuhl direkt vor der offenen Balkontüre zum Sonnen Platz nimmt. Das gefällt mir nicht; denn: dulde ich das, so werde ich auch die Tür nie schließen können, weil sie das verständlicherweise so wahrnehmen würde, als wolle ich sie ausschließen. Ich muss aber mal für mich allein sein. Bestimmt und freundlich rufe ich ihr zu: „Das möchte ich nicht!“ — Mike raunt mir zu: „Nun hab dich doch nicht so.“ — Ich hätte eher mit seiner Rückendeckung gerechnet. Die Frau hat verstanden, steht auf, dreht sich mit missbilligendem Blick zu mir um und verlässt den Balkon über die Brüstung. Mike macht sich auf den Weg ins Büro.

Kurze Zeit später verlasse ich mit meiner Tochter das Haus. Draußen die Stille eines alltäglichen Vormittags. Ahnungslos kommen die Menschen ihren alltäglichen Verrichtungen nach. Am Himmel ein näher kommendes Brummen. Zwei große Flugzeuge – Weiß mit Rot – fliegen tief über die Siedlung hinweg. Es sind Späher. Im Cockpit blonde Nordamerikaner; aufrecht und stark. Sie sahen uns noch nicht. Ich stehe wie erstarrt. Erst kürzlich wurden vereinzelt und verdeckt Stimmen laut, die ihrer Sorge Ausdruck verliehen, dass in Deutschland ein Krieg ausbrechen könnte. Ich wollte das damals nicht hören, wollte es mir gar nicht erst vorstellen müssen. Doch diese Zeichen am Himmel sind deutlich. Die Flugzeuge entfernen sich, ich schaue ihnen nach: starke Triebwerke, die in der Ferne verschwinden. Das Gefühl der Bedrohung ergreift mich, meine ganze Sicht, meine Welt.

Ganz klar, wir müssen hier sofort verschwinden! Die Späher werden wiederkommen, die Lage peilen und sich einen immer detaillierteren Eindruck verschaffen. Sollten sie uns entdecken, müssten wir wohl mit unserer Vernichtung rechnen. Los! Ins Auto, Richtung Schluss-Dorf. Zwar weiß ich, dass wir an der langen Straße irgendwann nach rechts abbiegen müssen, aber ich fahre daran vorbei – vielleicht war ich zu lange nicht mehr hier, oder in meiner Angst hatte ich die Abfahrt einfach übersehen. Jedenfalls landen wir in einer Sackgasse, die in einen großen, abgelegenen landwirtschaftlichen Hof mündet. Keine Zeit zur Umkehr, denn zwei Flugzeuge nähern sich im Tiefflug. Das Brummen wird lauter, und ich sehe sie hinter den Baumwipfeln. Sie fliegen so tief über unsere Köpfe hinweg, dass der Eindruck entsteht, sie landeten gleich dort auf dem Feld. Schnell, wir müssen ins Haus!!

In der Diele ist es dunkel. Ich bin leicht panisch, treibe meine Tochter an, sie solle sich rasch ankleiden. Sie braucht Wärme und Schutz! „Schnell, zieh Dich an!“ Sie steigt in eine blaue HJ-Uniform und während sie in die zu kurzen Hosen steigt, changiert sie zu einem etwa zweijährigen Jungen mit hellblonden Haaren. Sie streift blaue Lederschühchen über, beginnt sie zu schnüren, während ich sie einen schmalen Korridor entlang immer weiter treibe, um uns in Sicherheit zu bringen. Doch die feindlichen Soldaten sind längst im Haus. Sitzen auf Stühlen entlang des bäuerlichen Korridors, werfen höhnisch grinsende Blicke auf mein Kind, während sie mit Wohlwollen getarnte Worte sprechen: „Na Jüngelchen, da hast Du aber feine Schuhe an!“ Es bereitet ihnen eine geradezu boshafte Freude, dass der ahnungslose Junge seine Gesinnung durch die Uniform verrät, so dass es nichts mehr zu verbergen und auch keine Ausrede mehr gibt. Mich packt, angesichts solch gemeiner Unterstellungen, ohnmächtige Wut. Der Kleine zog die Kleidung über, die man ihm in der Not gab, um ihn zu wärmen und zu schützen! Das hat mit Gesinnung nichts zu tun! Ich weiß, dass mein Wort kein Gewicht hat – die feindlichen Männer haben ihr Urteil getroffen. Ich wage kaum noch zu atmen, gehe einfach weiter; gebeugt, mit meiner Hand den Rücken des Kleinen haltend. Wir müssen schnellstens das Haus verlassen. Die Späher fliegen immer tiefer und in immer kürzeren Abständen über den Hof und somit bleibt uns kaum noch Spielraum, unbemerkt andere Wege einzuschlagen. Inzwischen sind wahre Ungetüme unter den Flugzeugen. Riesige Tragflächen, skurrile Konstruktionen – kein Flugzeug gleicht dem anderen; nur eines ist allen gleich: die Farben Weiß mit Rot. Gerade streift wieder so ein Riesending mit lautem Brummen über uns hinweg, strebt auf den im Dunkel liegenden Acker zu. Einen Moment lang hat es den Anschein, als lande ein mit vielen Lichtern bestückter Mähdrescher, um dort im Dunkeln zu arbeiten. Doch dann erkenne ich die Triebwerke. Jetzt landen also die ersten. Wenn ich nicht sofort einen Weg finde, ist es zu spät und sie werden uns gefangen nehmen. Längst haben sie erkannt, dass hier Menschen leben und die feindlichen Kräfte werden nun ununterbrochen überwachen. Immer mehr Flugzeuge am Himmel. Ein Dröhnen und Brummen. Bedrohung!

Da kommt der Hofhund auf mich zu. Ganz helles, fast graues Fell, sehr kurz geschoren, eine starke Kampfhundschnauze. Während der letzten Stunden verlor er nicht nur einen großen Teil seines Fells, sondern auch all seine Flöhe, die zuvor lustig herum hüpften, sobald man mit der Hand an seinem Hals wedelte. Ich kann mir kaum vorstellen, dass angesichts dieser Situation von diesem Hofhund eine Gefahr ausgeht, dennoch verkrampfe ich kurz, als er seine Schnauze zwischen meine Schenkel schiebt. Schließlich kann ich nicht mit Sicherheit beurteilen, wie weit die Läuterung des Hundes fortgeschritten ist.

Ich muss das überwinden, muss mit meinem Kind den Weg in die Freiheit finden, ehe es zu spät ist. Unsere Chancen verschlechtern sich von Minute zu Minute. Es bleibt keine Zeit zum Planen und Überlegen. Dort fern, zwischen den Baumstämmen, leuchtet der klare Abendhimmel – dort zieht es mich hin. Ein direkter Weg ohne Hindernisse, so stelle ich ihn mir vor. Mit meinem Kind an der Hand renne ich los …

Traumpfad: Ohne erkennbaren Auslöser kam mir vor dem Einschlafen Anne Frank in den Sinn. Oder war das schon am Abend zuvor?