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Abschied von einem lieben Freund

Traum vom 10. Mai 2009

Ein laue Sommernacht. Im Kreise einiger Kommilitonen – die mir im Laufe der jüngsten Zeit vertraut wurden – sitze ich vor einem Haus. Das Dunkel wird indirekt von der Innenbeleuchtung erhellt. Drinnen und draußen die eine Musik: Jammu Africa.

Wir unterhalten uns – heiter, unbeschwert, meine Zunge locker… Das Gespräch dreht sich dann um einen Kommilitonen, mit dem ich mich in den letzten Wochen und Monaten angefreundet habe: ein Stipendiat aus Russland. Er hatte mir in unzähligen Gesprächen einiges anvertraut; auch von der unerwiderte Liebe zu einer Kommilitonin erzählt. Die Männer am Tisch spekulieren nun wild durcheinander, ob der Russe Erfüllung finden wird, ob er die Frau für sich gewinnen kann. In unbewusster Schnatterlaune gebe auch ich meinen Senf dazu, ohne Rücksicht auf Gefühle – just for fun, und so.

Kurz darauf eine Bewegung am Panoramafenster in der ersten Etage. Der Raum dort oben ist unbeleuchtet, nur von einem angrenzenden Raum fällt Licht hinein, die Gestalt die sich, das ganze Fenster beiseite schiebend, mit einem Satz auf die Fensterbank schwingt und kaum mehr als ein dunkelblauer Schatten ist, erkenne ich trotzdem sofort: es mein guter Freund, der verliebte Russe. Mit ernster Stimme kündigt er an:
„Ich werde morgen abreisen.“

Ich bekomme einen großen Schreck, vereint mit einem schlechten Gewissen…. Meine dahergeplapperten Ansichten über ihn und die Frau seines Herzens… sie kommen mir wie ein Verrat vor. Wenn ihn nun unsere Worte dahin getrieben haben, seine Sachen zu packen, hier alles aufzugeben? Aber… hat er uns, vor allem mich wirklich hören können? Die Musik ertönt überall in der gleichen Lautstärke, in allen Räumen und draußen sind offenbar Lautsprecher verteilt. Angenommen… dort oben… ich würde bei der Lautstärke nicht ein Wort aus den anderen Räumen verstehen, also müsste es auch umgekehrt so sein?! Meine Gedanken überschlagen sich, wollen es mir so zurechtlegen, damit sich die unangenehmen Gefühle wieder zurückziehen sollen. So beschäftigt mich eine ganze Weile die Frage der Akustik. Nur letztlich: es führt zu nichts, es ist nicht konstruktiv.

Also springe ich auf, laufe in einen Raum, der etwas weiter links vom Geschehen liegt – ein Raum, der gleichzeitig innen wie außen liegt, ein Raum des fließenden Übergangs – und treffe dort auf meinen russischen Freund, der seine Sachen packt. Nun, wo ich ihm körperlich nahe bin, Ruhe uns umgibt, keine anderen Menschen mich ablenken, erfüllt mich das vertraute Mitgefühl. Ich spüre sein trauriges Herz, seine brennende Sehnsucht, als sei dies alles in mir.

Da steigt ein Bild auf, wie mein Freund im Begriff ist, in seiner Heimat seine alte Liebe in die Arme zu schließen, sich sicherlich bald mit ihr vereinen wird. Eine Frau mit blonden kurzen Haaren; vom Typ her ernst, verschlossen, fast abweisend wirkend, in ihrem Herzen voller Wärme; eine treue Gefährtin, die ihn voll stiller Liebe begleiten wird. Nun verstehe ich, warum er in seine Heimat zurückkehren will Das geliebte Mädel hier…. es ist fraglich, ob sie jemals zueinander finden werden. Die blonde Frau, seine alte Liebe in Russland, da sind Zuneigung und Entgegenkommen relativ sicher. Vielleicht wurde sie ihm sogar einst versprochen. In Anbetracht seiner brennenden Sehnsucht kann ich seine Entscheidung gut nachvollziehen. Und ich sage zu ihm: „Ich kann verstehen, dass du dich nach Wärme und Nähe sehnst.“

Mir geht dann aber durch den Kopf, dass dies ein Bild ist, das ich mir offenbar von seinem weiteren Weg mache, und dass ich ihm mit diesen Worten meine Interpretation quasi überstülpe. Womöglich hat er ganz andere Gründe für seine vorzeitige Abreise. Allerdings kommt von seiner Seite auch kein Widerspruch. Ich spüre den Schmerz des Abschieds… mein guter Freund, du bist mir so ans Herz gewachsen… Bedauern, Trauer, Schmerz und noch einmal das Gefühl vertrauensvoller Nähe zwischen uns.

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