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G wie Glas

Traum vom 26. März 2010

Ein Gemeinschaftsraum – vielleicht in einer Hütte im Wald. Drinnen ist es recht dunkel, denn einige der Teilnehmer haben ein langes Brett – vielleicht war es mal eine große Pinnwand – vor den Fenstern angebracht. Einige Schritte davon entfernt stehen nebeneinander und schießen auf diese Wand. Projektile sausen durch die Luft und graben sich mit satten Ploffs in das weiche Holz. Diese Projektile sehen aus wie Mini-Habanos: dicke Zigarren mit edel wirkender Banderole, die an den Enden spitz zulaufen; insgesamt ist eine vielleicht gerade mal fünf Zentimeter lang – Mini-Zigarren zum Probieren. Ich sehe zu, dass ich aus dem Schussfeld komme, auch ist es mir dort zu viel unruhig.

Am Ende der Reihe der Schießlustigen endet auch die Reihe von Tischen, die aneinander gestellt sind. Und genau hier treffe ich völlig unerwartet einen alten Klassenkameraden: Detlef! Ich werde von einer solch umfassenden Herzlichkeit geflutet, dass ich mit weit geöffneten Armen auf ihn zustürme, obwohl wir uns nie so nahe waren. Kurz vor dem Körperkontakt halte ich mit forschendem Blick inne…und schließe ihn, nachdem ich mich vergewissert habe, mit kumpelhaften Schwung in die Arme, wiege ihn leise jauchzend, lege die Hände auf die Schulter, strecke die Arme durch, betrachte seinen Gesichtsausdruck aus diesen Abstand und ziehe ihn erneut an mich. Es ist ja nicht zu fassen! „Du bist ja immer noch wie früher!!“ Aus dem Augenwinkel bemerke ich Herrn Books, der einige Vorbereitungen für ein Seminar trifft und dabei amüsiert unserem Wiedersehen zusieht. Unter den Augen von Herrn Books reiße ich mich – schon aus Anstand – zusammen, sonst wirbelte ich Detlef wohl viel schlimmer hin und her. Aber nicht nur deswegen ist Herrn Books Gegenwart von Vorteil, sondern auch, weil mir dadurch diese überbordende Wiedersehensfreude viel mehr bewusst wird, die sonst im Aktionismus untergegangen wäre. Das bewusste Erleben eines so besonderen Gefühls ist sehr wertvoll. Doch gleichzeitig komme ich doch nicht ganz aus mich heraus.

Einige Schritte weiter, mehr im Bereich der anderen Hüttenhälfte, ist es heller und das Tun der Teilnehmer ist fließender als bei den Schützen. Eine der Frauen, die wohl auch die Leitung eines Kurses innehat, tanzt gerade einen Buchstaben, den wir erraten sollen. Ihre Bewegungen folgen langsam und bestimmt einer klaren Linie, die sich so leicht verfolgen lässt. Vor meinen Augen entsteht ein großes ‘G’ aus Sperrholz – der Buchstabenbauch nimmt viel Raum, wogegen der Buchstabenhaken eher flach ausgebildet ist. Dennoch ergibt es einen harmonischen Gesamteindruck. Ich bin sicher und sage laut: „G!“ Doch das ist wohl zu früh oder die Vorführung soll erst einmal zu Ende gebracht werden. Nur wenig später reicht mir die Tänzerin ein flaches Glasschälchen – wie von Flan – damit ich es dem Kind geben kann, das wiederum darin etwas unbestimmt Gegenständliches einsammeln soll.

Mit dem Glasschälchen trete ich hinaus in nächtliches Dunkel. Inzwischen ist das Glas zu einem riesigen, fast viereckigen, leeren Gurkenglas herangewachsen, das ich – nichtsdestotrotz – fast wie ein kostbares Windlicht vor mir her trage. Im ofenwarmen Straßenlampenlicht, das auf eine Einmündung fällt, bleibe ich an der Bordsteinkante stehen und warte ab, bis alle abbiegenden Autos vorbeigefahren sind, damit ich das Glas ungefährdet über die Straße tragen kann. Einer der Autofahrer schaut zu mir her, zollt meinem bedachten Vorgehen sichtlich Anerkennung, und mir liegt nahe zu sagen: Gesten war es ja auch so. Ich stand am Zebrastreifen und keines der mindestens sieben Fahrzeuge hielt an. Auf die Rücksicht anderer darf man einfach nicht vertrauen.

Schließlich komme ich an; erreiche eine kleine Eingangshalle, wo sich die Anreisenden sammeln. Bald trifft auch Wilma ein – es steht wohl ein Familientreffen an – schaut auf das Glas in meiner Hand und verkündet: „Ich habe auch schon ein Geschenk für die Ältere.“ Sie hebt einen recht großen Präsentkarton mit Sichtfenster hoch. Er ist mit Biergläsern in unterschiedlichsten Formaten gefüllt. Alle Gläser haben das gleiche Motiv vorne drauf: ein kitschiges Waldmotiv mit einem altmodischen Spruchband, wie auf Andenken zu finden. Der Anblick hinterlässt ein unwohles Gefühl und ich frage mich betreten, ob man der Älteren damit wirklich eine Freude macht. Schließlich brauchen all die Gläser auch viel Platz und… also, ich wollte so etwas nicht haben! Andererseits wird Wilma sich ja etwas dabei gedacht haben.

Ich durchquere die schmale Eingangshalle und verlasse sie auf der vorderen Seite, trete durch die Haustür hinaus in die stille Nacht. Im Schein einer Außenleuchte neben der Haustür streife ich meine Stiefeletten über die Füße. Zumindest ist das mein Vorhaben, jedoch behindern mich die Socken, die viel zu locker und zu dick, als dass man schnell mal in die Stiefeletten schlüpfen könnte. Meine Hände kann ich nicht zur Hilfe nehmen, denn in der rechten Hand halte ich immer noch das große viereckige Glas und mit der linken Hand halte ich den Telefonhörer ans Ohr, da ich gerade ein Gespräch mit den Älteren führe. Auf einem Fuß balancierend, versuche ich den nur dünn ankommenden Stimmen zu lauschen, und dabei gleichzeitig mit diesen wurschteligen Socken ins Schuhwerk zu gelangen. Mein Gesicht ist vor Konzentration und Anstrengung ziemlich verzerrt. Letzteres wird mir in dem Augenblick bewusst, da die Älteren neben mir stehen; nämllich an ihren beleidigten Gesichtern, weil ich während des Telefonats mit ihnen so das Gesicht verziehe. Ich erkläre: „Es ist ja nur wegen der Anstrengung und wegen der blöden Socken!“ In Anbetracht der Socken sagt der Ältere: „Man kauft sich ja auch nicht so teure Socken!“ Ich verteidige die Socken und erzähle, dass es sehr gute, haltbare Socken sind, die ich schon lange habe. Der Ältere wird zornig, beharrt darauf, dass teure Socken einen übertriebenen Luxus darstellen. In all diesem Durcheinander und zwischen all diesen Missverständnissen entzieht sich meinem Bewusstsein völlig, dass ich ja gar nicht teure Socken trage, sondern diese im Gegenteil sogar recht günstig waren, damals. Ja, ich schnalle nicht, dass diese ganze Debatte eigentlich überflüssig ist.

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