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Unerträgliches

Traum vom 9. Januar 2011

Westend-Tower

Westend-Tower - Strahlenkranz in der Nacht

Ein merkwürdig stiller Sonntagvormittag. Der erste „normale“ Sonntag nach all den Feiertagen. Ich verrichte Notdienst im Bioladen. Es wurden keine frischen Backwaren geliefert. In der Erwartung, dass alle noch satt sind und nichts brauchen, wurde erst gar nichts bestellt. Zum Glück entdecke ich im Lager ein frisch aufgebackenes Brötchen. Ich reiße es in zwei Hälften. Heiße Luft entweicht dem flaumigen Innern des kleinen Laibes. Das ist sehr gut – sollte doch ein Kunde kommen, so kann ich ihm dieses anbieten.

Im angrenzenden Lokal – wo ich nebenher noch als Serviererin arbeite – sind nur wenige Gäste. Fast bin ich überrascht, drei Gäste an einem Tisch vorzufinden. Ein Mann mit seinen beiden Freundinnen. Ältere Herrschaften. Er trägt einen dunklen Anzug, weißes Oberhemd und eine cremeweiße Fliege. Die beiden Frauen sind von schmaler Statur, tragen schlicht elegante Kleidung, wirken gepflegt, vornehm zurückhaltend und doch natürlich. Sie strahlen Warmherzigkeit und Offenheit aus. Sie alle genießen die kleine Freuden – lernten im Laufe des Lebens, diese zu erkennen. Ich reiche ihnen die Speisekarte, aber der Mann sagt, sie hätten schon bestellt. So gehe ich zurück um die Getränke holen.

Mit den Getränken auf halbem Weg zu den Gästen bemerke ich plötzlich: ich habe ja meinen Rock ausgezogen! Fast wäre ich in Slip an den Tisch … meine Güte. Ich drehe mich rasch um, rede mir ein, dass all die Tische und Stühle eh den Blick auf meine Blöße verwehrten und es niemandem aufgefallen ist. Aber … der Mann tuschelt doch?! Er mokiert sich über mein Auftreten? Ganz sicher bin ich nicht, seine Stimme ist zu leise. Außerdem ist der Rock ja eh kaum mehr als ein breiter Stoffstreifen über den Po. Da macht es kaum einen Unterschied, ob ich ihn trage oder nicht. Doch als ich nun in meinen Ausbildungsrock steige, muss ich einsehen, dass mich der Gedanke nur beruhigen sollte, dieser aber keineswegs der Tatsache entspricht. Der Rock reicht bis über meine Knie hinweg.

Mit einem großen Tablett mache ich mich erneut auf den Weg zu meinen drei Gästen, um Geschirr, Besteck und ein flaches Schälchen mit heißer Schokolade – frisch angerührt aus gutem Kakaopulver – zu servieren. Doch ist der Tisch bereits gedeckt, für die mitgebrachten Sachen kein Platz und ich stelle das Tablett auf dem Nebentisch ab. Sehr unangenehm – zeigt es doch, wie schlecht ich es vorbereitet habe und dass mir der Überblick fehlt. Vor lauter Unsicherheit stelle ich mich ungeschickt an und der Mann muss mir mit ein paar Handreichungen helfen. Er weist mich darauf hin, dass diese Speise für seine Freundin auf der Polsterbank ist. Beim Bemühen, das mausgraue Set an ihrem Platz durch ein anderes zu ersetzen, bekomme ich logistische Schwierigkeiten: ich bräuchte eigentlich drei oder vier Hände, um alles richtig einzudecken. Ich bereite meinen Gästen etwas Umstände, fühle mich unter Druck, weil ich nicht sicher bin, ob ich mir diese Zeit für das Neuordnen überhaupt zugestehen darf.

Da läuft mein früherer Mit-Azubi – der während vieler Schuljahre nichts anderes in Sinn hatte, als mir bei jedem Schritt die Füße unter den Beinen herauszutreten und mich zu Fall zu bringen – hinter meinem Rücken vorbei, wirft einen Blick auf meine Arbeitsweise und maßregelt mich laut und missbilligend vor den Gästen. Mit drei Schritten hole ich ihn ein und zische ihm sauer zu: „Das macht man nicht vor den Gästen!“ Er meint gleichgültig und ohne seinen Schritt zu verlangsamen, das sei ganz egal. — „Ich hasse dich!!“ rufe ich ihm leise, aber für ihn hörbar, hinterher. Halte inne. Nein, ich hasse nicht ihn, aber diese Situation. Nein nein … ich hasse nicht diese Situation, sondern die damit einhergehenden Gefühle. Doch ich weiß mir vor Wut nicht anders zu helfen und schleudere ihm voller Inbrunst ein weiteres „Ich hasse dich!“ hinterher. Er stoppt, dreht sich langsam um und schaut mich an. Seine Mundwinkel zucken verächtlich zu einem kalten Grinsen hoch. Dann geht er hinüber in ein anderes Abteil, wie in die Stahlhülle eines U-Bootes.

