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Schrumpfende Biovorräte

Traum vom 24. März 2010

Mittwochmorgen. Nach unzähligen Wochen, vermutlich sogar Monaten betrete ich zum ersten Mal wieder den Bioladen, in dem ich heute – so wie eigentlich jeden Mittwoch – Dienst habe. Ein Blick in das Lager zeigt: es gibt keine frischen Vorräte – klar, ich war ja auch nicht da, so konnte ich nichts bestellen. Ein paar kümmerliche Reste liegen im Gemüseregal im Verkaufsraum: eine schlappe, dünne Porreestange, ein braunfleckiges Eckchen gummiaartiger Seelerie, ein wabbeliges Möhrchen und ein Büschel harte Petersilie. Da ich mich so viele Wochen nicht um den Bioladen kümmerte, passte sich sogar das Holzregal dem stark verringerten Angebot an und schrumpfte um einen guten Teil seiner Breite. Trotzdem lässt es sich mit den Resten nur lückenhaft bestücken. Oje, mich quält ein schlechtes Gewissen und dann die Chefin… Sie wird längst bemerkt haben, dass ich mittwochs einfach nicht hier war. Vielleicht haben sich sogar Kunden beschwert, nachdem sie vor verschlossener Tür vergeblich warteten. Oje oje, doch heute kann ich auch nicht öffnen – ist ja nichts da, das zu verkaufen wäre.

Ich gehe durch das Dorf und folge schließlich einer gewichtigen Zigeunerin in ein Haus, wo man Nahrungsergänzungsmittel kaufen kann, die in Deutschland eigentlich nicht zugelassen sind. Die Zigeunerin kommt wegen einer sehr ernsten Sache, nämlich wegen ihrem kranken Kind. Die Naturheilfrau stellt sogleich zwei der gewünschten braunen Arzneigläschen – gefüllt mit je 100 ml hellbraunem Algenpulver – auf den Tisch. Die Zigeunerin fragt wegen der Dosierung, woraufhin die Naturheilfrau sogleich zwei Dosierbecher dazulegt: eines für Erwachsene (10 ml) und eines für Kinder (2,5 ml). Die Zigeunerin freut sich sehr über diese aufmerksame Zugabe und fragt nach dem Preis für alles. Höflich nennt die Naturheilfrau einen Gesamtbetrag über 54,40 Euro. Daraufhin pfeffert die Zigeunerin einen 50 Euro Schein auf den Tisch, rafft die Arzneigläser und Dosierhilfen mit ihrem schwarzen Nonnengewand zusammen und ist fast im gleichen Moment aus dem Haus verschwunden. Ich springe vom Stuhl hoch, blase die Wangen aufgeregt auf, um gleich meiner Empörung Ausdruck zu verleihen. Da Vinci – er sitzt schon die ganze Zeit links am Kopfende des Tisches, nur sah ich ihn dort im Halbdunkel nicht – wirft mir einen missbilligenden Blick zu und fragt unfreundlich: „Hast Du nicht gesehen? Sie ist behindert! Ein Auge hing herab, mit dem kann sie nicht sehen.“
„Ja klar, das hatte ich gesehen! Aber das gibt ihr doch nicht das Recht zu betrügen!“
Da Vincis strafender Blick trifft mich; er hält mich für herzlos, unerbittlich und viel zu streng. Das erschreckt mich. Außerdem sehe ich meinen Standpunkt, ja mein Wertesystem beunruhigend in Frage gestellt.
„Hast Du auch gesehen, wie sie in der Früh vor dem verschlossenen Bioladen stand?“ hakt Da Vinci nach.
Davon wusste ich nicht. Oje, der Bioladen… es gibt keine Entschuldigung dafür, dass ich ihn über einen so langen Zeitraum vernachlässigt habe.

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