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Handlungsreisender in Carcassonne

Traum vom 29. Mai 2009 - Narbonne-Plage

Ich schlendere – allein oder zu zweit oder zu dritt – durch die engen Gassen von Carcassonne Cité. Abendstimmung, Ruhe ist eingekehrt. Mir begegnet ein Handlungsreisender mit altem Köfferchen. Innehalten, kurze gegenseitige Betrachtung. Er schaut aus – vor allem die Gesichtszüge – wie Mike in jüngeren Jahren. Die Haare blond, die Augen leuchten blau, sein Blick ist etwas scheu und er trägt eine Intellektuellenbrille. Gerade will er in eines der alten Häuschen eintreten. Da es eine nahegehende Begegnung ist, suche ich nun nach passenden Abschiedsworten. Nicht so einfach, da ich nichts über diesen Mann weiß – wir kennen uns ja nicht. Ich könnte vielleicht sagen: „Schönen Aufenthalt!“ Doch da bemerke ich das alte Blechschild über der Eingangstüre; auf dem steht: Hospel. Oder: Hostpiz? Oder: Hopiz? Es scheint mir ziemlich klar zu sein, dass dort Hospiz steht, allerdings in ungewöhnlicher Schreibwaiseweise?!? Da stellt sich natürlich die Frage, warum der Handlungsreisende hier einkehrt. Um zu sterben? Oder ist er hier, um einen Bekannten oder guten Freund ein Stück des letzten Weges zu begleiten? Vielleicht geht er hier auch einer ehrenamtlichen Tätigkeit nach? Meine Scheu ist zu groß, und ich kann ihn nicht fragen. Inzwischen ist er eingetreten und ich schaue in die offene Tür, hinter der der Handlungsreisende bereits verschwunden ist. Es ist ein karger Raum mit fast höhlenartigen Steinwänden. Sieht so aus, als sei dieses Hospiz in einen Felsen angebaut. Keine Fenster, nur der Schein einfacher Kerzen taucht das Gewölbe in spärliches, lebendiges Licht. Der Boden besteht aus Granitplatten. Ein Bereich liegt auf leicht erhöhter Ebene. Darauf liegt ein dürrer Alter in helle Laken gehüllt. Vermutlich einer der Sterbenden. Ja, mit einem Male fallen mir stimmige Abschiedsworte ein und ich rufe sie schnell, damit er sie noch hört, dem Handlungsreisenden hinterher: „Viel Kraft!“ Die braucht er doch bestimmt, wenn er jemanden begleiten will. Andererseits… falls er selbst hier sterben wird, sind meine Worte völlig daneben. Kraft ist wohl etwas, das gerade beim Sterben schwindet, unter diesen Umständen ja geradezu schwinden muss, da es ansonsten den Prozess ja nur erschweren würde, oder? Oje, es ist mir unangenehm.

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