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Turbulenzen und Alpenländer Schamanengesang

Traum vom 26. Februar 2010

Eine Busreise. Ich sitze im Einstiegsbereich, mit dem Rücken zur Tür, auf einem kleinen Brettchen. Es ist eine turbulente Fahrt – die Fahrgäste sitzen unruhig, haben oder wollen gar keinen Platz oder gehen hin und her. Der Bus selbst dreht sich, im Uhrzeigersinn, um 360° – sehr schnell, mir schwinden gleich die Sinne! Ich versuche mit Blicken und Händen an einer Stange Halt zu finden. Ein Mitreisender kritisiert meinen übertriebenen Drang zur Absicherung! Ein Halt sei doch gar nicht notwendig, so meint er. Ich erkläre, dass ich gleich die Besinnung verliere, wenn ich keinen Haltepunkt finde! Der Busfahrer hört meine Einwände, nickt gelassen zustimmend und sagt ruhig: „Machen Sie das ruhig.“

Irgendwo, auf halber Strecke, in offener Landschaft steigen Sabine und ich aus. Mit nackten Beinen und Füßen laufen wir los, die Haut ist bald von Schlammspritzern und dunklem Wasser befleckt. Sabine läuft voraus, ich rufe ihr zu: „Hey, das hier kenne ich doch!“ Wiesen, Äcker, Felder, Gräben – na klar, hier war ich schon mal. Am rechten Wegrand ist die Erde tief aufgebrochen, wir laufen durch die weichen Erdschollen – wie wunderbar das ist. Das feuchte Tagesdunkel hält vertraut umfangen.

Irgendwann erreichen wir eine einfache Pfadfinderunterkunft im Taunus, vielleicht Hohe Mark. Ich sammele in einer grauen, viereckigen Plastikwanne das schmutzige Geschirr ein; es stapelt sich bald weit über den Wannenrand hinaus. Ein wackeliger Turm, den ich gut gelaunt in den Gruppenraum zum Abwasch bringe. [...] Der Gruppenraum ist voller Menschen; ein Großteil von ihnen sitzt an die Wände gelehnt auf dem Boden. Fast alle sind nackt. Ích sitze etwas eingerollt, fühle mich so nicht wohl, weil sich in dieser blöden Haltung mein Bauch so vorwölbt, was ich hinter verschränkten Armen zu verbergen suche. Ich denke anfangs zudem, der Heizkörper zur linken biete zusätzlichen Sichtschutz. Vor allem habe ich dabei eine Frau im Auge, die in meine Richtung schaut. Sie soll mich nicht sehen. Ich mache mich klein, um möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Erst viele Minuten später erkenne ich, dass der Heizkörper reichlich von der Wand absteht und die Frau durch diese Lücke zu mir schauen kann. Hm, naja. Am besten entspanne ich mich. Weiter nach rechts.. etwas zieht die Aufmerksamkeit auf sich… an der bauernblauen Tür mit Sprossenglaseinsatz ist unterhalb der Scheibe ein Plakat mit Veranstaltungshinweisen aufgehängt. Oh, da ist sogar eine Anzeige von Christa abgedruckt. Ihre Anzeige ist wenigstens zu sehen, im Gegensatz zu einer Reihe anderer Anzeigen, die verschwinden, da das Plakat zu groß für die Tür ist und am unteren Ende nach hinten umgefaltet ist. Ja, daran merkt man, dass Christa sich hier auskennt, hier sicherlich an mancher Jamsession teilgenommen hat.

Inzwischen hat sich die Stimmung im Raum verändert und ich wende den Blick wieder zum Geschehen in der Mitte. Dort hat ein alpenländisches Gesangsduo seinen Auftritt. Beide wirken etwas sonderbar in ihrer Trachtenkleidung. Die Frau wirkt nur wenig weiblich, ihre Waden sind lang und schmal. Der Mann steht wie unter Dampf… Ihre Naturverbundenheit wirkt publikumsgerecht abgeschmirgelt, ohne dass diese jedoch wirklich gebändigt wäre; es soll aber so sein, damit sie weniger derb wirken. Sie haben eine ungewöhnlich kraftvolle Ausstrahlung ohne jede aufgesetzte Freundlichkeit, wie von einem spürbar aggressiven Feuer angetrieben. Sie sind Schamanen und ihr Gesang kann dazu verhelfen, alle Trance zu versetzen, die sich dem öffnen mögen. Der Gesang des Mannes ist besonders eindringlich, so sehr legt er seine Aggression hinein – was eine besondere, positive Schubkraft bewirkt. In monotonem Rhythmus schlägt er einen dicken langen Ast gegen ein eigens aufgebautes Zaunteil aus naturbelassenem Holz, das hier als Schamanentrommel dient. Wirkungsvoll und eindringlich. Dann tritt einer der männlichen Zuschauer zu ihm und greift ihn verbal an. Daraufhin holt der Alpenländer, sein Gesicht ist wutverzerrt, mit seinem Stock weit aus und schlägt diesen mit ganzer Kraft auf das Holz vor sich. So heftig, dass man meint, selbst der starke Stock müsse daran zerbrechen. Er wird stumm ausfallend und doch gelingt es ihm gleichzeitig, seiner Aufgabe als Schamane ohne Unterbrechung gerecht zu werden. Damit gelingt ihn etwas, das mir immer noch unmöglich erscheint: Aggressives und konstruktives Verhalten im positiven Sinne zu vereinen.

Alter Traumpfad:

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