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Der Angriff des Killerschnees

Traum vom 20. Februar 2011

Wie verloren sitze ich auf einer Veranda, die sich zu einem Wald hin öffnet. Zwischen schlanken Nadelbäumen hängt schwerer Nebel. Es ist kalt. Ein klammes Gefühl. Auf dem Tisch ein Silbertablett mit einem Kaffeegedeck. Fröstelnd greife ich danach, als ich es aus dem Augenwinkel bemerke: Schnee! Schneesturm!! Ich schreie auf, der just auf die Veranda kommenden Frau zur Warnung: „Mein Gott!!“ Riesige Schneeflocken schießen von der Seite, mit enormem Drall auf uns zu. Darunter eine Flocke größer als ein Schneeball. Er zielt auf mein Gesicht, das ich gerade noch abwenden kann. Mit erhobener Hand will ich den Killerschneeball abwehren, aber er schlägt mir die Hand weg, zerfetzt dabei zu vielen kleineren „Flocken“, die mein Gesicht peitschen. Keine Chance! Es fängt gerade erst an, wird immer schlimmer. Längst aufgesprungen, suche ich im Haus Schutz.

Den Korridor entlang eilend, werde ich immer ruhiger und auch langsamer. Ich hatte mein Tablett mit dem Kaffeegeschirr noch greifen und mitnehmen können. Dieses will ich jetzt auf dem Servierwagen abstellen, der vor den Türen zu einigen Seminarräumen steht. Als ich das Geschirr abstelle, bemerke ich: das Buch, das ich mit auf die Veranda genommen hatte, fehlt. Ein dicker Wälzer aus der Stadtbücherei, mit hellbraun-cremeweißem Einband und einem kurzen Titel. Das ist ja ärgerlich. Darum muss ich mich bei nächster Gelegenheit kümmern. Es sollte nicht nass werden. Doch erst will ich mich von den Männern verabschieden, die mir während der letzten Monate beim Lernen und Arbeiten nahe waren. Sechs Männer – alle etwas jünger als ich, ernste Typen, auf stille Weise klug und zielstrebig arbeitend. Mit großen Augen – sie fühlen sich wässrig an – trete ich auf den ersten Mann zu. Zögernd, denn ich bin unschlüssig, ob wirklich ein Kuss auf den Mund zum Abschied angebracht ist. Ich denke, man macht das so, denke aber gleichzeitig, dass ich es aber nie als üblich erlebte. Dann küsse ich ihn, nehme ihn kurz in die Arme. Er nimmt alles an, sagt aber nichts. Ich bin also um nichts schlauer, als ich auf den zweiten Mann zugehe und mit gleichem Zögern ihn auf seinen Mund küsse, ihn umarme und mich mit einem tiefen Blick verabschiede. So geht es weiter; alle Männer schauen sprachlos, zeigen weder Widerstreben noch Entgegenkommen. Und für einen jeden nehme ich mir ausreichend Zeit zum Abschied und Augenblicken. Wortlos. Ja, nur innerlich: tschüß. Ich trete auf den letzten der Männer zu. Andreas, ein bekanntes Gesicht. Er wirkt mürrisch. Vielleicht weil ich zuletzt auf ihn zukomme? Voller Trotz scheint er seinen Kuss einfordern zu wollen und signalisiert gleichzeitig Ablehnung. Und es kommt mir ja auch sehr merkwürdig vor, ihn zu küssen. Irgendwie verkehrt – wenn ich nur wüsste, warum es nicht richtig scheint. Ich gebe mir einen kleinen Ruck, küsse seinen Mund. Adieu! Zeit, zu gehen.

Auf allen Vieren rutsche ich auf einem schwarz lackierten Tresen entlang, wie oben auf einem Klavier, und wische all die Krümel fort, die mir im Wege liegen. Auf halber Strecke überlege ich, vom Tresen zu springen. Nach links, wo die runden Tasten Barhocker zu erwarten sind. Im Halbdunkel ist nichts dergleichen zu erkennen. Mein Blick verengt, sich verkniffen durch das Halbdunkel schälend, erkennt nur: oha, das geht da aber tief runter! Sollte ich es wagen, jetzt zu springen, könnte es sein, dass ein Gast just in dem Augenblick dort ankommt, wo ich lande. Dieses Risiko eines Zusammenpralls will ich nicht eingehen und robbe auf dem Tresen weiter. Bis zu seinem Ende. Dort trifft gerade ein älterer Mann ‘Typ Eduard Zimmermann’ ein, um hinter dem Tresen an einem der zwei oder drei runden Tische Platz zu nehmen, die vor der Musikanlage Platz finden. Heute war einer der letzten Abende, da er eine Lesung im kleinen Kreis hielt, die immer sehr beliebt war. Er wirkt mürrisch und ich weiß gleich, ich werde ihm keine Beachtung schenken. Doch es kommt ein jüngerer Mann hinzu, der dem Eduard-Typen eine Frage stellen will: „Nur mal auf die Schnelle“ sagt er, um zu signalisieren, dass ich er gar nicht lange stören will. Doch der Eduard-Typ sagt entrüstet: „Für ein ‘auf die Schnelle’ bin ich nicht zu haben. Da können Sie gleich gehen!“ Mittels stummer Gedanken versuche ich anstelle des jungen Mannes einzulenken. Richte dann doch mein Wort an ‘Eduard’; freundlich bittend: „Darf ich mich dazu setzen und Ihren Antworten lauschen? Ich fände es so interessant!“

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Eine Antwort zu Der Angriff des Killerschnees

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