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Post von Snyder

Traum vom 19. Januar 2011

Nach ewiger Zeit – auch wenn mir ist, als sei dies immer gegenwärtig – stehe ich wieder vor Großmutters dunkler Vitrine. Links auf der Ablage ein Stück herausgerissnes braunes Papier. Und wie ich mich beuge, um es aus der Nähe zu beschnuppern, und meine Nasenspitze die gerissenen Kanten fast berührt, da tauche ich dort – unter dem braunen Papier liegt ein quadratisches Stück schwarzer Fotokarton – wie in einen Raum hinein. Stehe in diesem völlig schwarzen Raum und weiß sofort: das ist Anouschs Kammer. Ich bin derart überrascht, hier gelandet zu sein, dass es mich sogleich wieder hinaus an die Vitrine befördert. Die Freude war von kurzer Dauer. Auch weiß ich nicht, was das zu bedeuten hatte.

Zurück in meinen unbekannten Räumen, die etwas abgelegen. Ich erwarte Herrn Snyder. Leider bin ich, was das Zurechtmachen meiner Erscheinung anbelangt, wieder mal auf den letzten Drücker fertig. Meine Haare kringeln sich noch zu feuchten Locken. Und was meine Kleidung angeht, bin ich ziemlich unsicher: ein Tweedjackett in Brauntönen, dazu ein braver Rock und feste Schnürschuhe mit Blockabsatz. Doch am schlimmsten sind meine nassen Haare, da sie verraten, dass ich drei Stunden zu spät dran bin.

Herr Snyder kommt also pünktlich; was hoffte ich auch… Es ist ja auch gut, denn er will den Vertrag abschließen. Was mich wundert und verunsichert, denn ich nahm an, er würde es sich anders überlegen. Ja, und wenn er mich jetzt sieht, so ungeschickt und unsicher… vielleicht entscheidet er sich gegen mich. Ich reiche ihm meine Hand zum Gruß. Doch sie verfängt sich im Innern des reichlich langen Jackettärmels und ich muss den Futterstoff erst einmal von meinen Fingern schütteln, ehe meine Hand hervorkommen kann. Ein schrecklich trotteliges Gefühl, doch er lächelt, sobald wir uns nur ansehen. Ja, und am Ende ist alles unterschrieben.

Noch am gleichen Tag kommt ein Anruf von Herrn Snyder. Er bittet mich, im Namen seiner Frau, zum Diktat. Ehrlich? Doch kaum gezweifelt, höre ich sein leises Lachen und er meint amüsiert: „Dazu haben wir den Vertrag ja gemacht!“ — Ja schon, aber dass ich wirklich aktiv werden soll … ich freue mich so.

Am Nachmittag. Immer noch trage ich diese offizielle hausbackene Kleidung mit dem Tweedjackett, obwohl ich mich sehr unwohl darin fühle. Herr Snyder setzt mit gekonntem Schwung von der Straße her durch das Fenster herein. Und wie ich so meine unpassende Kleidung spüre, überlege ich, dass ich fortan darauf achten muss, Herrn Snyder immer mit Handschlag zu begrüßen. Oder?? Ich will mich ja auch nicht lächerlich machen. Unsicher strecke ich ihm meine Hand entgegen. Und wieder bleibt sie innen im Ärmelfutter hängen. Verflixt noch mal! Meine Finger verwickeln sich in dem glatten Stoff und ich schüttele den Arm, um rasch meine Hand zu befreien. Doch dauert es ja viel zu lange und zieht alle Aufmerksamkeit auf mich. Mit einer umständlichen Drehbewegung kriege ich die Hand frei und fasse seine: „Guten Tag, Herr Snyder. Also, diese Jacketts … wenn man die trägt, dann … wird’s wohl umständlich“ stammele ich. Es ist so, als nähme er mich nur in diesen unsäglich peinlichen oder unangenehmen Augenblicken wahr, die er dann mit einem stillen Lächeln quittiert, das ich gar nicht richtig einordnen kann. Warum lehnt er mich nicht ab, wenn ich so stoffelig daherkomme? Ist das normal? Und, was mich wundert und neugierig macht: Warum legte er seine Post, die ihm der Postmann schon draußen überreichte, außen auf dem Fenstersims ab? Dort, wo doch viele Passanten vorbeikommen und die nun unbeaufsichtigte Post mit den sensiblen Daten an sich nehmen könnten? Ist das nicht ziemlich leichtsinnig? Nur zwei oder drei längliche Umschläge – einer davon blau – die Briefe an mich enthalten, bringt er mit herein. Kurz kommt mir der Gedanke, dass er etwas vor mir verbergen will. Aber das kann nicht sein, denn ich bin ja diskret. Es geht alles ganz flott. Herr Snyder ist mit dem Ablauf zufrieden und steigt bald wieder durch das Fenster hinaus in den sonnigen Tag. Ziemlich geknickt bleibe ich zurück. Es ist ein Jammer, wie ungeschickt ich mich immer aufführe.

Und dann war da noch was mit Anneliese. Schon zu Beginn. So als lebten sie und ich in der Nähe und ihre Lebendigkeit sei ein wichtiger Hinweis für mich, dass etwas Erfreuliches, etwas Positives in Bewegung gekommen sein könnte.

Traumpfade:
Da war schon mal so ein stoffliches „Verhängnis“ mit dem Kursleiter: Traum vom 30. Dezember 2010