Bald darauf erfüllen Sorge und Unruhe das Haus. Meine Mitbewohner / Kollegen überlegen, wie sie ihren vier Freunden zur Hilfe kommen können. Die Freunde drängen verzweifelt, doch endlich wieder herunter kommen zu können! Sie sitzen weit oben über uns – kaum zu sehen – wie auf dem halbkreisförmigen Strahlenkranz des Westend-Towers. Am äußersten Rand, also elf Meter von der Fassade entfernt und ohne Chance, innen herabsteigen zu können. Sie frieren sehr, es ist so eiskalt all die Tage. Ich mache mir Gedanken, suche eine Lösung, doch habe ich keine Idee, wie wir sie bergen können. Da aber die Kollegen, die mit den Vieren da oben befreundet sind, schon sehr damit beschäftigt sind, kümmere ich mich um anderes.

Die Freunde hoch oben rufen immer verzweifelter – sie haben alle Kraft und all ihr Durchhaltevermögen aufgebraucht. Sie können nicht mehr, sehen nur noch einen Ausweg: sich fallen zu lassen. Unter meinen Kollegen in der Lobby herrscht ebensolche Verzweiflung, gepaart mit Hilflosigkeit und erstem Entsetzen. Die Stimmen – hier unten und auch von oben – machen es unerträglich mit anzuhören. Ich bin nervlich ziemlich am Ende, gehe hinüber in ein anderes Zimmer, um es nicht mehr zu hören. Doch nur wenige Minuten später dringen sogar hierher entsetzte Schreie und dann dieses furchtbare Weinen – ich höre es nicht zum ersten Mal und kenne es zu gut; ich ahne, nein eigentlich verstehe ich längst. Doch noch hoffe ich, mich geirrt zu haben, laufe rasch hinüber, werfe einen Blick aus dem Fenster – aus dem schaue ich so selten, weil es so unbequem zu erreichen ist – und meine Augen schließen sich von selbst. Erst als ich mich abwende, öffnen sie sich wieder. Ich habe alles gesehen: die vier Freunde – einen sehe ich genauer, er trägt einen roten Pulli zu einer schwarzen Hose – liegen auf dem Asphalt. Die Konturen ihrer Körper breiig und man sieht, sie sind innerlich vollkommen zerbrochen. Blut. Tot. Alle. Auf der Stelle. Die zutiefst entsetzten Schreie der anderen, das kreischende Wimmern der Freundinnen, die vor den Toten knien und nicht mehr helfen können … ich schlage meine Hände vor meinen stumm geöffneten Mund und meine Wangen, mache mir schlimmste Vorwürfe, weil ich zu früh aufgegeben habe, nach einer Lösung zu suchen. Ich habe nicht geholfen.

Es ist unerträglich und ich schleiche mich fort. In ein Schlafzimmer an der anderen Seite des Gebäudes. Hier, im Bett der Älteren, schläft mein Kind. So selig, so seidig ihre goldblonden Haare über ihren schlafgeröteten Wangen, so unschuldig und friedlich. Stille und Ruhe erfassen mich. Die Kleine war so erschöpft gewesen, dass ich ihr vorgeschlagen hatte, schon am Vormittag zu schlafen. Das Fenster steht auf Kipp. Das Wetter ist sanft – wie ein heiterer Frühsommertag. Etwas frische Luft kommt herein. Draußen unbeschwerte Alltagsgeräusche. Doch nun höre ich die Schreie sogar bis hierher. Sie kommen wie von hinten nach vorn bis zur heiteren Aussicht. Lautes Trauern und Klagen, Entsetzen und abgrundtiefer Schmerz, von dem man meint, das alles würde niemals enden. Vielleicht sollte ich das Fenster schließen?! Das Kind wacht sonst noch davon auf. Ich könnte all das ja noch ertragen, irgendwie, aber für die Kleine ist das unzumutbar.

Eine Antwort zu Unerträgliches

  1. [...] tue ich meine Meinung gegenüber einem Gesinnungsfreund kund – oder ist das sogar der frühere Mit-Azubi?? Nein, viel mehr ähnelt er einem dieser Eso-Typen, die ihre phantasielos gestalteten Flyer auf [...]