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Reise und Erschöpfung

Traum vom 2. Mai 2009

Nach mehrtägigem Verwandtenbesuch kehre ich noch bei den Älteren ein. Dort findet eine Feier statt, die sich bis in die Nachbarhäuser erstreckt. Für die Älteren und deren Angehörigen ein immenser Aufwand und mit viel Arbeit verbunden – gar nicht so feierlich. Eine unüberschaubare Gästezahl verstreut sich über das Privatgebiet. Überall Spuren, die die Bewirtung hinterlässt.

Kurz nach mir trifft Rick mit dem Taxi ein. Er bringt ein Paket Bratwürste, denn das Essen wurde zwischenzeitlich knapp. Da möchte er gerne zur Hilfe kommen. Jemand nimmt ihm die Wurst ab. Rick geht ins Wohnzimmer. Niemand kümmert sich um ihn. So sage ich zu den Verwandten: „Rick ist da und wartet auf das Geld für die Bratwurst.“ Zumindest vermute ich das. Damit will ich allerdings nicht ausdrücken, er sei geldgierig. Nein, so möchte ich nicht verstanden werden, dass ich ihm das unterstelle und ergänze schnell: „Zumindst ist das m e i n Eindruck!“ Aber es achtet eh niemand auf diese Angelegenheit oder meine Worte.

Ich eile hinüber ins Nachbarhaus, begegne Geschwistern und deren Freunden. Dort bekomme ich eine leise Ahnung von Wiedersehensfreude und belebende Kommunikation. Doch ich muss noch etwas erledigen. Da die Nacht, der Schlaf bevorstehen, will noch was vorbereitet sein. Deshalb verlasse ich das Nachbarhaus bald wieder, und spüre – während ich mich entferne – Marinas Blick im Rücken. Dadurch wird mir bewusst, dass ich noch meine Geschäftskleidung trage: einen wadenlangen schwarzen Rock aus weichfallendem Stoff, einen schmalen schwarzen Pulli und Pumps – elegant aber doch alltäglich. Der Schwung des Rockes ist im Einklang mit meinem inneren Schwung. Ich fühle mich so gut und beschwingt, als ich mein Handy, mein Schlüsselbund und noch ein Teil vom Abstelltischchen an mich nehme, während ich davon gehe. Unbeschwertheit.

Im Haus der Älteren ist – was das Feiern und die Gäste anbelangt – Ruhe eingekehrt. Langsam spüre ich die Erschöpfung nach den Tagen der Reise. Ich will gerade mit Moina – sie ist meine kleine Schwester – die Treppe hinauf gehen, als ich die Stimme meiner gehbehinderten Tante in der Küche im Erdgeschoss höre: „Hast du etwas Zeit für mich!?“
Zeit… So gesehen, klar. Wie könnte ich einer Behinderten auch eine Bitte abschlagen. Also trete ich ein. Die Küche ist hell erleuchtet. Was ist hier denn los? Zu so später Stunde? Meine Tante ist beim Einkochen, hat eine riesige Aktion gestartet! Eine unglaubliche Zahl an Einmach- und Marmeladengläsern steht auf Tisch, Sofa, Fußboden, Spüle. Alles gespült, nun muss es getrocknet werden. Das schafft sie heute Abend nie und nimmer. Viel zu viel für einen Arbeitsgang, der noch heute beendet werden will. In einigen Gläsern steckt zusammengeknülltes Zeitungspapier, um sie vorzutrocknen. Die Druckerschwärze sorgt bekanntlich für streifenfreien Glanz.

Meine Tante stöhnt, sinkt in ihren überdimensional breiten Klapprollstuhl. Zwar kommt kein Wort der Klage wegen der vielen Arbeit und weil ihr niemand hilft, doch sie verkündet ächzend: „Ich habe so schmerzhafte Beschwerden in den Füßen! Niemand kümmert sich darum.“ So so, aha. Ich bekomme dieses ätzende Gefühl, manipuliert zu werden, habe aber trotzdem ein schlechtes Gewissen, obwohl ich weiß, dass sie absichtlich auf die Tränendrüse drückt. Sie hebt nun ihre ungewohnt breiten bleichen Füße, umgreift die Zehen fest mit den Händen und biegt dann entschlossen und fest daran herum. Auf und ab… auf und ab… Dabei knackt es in den Zehgelenken.

Aha, das ist also das Problem. Mich wundert es nicht, wenn man so rabiat mit seinen Füßen umgeht. Da knackte es auch in meinen Füßen. Aber das möchte sie natürlich nicht hören. Mitgefühl mag ich auch nicht aus mich herauspressen lassen. So sage ich: „Heute Abend ist nichts mehr zu machen. Mal sehen, was der kommende Tag bringt.“ Sie lässt mich spüren, dass ich ihr nicht das gegeben habe, was sie braucht, lässt aber von mir ab. Okay, ein wenig Ordnung kann ich hier noch machen, um zu helfen. Ich widme mich den alten Zeitungen, will sie zusammentragen. Sehe viele Zeitungszeiten ohne Headline, ohne Abbildungen, nur kleingedruckter Fließtext in langen Blöcken, zweispaltig – zwiespältig. Langweilig. Ein oberes Zeitungspapier ist bereits gefaltet. Ich nehme das Stück gedankenlos und drehe es schraubenförmig. Beim Blick auf das Kleingedruckte und diesem „zwingenden Gefühl“ mit der gedrehten Zeitung wird mir bewusst:
Der vorherige Besuch, der eingeschobene Geschäftstermin, die Reise haben mich total erschöpft. Ich brauche dringend Ruhe, Erholung, etwas Zeit für mich. Wie konnte ich nur auf die hirnrissige Idee kommen, daran anschließend noch diesen Besuch hier zu machen? Mir wird klar: es fehlt nur noch sehr wenig und ich breche zusammen. Betroffenheit.

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