Home » Traumtagebuch » Kuate

Kuate

Traum:

Vor mir auf dem Tisch steht eine Art Klangschale. Mit den Fingerspitzen beider Hände beginne ich sanft zu trommeln. Dabei gerät die Schale mehr und mehr in Schwingung. Inzwischen trifft der Mann ein, mit dem ich verabredet bin – zwar registriert er mich, aber er ignoriert mich, geht wortlos vorbei und nimmt hinter mir an einem entfernten Tisch Platz. Diese Art kenne ich von ihm, so bin ich nicht enttäuscht. Dennoch… ich spüre tiefen Schmerz.

Herrisch – keinen Widerspruch duldend – ruft er: „Ich möchte bedient werden!!“ Neugierig drehe ich mich um, damit ich ihn – den Pferdeschamanen – sehen kann. Lässig sitzt er da und wartet auf die Bedienung. Er ist sich absolut sicher, dass es ihm recht gemacht wird. So ist es dann auch.

Ich wende mich wieder der Klangschale zu und trommele zart weiter. Dabei entspanne ich mich tiefer und tiefer. Schon bald sitzt mir der Mann gegenüber und ergreift liebevoll meine Fingerspitzen und führt sie. Mit unseren Fingerspitzen macht er nachdrückliche Streichbewegungen, die spürbar schwingende Töne erzeugen. Ich erstaunt, mit welcher Perfektion und Leichtigkeit er auf der Klangschale spielen kann. Die Augen geschlossen, gibt er sich voll und ganz der Erzeugung dieser inzwischen geradezu magischen Klänge hin. Er befindet sich inzwischen in einem Trancezustand.

Es ist sehr angenehm, denn so kann ich dies spürend lernen. Zudem empfinde ich die Berührung unserer Hände als sehr angenehm. Immer tiefer und tiefer entspanne ich mich. Ich spüre, wie er sich in uns hineinspürt, und wie dieses Tun ihn immer tiefer in Trance bringt. Gleichzeitig nehme ich wahr, dass er hellwach jede meiner Reaktionen registriert. Die Schwingungen werden immer durchdringender, machtvoller, intensiver… So, als kämen sie aus einer anderen Dimension.

Mit einem Male löst sich der Mann, steht auf und geht. Mein Blick fällt auf die Klangschale. Die schwingenden Klänge entstehen nun ohne sein oder mein Dazutun. Sie haben eine unbeschreibliche Intensität. Beschwörende Gesänge alter Indianer werden laut und füllen den Raum. Immer weiter schwingt und klingt die Schale, während die Indianer in monotonem Gesang ihre beschwörenden Formeln wiederholen. Inzwischen befinde ich mich in tiefer Trance. Die Beschwörungen, die Schwingungen, die Klänge erfüllen mehr und mehr mich und den ganzen weiten Raum.

Ich wende mich um, mein Blick fällt nach links. Ein langer Tunnel aus Holzbrettern – man könnte nur hindurch kriechen, geräumiger ist er nicht. Eine Stimme wird laut: “Es ist entsetzlich!!! Es ist entsetzlich! Schaut in den Tunnel!!! – Entsetzlich!!!” Ich blicke tief und immer tiefer in den Tunnel hinein, der hell erleuchtet ist, und sehe nichts. Da ist doch gar nichts?!?

Mit aller Macht bricht es heraus: eine heißer heller Saft ergießt sich im Tunnel und gebiert eine helle massakrierte Leiche. Oh, es ist entsetzlich! Der Anblick ist grauenvoll. Ich schaue hin und verstehe das alles gar nicht. Die Leiche befindet sich bereits im Auflösungszustand – nur ein Teil der Körperhülle ist noch vorhanden. Das Gesicht leidverzerrt, der Körper offenbar in einer schmerzgekrümmten Haltung. “Ein Mord ist geschehen!!! Ein Mord, ein Mord!!!”, so höre ich Stimmen im Innen und Außen. Fest entschlossen stehe ich abrupt auf und mache mich auf den Weg. Ich werde Es finden, das dafür verantwortlich ist! Ich werde es finden!!!

Es ist Mitternacht – Finsternis – und ich gehe in schwarze weite Gewänder gekleidet an einem alten Haus auf dem Lande entlang. Rechts von mir die schwarzen Höhlen geöffneter Fenster. Ich fühle mich dämonisch, aufrecht, furchtlos und fest entschlossen. Forsch schreite ich voran, ein schwarzer Umhang und meine weiten dunklen Röcke wehen hinter mir her. Der Nachtwind streift spürbar mein Gesicht. In der Ferne die dunklen Umrisse des Waldrandes vor dem dunklen Nachthimmel… gleich, gleich möchte ich in den Himmel aufsteigen… Sehnsucht.

Fast bin ich nun an der hinteren Hausecke angekommen, mein Ziel rückt immer näher… – da sehe ich Es! Es lauert hinter der Hausecke! Dort ist hellstes Licht – ich bin im Vorteil, erkenne Es schon vorher am Schatten, denn das Licht bestrahlt es von hinten. Ich halte inne, schaue den Schatten genau an. Es ist der tödliche Handstock, er schaut aus wie der Schatten einer aufgerichteten Schlange aus Ebenholz. Der Kopf der Schlange sieht aus wie der des Kerberos. Der Schlangenkerberoshandstock hat sich – vibrierend vor Hass – zum Angriff aufgerichtet und holt innerlich aus, wartet nur darauf, dass ich ins Licht trete. Ein Zittern, und absolutes Entsetzen erfüllen mich. Entsetzte und ebenso ehrfürchtige Stimmen schreien: “Kuate!!!! Kuate!!! Kuate!!!” Auch ich bin inzwischen von Schreien des Entsetzens und der Ehrfurcht erfüllt. Was soll ich tun? Wenn ich weitergehe, wird es mich erschlagen, es wird auf mich einprügeln und mich töten. “Kuate…”, flüstere ich, als würde mir das helfen. Dann ertrage ich die damit verbundenen Gefühle nicht mehr, weiß, dass ich damit nicht allein fertig werde. Ich spüre mich innerlich zerbrechen, spüre mein Herz und meine Seele wie feines Glas zersplittern. Das absolut Böse verfolgt mich. Ich drehe mich um, versuche unbemerkt zu bleiben und will Hilfe holen. Ich werde damit nicht allein fertig. Ich komme kaum voran, aber ich muss es wenigstens schaffen und nach Hilfe rufen. Ich höre nur noch “Kuate!!! Kuate!!! Kuate!!! Kuate!!! Kuate!!!– wie Magie, alles um mich und in mir ist von Kuate erfüllt. Es ist mir dicht auf den Fersen, ich spüre es im Rücken. Langsam nur komme ich voran, sehe währenddessen die dunklen Fensterhöhlen. Gleich werde ich die Vorderseite des Hauses erreicht haben. Gleich… gleich…

Klang:
Kuate leno leno maote
Hiano, hiano, hiano
Let me be one with the infinite sun
For ever, for ever, for ever.

Tags: