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Zehn mal Uriah Heep

Traum vom 6. Januar 2011
[Dezember]

Erst vor wenigen Tagen war ich hier. Nun fahre ich wieder diesen kleinen, etwa dreihundert Meter langen Verbindungsweg entlang. Mein Fahrrad hüpft und schlingert auf dem unebenen Weg voller Baumwurzeln. Es wäre fast besser, hier zu Fuß zu gehen, aber ich fahre halt lieber Rad. Kaum auf diesem Weg, höre ich die langen Schritte eines Mannes, der sich beeilt, um mich einzuholen. Das Ahnen seines Geruchs steigt auf und lässt ein Bild von ihm entstehen: er ist jünger als ich, trägt mittelbraune Kleidung, wie aus weichem Wildleder, vielleicht. Seine Ausstrahlung ist freundlich. Schon spüre ich seine Hand auf Höhe meiner Schulterblätter. Die Wärme erreicht mich prompt und ich spüre den festen Druck, mit dem er mich anschiebt. Uih, das geht jetzt aber schnell! Erst dadurch, vielleicht, spüre ich einen Rest noch vorhandener Schwäche; das Ausklingen einer langen Krankheit, die endlich hinter mir liegt. Ich will mich nicht gleich übernehmen und rufe ihm besorgt aber doch erfreut zu: „Bitte, vielleicht ein ganz kleines bisschen langsamer!? Kaum gesagt, beginne ich zu verstehen: Der junge Mann sah mich von hinten. Meine Haare sind unverändert, wie in jungen Jahren, und er hielt mich vielleicht für jünger … Nun sind wir angekommen, und während ich mein Fahrrad abstelle, bleibt ihm Gelegenheit, mich von vorne zu betrachten. Doch halte ich den Kopf gesenkt, um mein Gesicht zu verbergen. Ich möchte ihn nicht mit dem Anblick meines alten Gesichts erschrecken. Auch fürchte ich den Ausdruck seiner großen Enttäuschung im Gesicht, was in mir vermutlich schmerzliche Gefühle und Ängste auslöste.

So schaue ich auch kaum auf, als er eine von den zehn CDs (sämtlich von Uriah Heep) aus dem Korb am Fahrradlenker nimmt, um mal reinzuhören. Schon erklingt der erste Song. Nach einigen Sekunden bricht er ab und meint: „Ach nein, das muss ich mir jetzt nicht antun.“ — Mit einem Mal habe ich keine Angst mehr, hebe den Kopf und sage zu ihm: „Schauen Sie mich an! In meinem Alter hört man so olle Kamellen zur Erinnerung.“ Naja, das stimmt eigentlich gar nicht. Ich schleppe die CDs nur mit mir rum, höre sie aber schon lange nicht mehr. Jetzt, als ich mein Gesicht frei zeige, nicht mehr verberge und so auch ein helleres Gefühl im Gesicht habe, spüre ich den Gegensatz zwischen meinen „jungen Haaren“ und dem „alten Gesicht“ deutlich … spüre, wie das Junge dem Alten einen Rahmen gibt … spüre nun, dass, fast etwas überraschend in seiner Weichheit, im Bereich des Haaransatzes der Übergang so fließend und selbstverständlich ist, dass ich keinen Widerspruch mehr fühle. Jedes für sich passt zu mir, aber auch beides zugleich. Ja, er darf es sehen.